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Tüfteln, spielen, Unsinn erfinden: Das coole Leben der "Maker"

Lady Gaga: Die Popcornmaschine von Simone Giertz stopft stoisch hungrige Mäuler.
Lady Gaga: Die Popcornmaschine von Simone Giertz stopft stoisch hungrige Mäuler. (©Alba Giertz 2017)

"Maker" sind Ingenieure, die sich ihre Lo-Fi-Gadgets einfach selbst basteln. Die braucht eigentlich kein Mensch, aber trotzdem machen sie einfach sauviel Spass. Wir stellen fünf Maker vor – aus Deutschland und der Welt.

Eine junge Frau sitzt am Tisch. Während sie sich wortlos in ein Buch vertieft, serviert ein Roboterarm das Frühstück. Oder versucht es. Die meisten Cornflakes schüttet die schreibtischlampenartige Maschine neben die Schale, die Milch vergießt sie komplett. Und das finale Füttern per Löffel misslingt genauso glamourös.

Simone Giertz: Maker-Ikone aus Schweden

"The Breakfast Machine" ist der berühmteste Clip von Simone Giertz. Die 26-jährige Schwedin mit dem amerikanischen Akzent lebt in San Francisco und ist mit ihrem YouTube-Kanal die selbsternannte Königin der "Shitty Robots", der beknackten Roboter. Seit Jahren bastelt Simone treudoofe, ungeschickte Maschinen, meist getrieben von Modellbau-Motoren und Arduino-Minicomputern. Die Roboter versagen als Zahnputzassistenten, Shampoo-Verteilgeräte, als massakrierende Maniküre-Maschine

"Angst habe ich nicht vor meinen Robotern, aber manchmal frage ich mich schon, was zum Teufel ich da erschaffen habe", sagt Simone, der handwerkliche Qualität weniger wichtig zu sein scheint, als ihre verspielten Ideen schnell umzusetzen. Natürlich mit viel Klebeband, einem "unvermeidlichen Element von Do-it-yourself". Und mit trockenem Slapstick-Humor, dem eigentlichen Antrieb all ihrer "Schönen, sinnlosen Maschinen"-Filme. Die in ihrem Scheitern an Alltagsaufgaben zeigen, wie die Zukunft eines Tages aussehen könnte. Oder nie.

Simone, die mit ihren Videos auch Zuschauer außerhalb der Tech-Blase erreichen will, ist längst angekommen: in der Liga der internationalen YouTube-Stars, als Moderatorin beim YouTube-Kanal Tested.com und sowieso als prominentes Aushängeschild der Maker-Szene.

Robin Baumgarten: Maker und Gamer

 Wob-Wob: Robin Baumgarten hat "Line Wobbler" erfunden. Spieler müssen einen farbigen Pixelpunkt durch meterlange LED-Streifen manövrieren. Wir meinen: Leider genial! fullscreen
Wob-Wob: Robin Baumgarten hat "Line Wobbler" erfunden. Spieler müssen einen farbigen Pixelpunkt durch meterlange LED-Streifen manövrieren. Wir meinen: Leider genial! (©TIFF 2017)

Maker sind jene modernen Do-it-yourself-Hobbyisten und Bastler, die mit Elektronik und Programmierung genauso herumspielen wie mit Holz und Metall, die jedoch zum Beispiel 3D-Drucker, Lasercutter und das Internet nutzen, aber ihre Ergebnisse selten so unterhaltsam präsentieren wie die schwedische Königin der Quatschroboter. Spaß bringt Makern das Tüfteln aber immer – und manchmal ist auch das fertige Projekt ein minimalistischer Riesenspaß.

Robin Baumgarten zum Beispiel würde "sein ganzes Leben am liebsten nichts anderes machen, als seine wilden Ideen für experimentelle Games-Controller und Hardware-Experimente umzusetzen". Der Londoner nennt sich "Experimental Hardware Game Developer" und ist einer der berühmtesten Bastler im Grenzbereich von Computerspielen und der Maker-Kultur.

Vor allem wegen "Line Wobbler", seinem wohl einfachsten, aber beeindruckendsten Hardware-Game: ein "1D-Dungeon-Crawler", worin der Spieler einen farbigen Pixelpunkt über einen meterlangen LED-Streifen bewegt und dabei allerhand bunte Gegner besiegen muss – durch möglichst schnelles Herumwackeln. Als Joystick dient die elastische Spiralfeder eines Türstoppers, an deren Spitze Robin einen Bewegungssensor befestigt hat. Minimalistischer und gleichzeitig süchtig machender? Geht kaum!

Und weil es überall Wände gibt, an denen diese Spieleerfindung aufgehängt werden kann, ist Robin mit dem Line Wobbler ständig zu Gast auf internationalen Gamingfestivals und erfindet zwischendurch ständig Neues: Gummiband-Spielsteuerung? Virtueller Katzen-Streichel-Handschuh mit Handy-Vibrationsmotoren? Geht alles! Nur zur Marktreife hat es bisher keines seiner genialen Hardware-Games gebracht.

