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Mobiles Smart Home: Arbeiten, wo andere Urlaub machen

In diesen smarten Ecocapsules können digitale Nomaden arbeiten und reisen.
In diesen smarten Ecocapsules können digitale Nomaden arbeiten und reisen. (©ecocapsule.sk 2017)

"Digitale Nomaden" nennen sich Leute, die ihr Büro dort aufschlagen, wo es ihnen gefällt. Sie verschieben ihren Lebensmittelpunkt wie andere Termine. TURN ON hat Büronomaden gefragt: Wie lebt es sich im mobilen Smart Home?

Neulich war Armando Constantino mal wieder für ein paar Tage in seiner Heimatstadt Mailand. Der Filmemacher und Regisseur saß morgens in der U-Bahn und schaute in die Gesichter der vielen Leute, die mit müden Augen auf dem Weg zur Arbeit fuhren und dabei auf ihr Telefon starrten oder sehnsüchtig aus dem Fenster blickten. Das bürgerliche Leben in der Großstadt? Das ist nicht Armandos Welt. Als er ein paar Tage später wieder am Steuer seines Minivans saß, auf den iPod klickte, das Fenster öffnete und kühlen Fahrtwind einatmete, spürte er, wo er hingehört.

Armando (40), seine amerikanische Freundin Melony (43), Freelance-Autorin, Social-Media-Expertin und Werbetexterin, sowie ihr gemeinsamer Hund Ziggy Stardog sind "digitale Nomaden". Seit 2012 bereisen sie die Welt in ihrem blauen VW T4 Westfalia, Baujahr 1995, den sie "Mork" getauft haben. Nach dem schrulligen Außerirdischen aus der 70er-Jahre- Sitcom "Mork vom Ork". Urlaub ist das nicht, denn Armando und Melony arbeiten on the road und haben allerhand technisches Equipment mit an Bord. Zu Beginn fuhren sie nach Skandinavien, folgten danach den Straßen Osteuropas, genossen später das maritime Flair am Mittelmeer und verbrachten schließlich sternenklare Nächte in einem Olivenhain in Marokko. Seit ein paar Monaten sind sie nun auf den Straßen Nordamerikas unterwegs und erleben zum ersten Mal gemeinsam den kanadischen Winter. Als digitale Nomaden.

Digitale Nomaden können von jedem Ort der Welt arbeiten

Zwischenstopp: Selbst Weltenbummler wie Armando Constantino, Freundin Melony und ihr Hund Ziggy Stardog müssen Mal pausieren. fullscreen
Zwischenstopp: Selbst Weltenbummler wie Armando Constantino, Freundin Melony und ihr Hund Ziggy Stardog müssen Mal pausieren. (©Armando Constantino 2017)
Mobiles Headquarter: Das digitale Equipment im Van namens "Mork" ermöglicht es, von fast jedem Ort der Welt aus zu arbeiten – und die Touren zu dokumentieren. fullscreen
Mobiles Headquarter: Das digitale Equipment im Van namens "Mork" ermöglicht es, von fast jedem Ort der Welt aus zu arbeiten – und die Touren zu dokumentieren. (©Armando Constantino 2017)

"Viele Leute fragen uns immer wieder, warum wir das machen. Die Antwort ist ganz einfach: Ich will nicht die einsame Person in der U-Bahn sein. Ich möchte das Leben mit meinen Augen, meiner Seele und meinem Körper erfahren", sagt Armando. Der Italiener schneidet unterwegs seine Videoclips und kann eigentlich "von jedem Ort der Welt arbeiten", wie er sagt. Das Einzige, wovon die beiden Globetrotter abhängig sind, ist eine funktionierende Internetverbindung, und die bekommen sie sowohl in der nordafrikanischen Wüste als auch in den verlassenen Wäldern Kanadas hin. "Wir haben an Bord eine WLAN-Antenne, die Signale bis zu drei Kilometer empfängt, sowie einen mobilen Router, für den wir in jedem Land neue Daten-SIM-Karten kaufen. Ansonsten haben wir jeder unser MacBook, ein Smartphone sowie zwei DSLR-Kameras für Videos und Fotos. In Kürze werden wir uns auch noch eine Drohnenkamera zulegen."

Über ihre Website westfaliadigitalnomads.com kann man den vorerst nicht enden wollenden Trip der beiden verfolgen. Ein "normales" Leben kommt für Armando und Melony bis auf Weiteres nicht infrage. "Natürlich erleben wir zwischendurch auch mal den einen oder anderen kritischen Moment: Haben wir an das Visum gedacht? Haben wir noch genügend Geld für den Monat? Für uns ist es einfach toll, zu sehen, wie gut wir auch online arbeiten können, wie sich dabei unsere Fähigkeiten verbessert haben und wie unabhängig wir leben können", sagt Armando.

