"Lion: Der lange Weg nach Hause" in der TURN ON-Filmkritik

Das Leben findet einen Weg: In "Lion" ist Dev Patel auf der Suche nach einem vergangenen Leben.
Das Leben findet einen Weg: In "Lion" ist Dev Patel auf der Suche nach einem vergangenen Leben. Bild: © Universum Film 2017

Manche Geschichten sind so unglaublich, dass man sie sich gar nicht ausdenken könnte – das Leben hat sie geschrieben. Saroo Brierley, ein Australier mit indischen Wurzeln, erlebte eine dieser unglaublichen Geschichten. Jahrelang suchte er nach seiner Vergangenheit. Brierley veröffentlichte mit "Mein langer Weg nach Hause" einen internationalen Bestseller, dessen Verfilmung nun prominent besetzt unter dem Titel "Lion" in unsere Kinos kommt. Ob sich das Anschauen lohnt, erfährst Du in unserer Kritik.

Von Michael Schock

Einfach verschwunden: Die Story von "Lion"

Der fünfjährige Saroo schlägt sich mit seinem älteren Bruder Guddu in den Straßen einer indischen Kleinstadt durch, indem sie Lebensmittel von Marktständen stehlen. Ihre alleinerziehende Mutter verdient als Hilfsarbeiterin kaum etwas: Sie schleppt Steine, um ihre Kinder irgendwie durchzubringen.

Guddu zieht daher nachts öfter nochmal los, sucht in Zügen zum Beispiel nach Kleingeld. Eines Nachts sind die beiden an einem fremden Bahnhof unterwegs, als Saroo erschöpft einschläft. Guddu lässt ihn nach erfolglosen Weckversuchen schlafen, um seinen kleinen Bruder später wieder abzuholen.

Nach seinem Nickerchen erwacht Saroo und sucht desorientiert nach seinem Bruder, bloß um kurz darauf wieder in einem leer stehenden Zug einzuschlafen. Als er erwacht, ist der Zug in Bewegung – und auf dem Weg ins weit entfernte Kalkutta. Dort angekommen muss Saroo einigen lebensgefährlichen Situationen entkommen und landet schließlich im Waisenhaus. Den Namen seines Dorfes kennt niemand und er selbst den Namen seiner Familie nicht.

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Langer Weg nach Hause

Saroo ergibt sich seinem Schicksal und hat Glück: Ein liebevolles Paar aus Australien adoptiert den kleinen Jungen. Sue (Nicole Kidman, "The Hours") und John Brierley (David Wenham, "300") kümmern sich um ihn und bieten ihm ein sicheres Zuhause, ermöglichen ihm Bildung und adoptieren sogar ein weiteres Slumkind als seinen Bruder. So wächst Saroo zu einem zufriedenen Mann heran (ab jetzt gespielt von Dev Patel, "Slumdog Millionär"), lebt schließlich mit 30 in Melbourne und hat dort eine großartige Freundin (Rooney Mara, "Carol").

Doch das Rätsel um seine Herkunft lässt ihn nicht los und wirft Saroo schließlich in eine Sinnkrise. Immer wieder sucht er mit Google Maps sein Heimatland ab, nach Mustern, an die er sich erinnern kann. Die erfolglose Recherche führt zu immer mehr Problemen: Die Beziehung kriselt, seine Eltern machen sich Sorgen – bis Saroo endlich meint, den indischen Bahnhof wiederzuerkennen, auf dem er als Fünfjähriger eingeschlafen war …

Große Bilder, noch größere Emotionen

Dem Jungregisseur Garth Davis ist mit "Lion" ein Überraschungserfolg geglückt. Der Australier ist eigentlich Designer und hatte bisher nur Werbespots und einige Serienepisoden inszeniert. Die Gefahr, dass er aus dem Bestseller ein überladenes Kitschfest machen könnte, war entsprechend da. Aber das Gegenteil ist der Fall: "Lion" wirkt wunderbar fokussiert – trotz großer Bilder und imposanter Kamerafahrten über indische Slums und australische Landschaften sowie der durch und durch emotionalen Geschichte. Die Story hat Davis so geschickt gerafft und konzentriert, dass zu keiner Zeit Langeweile aufkommt. Für ein Drama dieser Kragenweite ist "Lion: Der lange Weg zurück" mit knapp zwei Stunden Spielzeit relativ schlank. Ob die Kinderdarsteller der ersten Hälfte oder die gekonnt aufspielenden Stars der zweiten – alle Mimen liefern überzeugende Leistungen und drücken nie überflüssig auf die Tränendrüse.

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Der Lohn: Oscar-Nominierungen nicht nur für den ganzen Film, sondern auch für Dev Patel, Nicole Kidman, die Drehbuchadaption und die Kameraarbeit. Auch der schöne, neoklassische Soundtrack macht "Lion" zu einem eindrücklichen Erlebnis, komponiert von Dustin O'Halloran und dem deutschem Volker Bertelmann alias Hauschka. Schön, dass auch die beiden auf einen Academy Award hoffen können, denn ihre Musik rundet die oft überwältigende Bilderflut erst richtig ab.

"Lion: Der lange Weg zurück" – Fazit:

Diese Romanadaption vergisst man nicht so schnell. "Lion" zeigt die besten Leistungen seit Jahren von Dev Patel und Nicole Kidman, zudem eindringliche Bilder und eine emotionale Geschichte. Ganz ohne überflüssigen Kitsch lässt das Schicksal des jungen Inders Saroo niemanden ohne feuchte Augen zurück. Ein absoluter Oscarfavorit!

TURN-ON-Filmwertung: 4/5

Angebot
Lion: Der lange Weg nach Hause
Lion: Der lange Weg nach Hause
  • Datenblatt
  • Hardware und software
  • Originaltitel
    Lion
  • Produktionsland/-jahr
    USA/UK/AUS 2016
  • Genre
    Drama
  • Besetzung
    Dev Patel, Nicole Kidman, Rooney Mara
  • Regie
    Garth Davis
  • Kinostart (D)
    23.02.2017
TURN ON Score:
4,0von 5
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