Story

Göttliches Klima für die Kunst: Alte Meister, smarte Technik

Klima für die Kunst 1
Klima für die Kunst 1 (©Mimmo Chianura/REX/Shutterstock 2017)

Die Sixtinische Kapelle in Rom ist ein Heiligtum der Renaissance und einer der schönsten Orte der Welt. Damit das so bleibt, kommt eine Technik zum Einsatz, die es so ähnlich in jedem Haushalt gibt.

Wenn man die Augen schließt, unterscheidet sich die Sixtinische Kapelle in Rom im Vorfeld nicht wirklich von anderen Sehenswürdigkeiten. Guides, um Kunden bemüht, preisen die Kirche in den Nebenstraßen lautstark und beharrlich an: Haben Sie schon gesehen? Kommen Sie rein! Müssen Sie erlebt haben! Wollen Sie bei Ihren Bekannten mal richtig angeben?

Hat man dann ein Ticket gelöst und ist Teil des Touristenheers, macht man das, was alle machen, natürlich: zur Kunst an der Decke sehen, dabei ständig den Kopf drehen und gleichzeitig laufen, weswegen jeder ständig mit jedem zusammenstößt, was permanentes Entschuldigen nach sich zieht. Und so ist es laut, obwohl es leise sein sollte, es wird gerempelt und gestoßen, und von hinten drängen ständig neue Besucher nach: Auf jedem Hauptbahnhof ist weniger los. Tagesgeschäft.

Auf den Spuren der Alten Meister

Kein Wunder, schließlich ist die Sixtinische Kapelle der Star unter den Kapellen. 1483 eingeweiht, Ort der Papstwahl, Ausmaße wie der biblische Tempel Salomons, Weltkulturerbe. Und Heimat einiger der berühmtesten Gemälde der Welt: Sandro Botticelli hat sich hier verewigt, Pietro Perugino, Cosimo Rosselli und natürlich Michelangelo Buonarroti. Dessen Erschaffung Adams – Gott erweckt Adam mit ausgestrecktem Zeigefinder zum Leben – ist vermutlich einer der am meisten reproduzierten Ausschnitte eines Kunstwerks überhaupt, garantiert aber der bekannteste Teil der neun Deckenfresken und 350 biblischen Figuren. Nach vierjähriger Arbeit wurden die Kunstwerke 1512 enthüllt.

 Berühmter Fingerzeig In der Darstellung der Erschaffung Adams springt gleich der Funke über – der Lebensfunke, der von Gottes Hand auf den ersten Menschen übergeht. fullscreen
Berühmter Fingerzeig In der Darstellung der Erschaffung Adams springt gleich der Funke über – der Lebensfunke, der von Gottes Hand auf den ersten Menschen übergeht. (© 2017)

Und seither gibt es dieselben Probleme, die jedes normale Wohnzimmer hat. Und sie werden gelöst mit Gadgets, die jedes Wohnzimmer haben könnte. Die es im Bau- und Elektromarkt gibt, mehr oder weniger jedenfalls. Man kennt das ja von zu Hause: Wenn man nicht richtig lüften kann, ist es mal zu heiß, mal zu kalt, die Luft steht, dann fließt sie zu schnell, es ist stickig, und Feuchtigkeit sammelt sich an den Wänden. Irgendwann fällt ein Stück Putz aus der Wand, und weil man gerade keine Lust zur Renovierung hat, schmiert man die Stelle schnell zu. Außerdem kann man in einem hohen Raum schlecht unter der Decke putzen. Das einfallende Sonnenlicht blendet, und die Bilder an der Wand verblassen. Macht man die Vorhänge zu, sieht man nichts, und wenn man ab und an mal eine Kerze anzündet, um es gemütlich zu haben, ist gleich der ganze Raum verrußt. Dazu kommt: Besuch nervt oft, denn er macht alles schmutzig und betatscht Dinge, die man lieber nicht anfassen sollte. Zudem wirbelt er Staub auf und schwitzt, stößt beim Atmen Kohlendioxid aus und gibt Wärme ab, die zu Wasser kondensiert. Und wenn viel Besuch kommt, sehr viel, bis zu 20.000 Menschen täglich, knapp sechs Millionen im Jahr, ist am Ende das Bild kaputt.

Restauration enthüllte ganze Farbpracht

In der Sixtinischen Kapelle führte das dazu, dass die Gemälde mit der Zeit immer dunkler wurden, wortwörtlich ein Schatten ihrer selbst waren. So weit ging das, dass frühere Kunsthistoriker annahmen, Michelangelo habe absichtlich in dunklen Farben gemalt und so sein Werk verschleiert. Eine erste Renovierung von 1982 bis 1994, bezahlt von einem japanischen TV-Sender, hatte eine solche Farbenpracht freigelegt, rosa, gelb, blau, die Formen kraftvoll, die Haut fleischig, dass das Ergebnis von manchen Experten angezweifelt wurde. Hatte nicht jahrhundertelang Konsens in der Forschung über den magisch-dunklen Michelangelo geherrscht?

