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"Philipp Poisel - Mein Amerika": Kritik zum neuen Album

Philipp Poisel ließ sich für sein neues Album "Mein Amerika" von den USA inspirieren.
Philipp Poisel ließ sich für sein neues Album "Mein Amerika" von den USA inspirieren. Bild: © Grönland Records 2017

In Zeiten des frisch angetretenen Donald Trump, des wohl kontroversesten US-Präsidenten aller Zeiten, veröffentlicht der deutsche Singer/Songwriter Philipp Poisel ein Album namens "Mein Amerika". Ob nun Schachzug oder Zufall, inhaltlich jedenfalls stürzt Poisel sich in ein Traumbild des Riesenlandes, passend umspielt von melancholischen Melodien.

Laut Poisel stehen die USA für "Sehnsucht nach Abenteuer, Freiheit und Weite", er identifiziert sie mit der Kultur seiner Jugend und als für ihn prägende Geburtsstädte des Rock und Pop. Der in seiner auf der Bühne demonstrierten Zerbrechlichkeit deutlich jünger wirkende 33-jährige geborene Ludwigsburger hat schließlich selbst eine Karriere hingelegt, die dem "American Dream" ebenbürtig wäre. Im Jugendchor erntete er Schelte für seinen Gesang, das Realschullehramt blieb ein Traum – weil er an der Musikprüfung scheiterte.

Im Februar meldet sich Philipp Poisel mit seinem neuen Album zurück. fullscreen
Im Februar meldet sich Philipp Poisel mit seinem neuen Album zurück. Bild: © Christoph Köstlin 2017

Erst nach einem größtenteils selbst produzierten Debüt wurde Herbert Grönemeyer auf ihn aufmerksam und nahm ihn auf seinem Label Grönland unter Vertrag. Platin fürs zweite Album "Bis nach Toulouse" und Platz eins der deutschen Charts für das Livealbum "Projekt Seerosenteich" ebneten schließlich Poisels endgültigen Aufstieg in die deutsche Liedermacher-A-Liga. Sechseinhalb Jahre brauchte er für "Mein Amerika". Aus dem Mittzwanziger ist ein Erwachsener geworden.

Philipp Poisel: Auf weiter Reise für ein Dutzend Lieder

Philipp Poisels "Mein Amerika" ist aber nicht nur im Sinne eines Fernwehs entstanden, er nahm seine Band und den Produzenten Frank Pils mit ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Das Album nahmen sie auf einer Analog-Bandmaschine in den Blackbird Studios in Nashville, Tennessee auf. Hier komponierten immerhin schon einige amerikanische Größen aller Couleur, wie Taylor Swift, Kings of Leon, Snoop Dogg, Bruce Springsteen oder Miley Cyrus. Ob Indie oder Mainstream, das Blackbird sah sie alle. Bei den Referenzen kann man sich in Poisels Fall eher an die modernen Countrykünstler halten. "Mein Amerika" wird fast durchgängig von Balladen dominiert, deren Sound tatsächlich deutlich internationaler ist und die englisch gesungen auch auf Radiosendern der Staaten laufen könnten. Manches Mal mischen sich passende Retroreferenzen an die 1980er ein, wie in "Zum ersten Mal Nintendo". Passenderweise ist der altmodische Synthie-Sound gerade hip, das spielt dem Liedermacher zu.

Philipp Poisel mit Band fullscreen
Philipp Poisel mit Band Bild: © Grönland Records 2017

Dem Titel entsprechend ist "San Francisco Nights" ein gutes Beispiel für den USA-Stil, mit gezupften Gitarren und einem schmachtenden Poisel, der in gewohnt zerbrechlicher Manier darüber sehnsüchtelt. Der vollere Bandsound hilft dabei, seine Stimme volumiger klingen zu lassen. Das täuscht effektiv über die dünnen Texte hinweg, die immer wieder mal aus dem Notizbuch eines übersensiblen Gymnasiasten stammen könnten. Der nächste Sommer kommt bestimmt, so wie im Mitsing-Ohoho-Finale in "Wenn die Tage am dunkelsten sind". Spätestens hier, bei Lied acht, hat er sich etwas erschöpft, der zittrige Gesang  – in "Für immer gut" verfehlt es schließlich sein Ziel und wirkt müde. Man muss schon in sehr zerbrechlicher Stimmung sein, um Poisels Reise bis ans Ende der schwächeren zweiten Albumhälfte folgen zu können. Hier hätte etwas mehr Abwechslung wirklich Not getan. Nur wenige Stücke ragen aus der Sammlung heraus, sind so treffsicher wie die erste Single "Erkläre mir die Liebe".

Fazit zu "Mein Amerika": Noch einmal mit weniger Gefühl

Auf Dauer ist es schwer zu identifizieren, ob Philipp Poisel auf "Mein Amerika" mit gebrochenem Herzen oder großem Liebesüberschwang kämpft. Während sich die hypersensiblen Balladen und naiven Texte schnell erschöpfen, gefällt der größere Bandsound und das leichte Sonnenuntergangsgefühl in der ersten Albumhälfte. Wer aber noch nicht eingeschworener Fan seines zerbrechlichen Gesangs ist, den wird auch Poisels drittes Album kaum überzeugen. Dafür hätte es etwas mehr Mut und Experimentierfreude gebraucht.

TURN ON-Albumwertung: 3/5

Philipp Poisel - Mein Amerika
Philipp Poisel - Mein Amerika
  • Datenblatt
  • Hardware und software
  • Länge
    52
  • Songs
    12
  • Label
    Grönland Records
  • Singles
    "Erkläre mir die Liebe", "Bis ans Ende der Hölle"
  • 17.02.2017
  • 1
    Erkläre mir die Liebe
  • 2
    Roman
  • 3
    Mein Amerika
  • 4
    Zum ersten Mal Nintendo
  • 5
    Geh nicht
  • 6
    Wir verbrennen unsere Träume nicht
  • 7
    San Francisco Nights (feat. Luisa Babarro)
  • 8
    Wenn die Tage am dunkelsten sind
  • 9
    Für immer gut
  • 10
    Bis ans Ende der Hölle
  • 11
    Das kalte Herz
  • 12
    Ein Pferd im Ozean
TURN ON Score:
3,0von 5
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