Mitch Altman: Kalifornischer Cyber-Hippie

 Switch off: Einer von Mitch Altmans Lieblingssätzen lautet: "Tut das, was ihr liebt, und die Welt wird ein besserer Ort." Ganz besonders mag er seinen UniversalAbschalter, den er 2004 gebaut hat. fullscreen
Switch off: Einer von Mitch Altmans Lieblingssätzen lautet: "Tut das, was ihr liebt, und die Welt wird ein besserer Ort." Ganz besonders mag er seinen UniversalAbschalter, den er 2004 gebaut hat. (©Dennis van Zuijlek 2017)

Anders als eine berühmte Schlüsselanhänger-Fernbedienung vom kalifornischen Maker- und Virtual-Reality-Pionier Mitch Altman. Sein "TV-B-Gone" (ungefähr: "Fort mit dir, Fernseher!") hat nur einen Knopf, der fast jeden gängigen Fernseher in wenigen Sekunden ausschaltet. Bereits 2004 hat Mitch den Universal-Abschalter erfunden und davon längst über eine halbe Million Stück verkauft, chinesische Klone und vielerorts selbst gelötete Exemplare nicht mitgezählt.

Dass bösartige Spaßvögel in so manchem Elektromarkt für einen temporären Blackout der Flatscreen-Wände gesorgt haben, ist Mitch egal. "Ich will niemandem vorgeben, was er tun soll – und was nicht. Ich mache nur provokante Statements. Und hoffe, damit ein paar Gedanken auszulösen", sagt Mitch, der in Kalifornien lebt.

Dabei gibt er Elektronik-Workshops, in denen neben den Fernbedienungen auch Synthesizer oder elektronische Halluzinations-Sonnenbrillen entstehen. "Wir haben ein inneres Bedürfnis, Dinge zu erfinden. Auch wenn wir heute alles kaufen können! Das ist in unserer DNA", findet der Cyber-Hippie und fördert die globale Hackerspace-Szene: geteilte Werkstätten, Treffpunkte und Abhäng-Orte in immer mehr Städten, an denen Hacker und Maker zusammenkommen, ähnlich wie bei den Ausstellungen, den Maker Faires.

"Wir alle haben so viel davon, wenn wir gemeinsam an Projekten arbeiten und herumspielen", betont Mitch. Und hat für seine „vielen Bastelprojekte, die Kindern und Einsteigern Technik und Löten näherbringen" in München Anfang Mai den "Freie-Maker-Award" erhalten. Verliehen hat diesen Preis Mario Lukas, Vorsitzender des Bastlervereins "Freie Maker e.V." und ein Antriebsfaktor der wachsenden deutschen Maker-Szene.

Mario Lukas: "Star Wars"-Hologramme auf Ikea-Tisch

Mario hat Informatik studiert und programmiert tagsüber Hausautomationen. Abends tüftelt er im Keller, in der vereinseigenen Werkstatt und dem Aachener FabLab. Sein bekanntestes Projekt: ein 3D-Scanner, der leicht bedienbar ist und außerdem Open Source. Jeder kann also die Baupläne und Software des Laser-Scanners frei herunterladen, alles nachbauen – und dann selbst 3D-Objekte digitalisieren.

Als "einer, der ständig auf Ideen kommt, die andere schnell als verrückt bezeichnen", gilt Mario und stimmt lachend zu. "Ich habe schon manchmal Ideen, bei denen die Leute mir einen Vogel zeigen – manchmal klappt es dann zwar wirklich nicht. Aber meistens schon!"

Früher hat Mario mal einen Toilettenpapierdrucker gebaut, später den Hologrammtisch "Lumicator", bei dem Ultraschall-Vernebler und ein Beamer ein "Star Wars"-ähnliches Hologramm auf einen umgebauten Ikea-Tisch zaubern.

Hannah Perner-Wilson: Zwischen Fashion und Elektronik

 Huten Tag! Hannah Perner-Wilson hat den grüßenden "Hallo-Hut" erfunden. fullscreen
Huten Tag! Hannah Perner-Wilson hat den grüßenden "Hallo-Hut" erfunden. (©Moritz Metz 2017)

Aus Alltagsgegenständen mehr machen, das ist auch eine der Arbeitsweisen von Hannah Perner-Wilson. In ihrem Berliner Atelier gibt es Lötkolben und Nähmaschinen, LED-Lampen und leitfähiges Garn. Hannah "fasziniert die Verbindung aus Textilien und Elektronik", genauer "das Handwerkliche vom Textilen mit dem Technischen aus der Elektronik".

Seit Jahren entwickelt Hannah textile Sensoren, die in Wearables integriert werden können, also Kleidungsstücke mit eingebauter Elektronik: Dinge wie den "Streichel-Sensor" für blinkende LED-Westen, die auf Schulterklopfen Buchstaben abspielen könnten. Oder den "Hallo-Hut", der, wenn man sich verneigt, eine freundliche Begrüßung trällert.

Praktischen Nutzen müssen ihre Kreationen nicht haben, sagt Hannah, viel wichtiger sei ihr das Experimentieren. Hannahs Website ist voller Anleitungen ihrer vergangenen Projekte, sie heißt "How to Get What you Want". Wie allen Makern hilft Hannah das Internet: "Ich schätze sehr, dass man über das Netz zu allem Wissen gelangt. Und deshalb stelle ich auch meine Projekte online, damit andere etwas lernen!" Was man aber möchte als Maker, das findet man durch einen Weg am besten heraus: Ausprobieren und Herumspielen. Die Möglichkeiten sind endlos.

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