Dabei war die Kunst nur verfallen. 2010 schlugen dann die Kuratoren der Museen des Vatikan erneut Alarm: Die Sixtinische Kapelle war zu beliebt. Die alte Klimaanlage konnte die ständig wachsende Besucherzahl schon lange nicht mehr bewältigen. Die Kapelle war in ihrer Existenz bedroht. Man brauche, legten die Experten dar, ein System, das Luft bearbeite, Tageslicht simuliere, Staub wegschaffe und gleichzeitig Wärme gegen Kälte tausche und umgekehrt. Ein System, das reagieren kann, mit möglichst wenig Aufwand. Ein Smart Home, etwas größer vielleicht.

 Nur Geduld! Denn die braucht man schon, bevor man endlich in die Sixtinische Kapelle gelangt ist. Schneller geht’s frühmorgens und zu sehr später Stunde – gegen Aufpreis. fullscreen
Nur Geduld! Denn die braucht man schon, bevor man endlich in die Sixtinische Kapelle gelangt ist. Schneller geht’s frühmorgens und zu sehr später Stunde – gegen Aufpreis. (©Xenia Demetriou - xeniaphotos.com/Alamy Stock Foto 2017)

Die Aufgabe war nicht ganz klein: "Als wir mit dem Entwurf des Systems anfingen, sollten wir in Größenordnungen von sechs, sieben Jahrhunderten denken", sagt Michel Grabon, Chef von AdvanTE³C Solutions, einer Tochterfirma des amerikanischen Klimaanlagenherstellers Carrier. "Wir sollten es als Aufgabe für die Menschheit betrachten."

Meisterwerke brauchen meisterhafte Technologie

"Unser Ziel war nicht die Restaurierung, sondern die Erhaltung", sagt Antonio Paolucci, Direktor der Vatikanischen Museen. "Für ein Meisterwerk wie die Sixtinische Kapelle benötigten wir ein vergleichbares Meisterstück an Technologie." Denn betreten Menschen die Sixtinische Kapelle, steigt dort eine Säule warmer Luft auf. Diese verteilt sich an der Decke, kühlt ab und strömt an der Wand wieder nach unten, dabei Feuchtigkeit und Ablagerungen hinterlassend. Gerade, wenn es draußen kalt ist und viele Besucher in der Kapelle sind, ist der Temperaturunterschied zwischen Innen und Außen so groß, dass zusätzlich Wasser kondensiert und mehr Luft fließt, obwohl es gleichzeitig stickiger ist, weil die Kohlendioxidkonzentration steigt. Für ein gutes Innenraumklima, bei dem keine zusätzliche Feuchtigkeit entsteht, die den Gemälden schaden könnte, wird dann mehr Luft benötigt. Gleichzeitig dürfte aber idealerweise überhaupt keine Luftbewegung stattfinden, damit aufgewirbelter Staub keinen Abrieb auf den Kunstwerken schafft. Die Lösung sollte lange halten und einfach sein, Besucher durften nichts von dem System bemerken, und an der Bausubstanz der Kapelle durfte auch nichts verändert werden.

Es werde Licht!

Zudem sollte im Zuge der Sanierung auch das Licht neu gestaltet werden – stammte die alte Halogenbeleuchtung noch aus den 1980er-Jahren, sollte das neue Licht alles können. Die Gemälde besser zur Geltung bringen und deren Farbwiedergabe deutlich verbessern. Die Beleuchtungsstärke erhöhen und das Licht auf die einzelnen Pigmente der Farben abstimmen. Eine leichte und dennoch totale Ausleuchtung sollte es werden, ohne eine besondere Betonung eines einzelnen Werks. Keine Option war es, einfach mehr Lampen zu benutzen, schließlich geben Halogenlampen neben dem sichtbaren Licht auch ultraviolettes ab, das die Malereien angreift.

 Die absoluten Hingucker der Sixtinischen Kapelle sind die Deckenmalereien, die Michelangeloim Auftrag von Papst Julius II. schuf. Über die Jahrhunderte waren die Werke arg nachgedunkelt, was Kunstexperten später gewagte Theorien über die mystische Düsternis bei Michelangelo aufstellen ließ. fullscreen
Die absoluten Hingucker der Sixtinischen Kapelle sind die Deckenmalereien, die Michelangeloim Auftrag von Papst Julius II. schuf. Über die Jahrhunderte waren die Werke arg nachgedunkelt, was Kunstexperten später gewagte Theorien über die mystische Düsternis bei Michelangelo aufstellen ließ. (©Getty Images/Universal History Archive/Universal Images Group 2017)

Dabei war das Ziel ambitioniert: Die Besucher sollten denselben Blick auf die Kunstwerke haben, den auch Michelangelo hatte. "Das Licht sollte zurückhaltend bleiben und gleichmäßig", sagt Antonio Paolucci, "nicht zu stark, nicht zu schwach, und keinen Teil außer Acht lassen". "Das Licht des Himmels nachempfinden", sagt er. Tageslicht sollte es sein, ohne Tageslicht zu sein. Zudem musste die Arbeit im laufenden Betrieb stattfinden, und Energie sollte gespart werden, mindestens sechzig Prozent. Die Lösung: sechzig Leuchten, die aus 7.000 LEDs bestehen. Aufgeklebt direkt unter den Fenstern, damit der Eindruck entsteht, dass natürliches Sonnenlicht den Raum erhelle.

