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Das Smart Home der Zukunft wird in Hamburg geplant & gebaut

Das Klubhaus an der Reeperbahn in Hamburg zeigt das Titelblatt des aktuellen TURN ON-Magazins.
Das Klubhaus an der Reeperbahn in Hamburg zeigt das Titelblatt des aktuellen TURN ON-Magazins. (©TURN ON 2016)

Wenn Du Post hast, schickt dir Dein Briefkasten eine Nachricht, die Badewanne füllst Du von unterwegs und die Tür schließt Du per Smartphone auf. Zukunftsmusik? Das alles wird demnächst im Apartimentum Realität sein. Die smartesten Häuser Deutschlands werden momentan in Hamburg geplant und gebaut.

Überall hängen dicke, gelbe Kabelstränge an den Wänden, die Böden sind mit Pappe abgeklebt, damit kein Kratzer ins Parkett kommt. "Das hier ist der zentrale Bereich, wo man wohnt und kocht", erklärt Lars Hinrichs. "Das ist immer der größte Bereich in unseren Wohnungen." Der Hamburger Unternehmer und Gründer des Business-Netzwerks Xing ist gerade dabei, sich ziemlich viele Jugendträume eines Computerfreaks alle auf einmal zu erfüllen.

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Apartimentum-Bauherr Lars Hinrichs (rechts). (©TURN ON 2016)

Smart Home der Zukunft mit allen möglichen Vernetzungen

Mit dem Verkauf der Mehrheit seiner Xing-Anteile konnte der Sohn eines Hamburger Großbäckers 48 Millionen Euro erlösen, und es stellte sich irgendwann die Frage, was man mit dem ganzen Geld machen kann. "Betongold war da natürlich naheliegend", sagt Hinrichs. Aber: Das erworbene Haus war doch sanierungsbedürftiger als zuerst gedacht und der Denkmalschutz stellte sich ebenso quer wie die Nachbarn. Das gab Hinrichs Zeit zum Nachdenken, wobei dann der Plan reifte, aus dem Gründerzeitgebäude ein ganz besonderes Projekt zu machen: das Smart Home der Zukunft, mit allen denkbaren Vernetzungen und modernster Technik. Dabei besteht die Besonderheit von Apartimentum vor allem darin, dass man als Mieter bei Hinrichs einen Komplettpreis zahlt und keine Extrakosten für Strom, Internet oder Heizung berappen muss.

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Jetzt stehen die ersten Wohnungen in einer hervorragenden Hamburger Wohnlage am Mittelweg in Rotherbaum fast direkt an der Alster vor der Fertigstellung. Die Neu-Mieter erwartet demnächst dann das komplette technische Komfortprogramm: Der Fahrstuhl wird per App gerufen und steht bereit, wenn man aus der Wohnung kommt. Man braucht natürlich keinen Schlüssel mehr, sondern öffnet die 7000 Euro teure Wohnungstür mit einem Foto oder einem geheimen Code. Wer an der Tür klingelt, erscheint auf dem Smartphone, auch wenn der Mieter gar nicht im Haus ist, so dass man Besucher in die Wohnung lassen kann. Der Paketkasten gibt Bescheid, wenn eine Sendung da ist. Und der besondere Clou: Der Paketbote holt aus diesem Kasten auch Sendungen ab. Es versteht sich von selbst, dass sich alle Lichter in der Wohnung, alle Steckdosen, die Temperatur und sämtliche Geräte per App steuern lassen. Insgesamt 14 der kleinen Smartphone-Programme braucht der künftige Mieter, um wirklich alles abzudecken.

Technische Geräte: In der Wohnung gibt es nur Spitzenmodelle

Stichwort Geräte: Fernseher, Kühlschrank oder Waschmaschine sind inklusive, und es werden nur Spitzenmodelle eingebaut. Das Internet ist per Glasfaser in jeder Wohnung rasend schnell und alle Fenster sind ebenso mit Sensoren ausgerüstet wie etwa das Badezimmer mit der Wanne, in die man von unterwegs schon das temperierte Wasser einlaufen lassen kann – ohne eine Überschwemmung zu riskieren.

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Das alles hat natürlich seinen Preis: Von etwa 3.000 Euro aufwärts für eine 150-Quadratmeter-Bleibe bis hin zu 11.000 Euro für eine der riesigen Dachgeschosswohnungen verlangt der Vermieter Hinrichs und hat dabei eine ganz bestimmte Kundengruppe im Sinn: "Menschen, die sich zwar eine Wohnung kaufen können, aber so mobil sind, dass sie sich nicht durch Eigentum allzu fest binden wollen." Deshalb kann man pro Vertrag auch maximal für fünf Jahre in einer der Wohnungen einziehen. Danach wird der Preis neu verhandelt.

