Ratgeber

Glücklich wie die Dänen: Probier's mal mit Hygge

Nordische Lässigkeit: Dänen treiben nicht nur gern Sport, sie lieben auch gutes Essen – beides am liebsten draußen und mit reichlich Freunden.
Nordische Lässigkeit: Dänen treiben nicht nur gern Sport, sie lieben auch gutes Essen – beides am liebsten draußen und mit reichlich Freunden. (©Getty Images/Hinterhaus Productions 2017)

Auch Selbstoptimierern geht es am Ende darum, zufriedener zu leben. Das haben die Dänen raus. Sie sind Weltmeister im Glücklichsein. Das dänische Rezept dafür heisst "Hygge" und ist gerade auf Welttournee.

Als Mary, dänische Kronprinzessin, Ende letzten Jahres eine Business-Delegation ihres Landes in die USA begleitete, war sie voll des Lobes. Das Abschlussdinner sei wahrlich "hyggelig" gewesen, befand die Monarchin mit leuchtenden Augen. Hyggelig? Was klingt wie Kuscheln auf Elbisch, meint in Wirklichkeit eine Art dänischen Glücks-Zaubertrank. Genauer: eine Mixtur aus Genuss und Geselligkeit.

Und die scheint prima zu funktionieren. 2016 belegte Dänemark im Ranking der glücklichsten Länder wieder einmal Platz eins. Deutschland landete in dem von der New Yorker Columbia-Universität für die Vereinten Nationen erstellten "World Happiness Report" abgeschlagen auf Platz 16. Auch in anderen Ländern auf den unteren Tabellenrängen der Glücksliga wie Großbritannien (Platz 23) und den USA (Platz 13) ist es deshalb schwer angesagt, sich etwas abzugucken vom zufriedensten Volk der Welt. Früher blickten die Glückssucher den Südländern hinterher, um sich vom italienischen "dolce far niente" zu süßem Nichtstun ermutigen zu lassen. Heute wandern die Augen und Sehnsüchte gen Norden.

Higge ist hip – aber wie geht Hygge?

Hygge ist hip. In den Collins und Oxford Dictionaries ist der Begriff neben "Brexit" und "Trumpism" als Wort des Jahres 2016 gelistet. "Ten Reasons to Hygge: It Will Make You Happier, Fitter and Slimmer!" lautet eine von vielen typischen Schlagzeilen britischer Magazine. Doch wie soll es gehen, mit Kakao vorm Kamin, Hackbällchen in der Hand und "Frokost", dem in Dänemark beliebten zweiten Frühstück inmitten guter Freunde, schlanker und fitter zu werden? Also dem genauen Gegenteil von Disziplin und Diät? Gar nicht. Alles ist, wie so oft, ein bisschen komplizierter.

 Frohe Koste: Das üppige zweite Frühstück mit vielen Freunden hat in Dänemark Tradition und nennt sich "Frokost". Es gleicht dem "Brunch", wird jedoch gern auch alltags praktiziert. Auf diesen hyggeligen Plan ein herzhaftes "Skål". fullscreen
Frohe Koste: Das üppige zweite Frühstück mit vielen Freunden hat in Dänemark Tradition und nennt sich "Frokost". Es gleicht dem "Brunch", wird jedoch gern auch alltags praktiziert. Auf diesen hyggeligen Plan ein herzhaftes "Skål". (©Getty Images/Hinterhaus Productions 2017)