Ecocapsules: Ein Dach über dem Kopf und trotzdem mobil

Toller Ausguck: Das Wohn-Ei kann ganz einfach an den schönsten Orten der Welt geparkt werden. fullscreen
Toller Ausguck: Das Wohn-Ei kann ganz einfach an den schönsten Orten der Welt geparkt werden. (©ecocapsule.sk 2017)
Im Ei: Die neun Quadratmeter im Mini-Van "Ecocapsule" werden perfekt genutzt. fullscreen
Im Ei: Die neun Quadratmeter im Mini-Van "Ecocapsule" werden perfekt genutzt. (©ecocapsule.sk 2017)
Mini-"Mealismus": Auch die Mikroküche verfügt über alles nötige. fullscreen
Mini-"Mealismus": Auch die Mikroküche verfügt über alles nötige. (©ecocapsule.sk 2017)

"Urban Nomads", wie Menschen wie Armando und Melony weltweit auch genannt werden, schlafen natürlich nicht nur im VW-Bus, hin und wieder brauchen sie auch ein festes Dach über dem Kopf. Für diese Sehnsucht nach einem Zuhause, das nicht zu stationär sein soll, gibt es die "Ecocapsules" (www.ecocapsule.sk), solarbetriebene Mini-Wohnwagen, die glatt aus einem kommenden Science-Fiction-Film von Ridley Scott stammen könnten. Die silberfarbenen Mini-Smart-Homes sind knapp neun Quadratmeter groß, vollständig ausgebaut und auf vorerst 50 Exemplare zum Stückpreis von 79.000 Euro limitiert. Die Versorgung mit Strom und Heizung soll über eine eigene Tablet-App gesteuert werden, für die zweite Generation ist sogar eine Fußbodenheizung geplant.

Digitale Nomaden treffen sich am Strand zur Konferenz

Barefoot-Business: Digitalnomaden Marcus Meurer und Felicitas Hargarten im Fischerdorf Taganga in Kolumbien. fullscreen
Barefoot-Business: Digitalnomaden Marcus Meurer und Felicitas Hargarten im Fischerdorf Taganga in Kolumbien. (©Armando Constantino 2017)
Stuhl statt Hängematte: Auf Bali hat man sich auf arbeitende Traveller bereits perfekt eingestellt. fullscreen
Stuhl statt Hängematte: Auf Bali hat man sich auf arbeitende Traveller bereits perfekt eingestellt. (©Armando Constantino 2017)

Marcus Meurer setzt vorerst auf eine kostengünstigere Variante und nimmt meistens mit der Hängematte vorlieb. Der Gründer der "Digitale Nomaden Konferenz" in Berlin, kurz "DNX", nennt sich selbst "Lifehacker". Das Leben besteht für ihn primär aus Lösungen für Probleme, die von ihm "gehackt" werden. Gemeinsam mit hundert anderen digitalen Nomaden fuhr er etwa vor einem Jahr per Kreuzfahrtschiff nach Brasilien, wo man sich im entspannten Backpacker-Nest Jericoacoara im Nordosten des Landes am Strand zur Konferenz traf. Holzkiste statt Schreibtisch, Flip-Flops statt Lederschuhe. Was auf den ersten Blick vielleicht absurd wirkt, ist längst zum Businessmodell für unzählige Gleichgesinnte geworden, die gemerkt haben, dass sie ihren digitalen Job eigentlich von überall ausüben können.

Oder wie Marcus Meurer im vergangenen Jahr aus der Karibik schrieb: "The beaches are these you know from postcards and the internet is fast and stable." Postkartenstrände und schnelles Internet: Unterwegs kann sich der Technik-Fan stets auf über ein Dutzend von Gadgets verlassen. Meurer zählt auf: "Zur Basisausstattung gehören neben dem favorisierten Laptop der E5372 4G Mobile-WiFi-Hotspot von Huawei für stabile Verbindungen, verschiedene USB-Adapter, die GoPro Hero-3-Kamera und ein Apple MagSafe 2 Power-Adapter für ausreichenden Strom." Gerade Letzterer sei "lebensnotwendig für jeden digitalen Nomaden", wie Meurer sagt, genauso wie der zwölf Liter große Mobile TravelSafe von PacSafe, worin die Gadgets alle sicher per Zahlenschloss verstaut werden. Der Berliner ist seit Herbst 2014 weltweit unterwegs und kehrt im Frühsommer wieder in die urbane Welt zurück – Ende Mai findet in Berlin die nächste Digitale Nomaden Konferenz statt.

Diese und weitere Geschichten findest Du auch in der aktuellen Ausgabe des TURN ON Magazins 01/17, das in allen SATURN Märkten kostenlos ausliegt.

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