An der Zukunfts-Uni werden Gesten erforscht

Auch in Hamburg arbeitet Professor Kai von Luck. An der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) in Hamburg forscht er zusammen mit seinen Studenten am Thema Smart Home zum Beispiel per Gestensteuerung. "Gesten sind eine komplizierte Sache. Wir haben viele Versuche gemacht, und mit 2D-Gesten klappt es schon ganz gut, aber räumliche 3D-Gesten sind ein Problem", so der Professor. In seinem "Living Space", einem mit Mikrofonen und Kameras vollgestopften nachgebauten Wohnbereich erforscht von Luck etwa auch, wie sich Emotionen und körperliche Zustände in den Gesichtern von Menschen widerspiegeln – um daraus etwa Steuerungsideen für ein Smart Home zu entwickeln.

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So könnte die smarte Wohnung etwa vorschlagen, sich ins Bett zu legen, wenn der Mieter eine Tropfnase hat und demnächst komatös vor sich hinfiebert. Oder im Sommer ein kühles Getränk anbieten, falls der Bewohner unterm Dach besonders viel schwitzt. Aus der Analyse von Schweiß oder Urin könnte die kluge Wohnung ein Frühwarnsystem für bestimmte Krankheiten sein. Von Luck: "Smart Home ist heute meistens die Hausautomatisierung. Wir forschen an wirklich intelligenten Wohnungen, bei denen es darum geht, ob die Wünsche und Gewohnheiten der Bewohner erraten werden können." Demnächst wird der Professor ein spezielles Versuchslabor für mittelständische Unternehmer eröffnen, damit diese die Möglichkeit erhalten, neue Technologien wie Virtual Reality mit ihren Produkten zu testen.

Deutschlands spektakulärste Medienfassade

Ein ganz anderes smartes Hamburger Projekt ist das neue Klubhaus St. Pauli an der Reeperbahn: "Die Stadt wollte hier etwas haben, das bunt, laut und auffällig ist", so Axel Strehlitz, einer der Eigentümer. Zusammen mit dem bekannten Hamburger Theatermacher Corny Littmann und anderen Investoren ist dann eine der spektakulärsten Medienfassaden Deutschlands entstanden. Diese Fassade besteht aus drei Bereichen: einem hochauflösenden Teil oben links, einem Fahrstuhl an der rechten Seite und anderen farbigen Elementen in der Mitte. Die über 6000 Kilogramm schweren Scheiben des Lifts sind so konzipiert, dass die Fenster transparent bleiben und man zwischen den LED-Pixeln noch nach draußen schauen kann.

Die Fassade hat einige ziemlich smarte Funktionen: So können natürlich Bilder und Filme gezeigt werden, aber demnächst wird es in Zusammenarbeit mit dem NDR auch Nachrichten der Tagesschau geben – eher die bunten Themen natürlich. Bereits jetzt kann man die aktuellen Bundesligaergebnisse sehen und zur Eröffnung bestand auch die Möglichkeit, die Fassade wie eine Twitterwall zu benutzen: Von den Besuchern des Spielbudenplatz abgesetzte Tweets erschienen nach kurzer Zeit an der elektronischen Hauswand. Allerdings gab es technische Hürden, sodass diese Funktion derzeit deaktiviert ist.

St. Pauli Klubhaus fullscreen
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Grundsteinlegung St Pauli Klubhaus Axel Strehlitz fullscreen
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Hauptnutzen der Fassade, die immerhin 4,5 Millionen Euro gekostet hat und auch einen größeren fünfstelligen Betrag an Betriebskosten jährlich verbraucht, ist natürlich momentan die Werbung. Derzeit etwa läuft eine Kampagne des Lautsprecherherstellers Sonos. Die Firma ließ den Werbespot extra für die elektronische Hauswand im Hamburger Kiez unweit der bekannten Davidswache aufwendig gestalten. Künftig soll es noch mehr derartig speziell gestalteter Werbung an der Fassade des Kiezklubs geben. Strehlitz: "Schließlich müssen wir die Investitionskosten wieder reinbekommen, die Banken wollen auch Geld sehen." Aber nach eigener Auskunft sind die Klubhausbesitzer auch in Sachen Auslastung der Fassade auf einem guten Weg.

Was aus den Hamburger Projekten wird, ist wenigstens zum Teil ungewiss. Für die Reeperbahn-Fassade gibt's noch viele smarte Ideen und bald auch mehr coole Werbespots. Professor von Luck plant jede Menge neuer Experimente, die die Welt verändern könnten. Und Bauherr Lars Hinrichs sagt: "Wenn die Apartimentum-Idee in Hamburg funktioniert, exportieren wir das Konzept auch in andere Städte."

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