Wer im Sommer oder Winter zum Beispiel an einem der schönen Strände Kopenhagens entlangspaziert, sieht Dutzende von Menschen in Neopren vor dem Horizont ihre Bahnen ziehen – Schwimmtraining, nicht selten für einen Triathlon. Ein gemütlicher Strandtag sieht anders aus. Denmark.dk, die offizielle Website des Landes, wirbt damit, dass Kopenhagen mehr Fahrräder als Einwohner habe. Die Stadt, in der ein Viertel der dänischen Bevölkerung lebt, besitzt eine eigene Fahrradautobahn und wurde jüngst zur weltweit einzigen "Bike City" gekürt. Radler haben hier eine eigene Zeichensprache entwickelt, mit der sie den Verkehr auf ihrem üppigen Wegenetz regeln. Ohne die Handzeichen gäbe es Chaos. Tiefenentspannt ist das nicht, aber enorm effizient. Für das nötige Quäntchen Hygge sorgt der bequeme Ledersattel, der auf Tourenbikes und selbst Fixies montiert wird. Nirgends ist die Dichte an Sätteln der Traditionsmarke "Brooks" so hoch wie in der dänischen Hauptstadt.

Auch das Joggen ist in Dänemark keine Plauderstunde: "Noch nie sind so viele Menschen locker lächelnd an mir vorbeigezogen", erzählt Vera Thomsen. Die 38-jährige Berlinerin hatte ein paar Monate beruflich in Aarhus zu tun. An der Spree trainiert sie regelmäßig für ihr Hobby, den Marathonlauf, und ist es gewohnt, andere Jogger locker abzuhängen.

Hygge heißt auch: Disziplin

Hygge dreht sich eben nicht nur darum, gutes Essen, Hochprozentiges und die prima Polsterung des Sofas zu genießen, sondern auch die Natur. Dort, wo die Nationalflagge "Dannebrog" weht, spürt man gern Regen, Wind und Sonne auf der Haut und die Kraft im eigenen Körper. Laut Statista betrug der Umsatz im dänischen Einzelhandel mit Fahrrädern, Sport- und Campingartikeln 2016 knapp 1,13 Milliarden Euro, bei nur 5,6 Millionen Einwohnern überaus beachtlich. (Zum Vergleich: In Deutschland waren es 7 Millionen Euro.)

Michael Booth weiß das und ist weit davon entfernt, Hygge auf Wollsocken, Glögg und stimmungsvolles Relaxen zu reduzieren. Der in Dänemark lebende britische Journalist attestiert seiner Wahlheimat im Bestseller "The Almost Nearly Perfect People" ein enormes Streben nach Perfektion und eine gehörige Portion Disziplin. Hygge funktioniert so gut, weil es Stress ausgleicht und nicht weil es ihn eliminiert, davon ist auch der dänische Anthropologe Jeppe Linnet überzeugt.

Auf die richtige Balance kommt es an!

Die dänische Glücksphilosophie braucht also, um wirklich Spaß zu machen, sehr wohl ein aktives Echo. Einfach nur so vor dem abendlichen Kaminfeuer zu entspannen, ist eben sehr viel weniger befriedigend, als es nach einer Kajaktour, einer Wanderung oder dem Schwimmtraining zu tun. Und auch wenn vielerorts noch der Mythos von der simplen, schweinefleischdominierten Kost nach Wikinger-Art gepflegt wird, gilt auch das in Dänemark nur noch zur Hälfte. Mit dem "Noma" residierte bis kürzlich einer der weltbesten und innovativsten Gourmettempel in Kopenhagen, und Food-Enthusiasten feiern seit Jahren die Qualität der "Neuen Nordischen Küche", die Bodenständigkeit mit Experimentierfreude verbindet.

Es ist eben die Balance, die zählt. Gegensätze eng nebeneinanderstehen zu lassen und entspannt auszutarieren, ist nicht zufällig ein Kennzeichen der dänischen Gesellschaft. Nur 27 Minuten sind es zu Fuß von Kopenhagens Schloss Amalienborg, in dem Kronprinzessin Mary mit ihrem Gatten Frederik residiert, bis zum Müsli-Freistaat Christiania. Wenn es der Zeitplan zulässt, schwingt sich die Schlossherrin aufs Rad, um ihre jüngsten Kids in den Kindergarten zu kutschieren. Bei dem Modell handelt es sich übrigens um ein gemütliches Lastenrad, das sogenannte Christiania-Bike. Ganz schön hyggelig, Mary!

Neueste Artikel zum Thema

close
Bitte Suchbegriff eingeben