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Gesund oder Quatsch? Das Märchen der 10.000 Schritte

Mehr Bewegung ist immer gut – selbst wenn es nicht unbedingt zu 10.000 Schritten reicht.
Mehr Bewegung ist immer gut – selbst wenn es nicht unbedingt zu 10.000 Schritten reicht. (©Shutterstock/Marish 2017)

Wer heute besonders gesund leben will, achtet darauf, dass er täglich mindestens 10.000 Schritte läuft. Aber woher kommt die Zahl eigentlich?

Nein, es sind nicht 8728 Schritte oder 11.941. Genau 10.000 müssen es sein, raten Gesundheitsexperten, und dann vermeidet man, was niemand haben will: Diabetes, Schlaganfall, Herzinfarkt, Demenz. Zudem verschwindet der Speck, und die Lebenserwartung steigt um bis zu neun Jahre. Gwyneth Paltrow und Cameron Diaz, Barack Obama und Serena Williams, Richard Branson und Robert Pattinson, die Liste der prominenten Schrittezähler ist lang. Bis zum Jahr 2019 wird der Markt der Fitness-Tracker weltweit auf knapp fünfeinhalb Milliarden Dollar wachsen, erwartet etwa die IT Consulting-Firma Parks Associates. Der größte Umsatzbringer: Schrittzähler. Bei den meisten Geräten ist 10.000 als Ziel voreingestellt.

 Von modisch chic bis sportlich klassisch: Fitness-Tracker liegen derzeit voll im Trend. fullscreen
Von modisch chic bis sportlich klassisch: Fitness-Tracker liegen derzeit voll im Trend. (©Fitbit 2017)

Dabei gibt es keinen einzigen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass derjenige, der täglich 10.000 Schritte läuft, besonders lange und besonders gesund lebt. "The idea of 10.000 steps was never evidence-based", sagt Dale Esliger, Doktor der Bewegungslehre, Schule für Sport- und Trainingswissenschaft an der Universität Loughborough in England. Die Weltklasseläufer Paula Radcliffe und Sebastian Coe wurden hier ausgebildet. Esliger sagt: "Es war einfach eine gute Message." Und Catrine Tudor-Locke, die Leiterin des Lehrstuhls für Bewegungswissenschaft an der Universität Massachusetts ist, ergänzt: "Es war schlicht ein Slogan, genauso wie 'Just do it'." Er wirkt schon seit über fünf Jahrzehnten.

Banzai! Jeder Schritt zählt

1963, die Sportbegeisterung in Japan ist aufgrund der Olympischen Spiele in Tokio im darauffolgenden Jahr auf ihrem Höhepunkt, beschwerte sich ein Mann namens Iwao Ohya, damals Leiter einer der größten Kliniken der japanischen Hauptstadt, bei einem Bekannten über seine immer dicker und kränker werdenden Landsleute. Würde jeder einfach mehr zu Fuß gehen, gäbe es weniger Probleme. Der Bekannte, Eigentümer einer kleinen Elektrofirma namens Yamasa, hörte zu, dachte nach – und brachte zwei Jahre später den ersten Schrittzähler der Welt auf den Markt: den Manpokai, was in etwa "10.000-Schritte-Messgerät" bedeutet.

"10.000 ist eine Glück verheißende Zahl in der japanischen Kultur", sagt Theodore Bestor, Leiter des Instituts für Japanologie an der Universität Harvard. Tatsächlich wird die direkte Übersetzung der Zahl, "Banzai", immer dann ausgerufen, wenn etwas Freude und Glück für die nächsten 10.000 Jahre bringen soll. Wer heiratet, ruft Banzai. Wer an einer Hochschule zugelassen wird: Banzai. Wer einen guten Freund nach langer Zeit wiedersieht: Banzai. Wer ein Produkt mit besonders viel Bedeutung aufladen will: Banzai. 10.000.

 Ursprünglich sollten zum normalen Tagespensum noch weitere 10.000 Schritte gegangen werden. fullscreen
Ursprünglich sollten zum normalen Tagespensum noch weitere 10.000 Schritte gegangen werden. (©Getty Images/iStockphoto 2016)

Das Gerät wurde solch ein Riesenerfolg, dass sich kurz darauf der "Japanische 10.000-Schritte-Laufverein" gründete, der bald überall Wettbewerbe organisierte, bei denen 10.000 Schritte gegangen wurden. Das Interesse im Ausland an dem Schrittzähler war indes so gering, dass Hersteller Yamasa erst 1988 eine eigene Exportabteilung gründete, mehr als zwanzig Jahre nachdem das Gerät auf den Markt gebracht worden war. Wurde das Gerät in Japan noch mit dem Slogan "Gehen Sie zusätzlich 10.000 Schritte täglich" beworben, wurde das "zusätzlich" im Laufe der Zeit vergessen – vor allem im Westen.

10.000 Schritte sind immer noch zu wenig

Außerdem bezogen sich die Schritte auf Japaner in den 1960er-Jahren – ein Japaner nahm zu dieser Zeit durchschnittlich 2632 Kalorien täglich zu sich. Laut Welternährungsorganisation isst ein Deutscher heute 3540 Kalorien täglich (Amerikaner schaffen 3750 und sind damit doch nur Zweite hinter den Österreichern mit 3800). Dabei hat die tägliche Bewegung im Zuge von Automatisierung und Digitalisierung in den letzten 50 Jahren eher noch abgenommen. Selbst wenn die 10.000 Schritte eine wissenschaftliche Grundlage hätten: Es wäre wohl eher nur die Hälfte von dem, was nötig wäre.

Aber Sport ist gesund. Und 10.000 Schritte am Tag sind vermutlich mehr, als die meisten Menschen zurücklegen (vielleicht aber auch nicht, denn wie viele Schritte jeder Deutsche täglich zurücklegt, weiß niemand. Es gibt dazu keine Daten). Man kann also wenig falsch machen. Und das ist ja immerhin schon mal was.

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