"Die Deckengemälde gleichmäßig ausleuchten, ohne die Besucher zu blenden, das war die Kunst", sagt Mourad Boulouednine, Projektleiter des ausführenden Unternehmens Osram. "Der Besucher wird denken, dass das Licht durch die Fenster in die Kapelle gelangt." Die Idee: Kein Künstler sollte bevorzugt werden. "Kein Spot auf Michelangelo, sondern etwas, das einem die Zeit zum ruhigen, objektiven Betrachten aller Details gibt", sagt Antonio Paolucci.

Smarte Klimasteuerung in der Sixtinischen Kapelle

Leuchten mit roten, grünen, blauen sowie warm- und kaltweißen LEDs wurden entwickelt und installiert, deren Lichter sich alle getrennt ansteuern lassen, sodass die Lichtfarbe frei wählbar ist. Wer das selbst ausprobieren will: Mehrkanal-LED-Dimmer für das heimische Wohnzimmer gibt es bereits ab zehn Euro. Allerdings muss man die selbst ansteuern, und etwas mehr an Aufwand war es dann doch: Denn damit das Licht auf die Malerei eingehen kann, wurden die Bilder an 280 Punkten auf ihre Pigmentierung untersucht. Die Punkte wurden mit einer geeichten Lichtquelle angestrahlt, die Reflexion gemessen und das Ergebnis zum Feinjustieren der LED-Leuchten benutzt. Zudem berechnet ein Algorithmus die Farbwahrnehmung der Besucher und lässt diese Berechnung in die Verteilung des LED-Lichts einfließen. Zeitgleich wurde die Klimatechnik für die Kapelle entwickelt. Auch hier gilt: Eigentlich alles schon da.

 Nackenstarre inklusive: Damit die Besucher Michelangelos Deckenmalereien auch weiterhin in ihrer ursprünglichen Farbenpracht bestaunen können, ist smarte Technik gefragt. fullscreen
Nackenstarre inklusive: Damit die Besucher Michelangelos Deckenmalereien auch weiterhin in ihrer ursprünglichen Farbenpracht bestaunen können, ist smarte Technik gefragt. (©Mimmo Chianura/REX/Shutterstock 2017)

Die verschiedenen Klimaanlagen und Sensoren, Pumpen und Filter, Kameras und Computer gibt es im Prinzip in jedem Elektromarkt. So messen etwa fast siebzig Sensoren die Temperatur, den Feuchtigkeits- und Kohlendioxidgehalt der Luft und die Oberflächentemperatur der Wand. Diese Daten werden in das Netzwerk der Klimaanlage gespeist. Dort werden dann Außenluft und Innenluft zusammengeführt, gefiltert und von Staub befreit und je nach Bedarf entweder geheizt oder gekühlt, befeuchtet oder entfeuchtet. Überschüssige Wärme wird zudem nach außen abgegeben. Die Geschwindigkeit des Luftstroms wird dabei mit sogenannten Diffusoren gesteuert, deren einfache Ausführung im Baumarkt gerade mal fünfzig Euro kostet. Sie gewährleisten, dass die Luft in der Mitte der Kapelle fließt, während sie am Rand um die Fresken steht. Zusätzlich filmen Kameras die Besucher und zerlegen die Bilder in 24 Millionen Zellen. Aus diesen berechnet eine Software im Voraus die Kohlendioxidkonzentration – bevor sie wirklich ansteigt. Die Klimaanlage wird dann informiert, wie viel Außenluft zugeführt werden muss, um das gewünschte Klima zu erhalten.

Kein Besucherstopp dank innovativer Technik

Im Oktober 2014 schließlich waren Licht und Klimatechnik in einem interagierenden System miteinander verbunden. Resultat: Der Stromverbrauch ist in der Spitze um neunzig Prozent gesunken – durch die Energieersparnis gibt es weniger Abwärme, die Klimaanlage muss weniger arbeiten, was wiederum erneut Strom spart und dem Raumklima zugutekommt.

War zwischenzeitlich sogar eine Beschränkung der Besucherzahlen in der Diskussion, um die Kapelle zu schützen, so ist diese Idee durch die neue Technik endgültig vom Tisch. Was bedeutet, dass auch in Zukunft gerempelt wird. Und für diejenigen, die entspannt schlendern wollen, gibt es auch eine Innovation: Man kann ganz früh am Morgen kommen, vor allen anderen. Oder spät, nachdem alle gegangen sind. Und wie das so ist bei Innovationen: Das ist nur etwas teurer.

Diese und weitere Geschichten findest Du auch in der aktuellen Ausgabe des TURN ON Magazins 01/17, das in allen SATURN Märkten kostenlos ausliegt.

Neueste Artikel zum Thema

close
Bitte Suchbegriff eingeben