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Mein Freund, das Haus – Wohnen im Smart Home

Paris, très smart: Der Entwurf einer smarten Eco-City des Architekten Vincent Callebaut will den ehrgeizigen Klimaplan für Paris umsetzen, der bis 2050 75 Prozent der Treibhausgasemissionen einsparen soll.
Paris, très smart: Der Entwurf einer smarten Eco-City des Architekten Vincent Callebaut will den ehrgeizigen Klimaplan für Paris umsetzen, der bis 2050 75 Prozent der Treibhausgasemissionen einsparen soll. (©Vincent Callebaut Architectures/www.vincent.callebaut.org 2017)

Eine neue Generation von Designern und Ingenieuren hat Lösungen für sogenannte "Smart Homes" entwickelt. Das sind Häuser und Wohnungen, die sich dank cleverer Haustechnik auf unsere Bedürfnisse einstellen und nebenbei allerhand Energie sparen.

Die Frage, wer den Müll runterbringt, hat sich in Songdo erledigt. Abfälle werden in der 60 Kilometer südwestlich von Seoul gelegenen Stadt durch Rohre in ein unterirdisches Entsorgungssystem geleitet. Das sortiert Wasserflaschen, Schokopapier oder Gemüsereste automatisch und recycelt 75 Prozent. Der Rest wird vergraben oder verbrannt, um Energie zu gewinnen. Gerade mal sieben Mitarbeiter werden für die Abfallentsorgung von 45.000 Bewohnern benötigt.

Songdo ist eine sogenannte "Smart City". Sie wurde erbaut, um auszuprobieren, wie das städtische Wohnen durch kluge Digitalisierung effizienter und für alle komfortabler zu machen ist. Schließlich werden bis 2050 laut einer UN-Prognose 70 Prozent der Weltbevölkerung in Städten wohnen. Um das zu bewerkstelligen, müssen neue, clevere Konzepte für das urbane Zusammenleben her. So wie die pneumatischen Mülltunnel in Songdo. Kann das nicht auch bei uns funktionieren? Das wird noch ein wenig dauern, denn bestehende Städte können nur langsam nach smarten Gesichtspunkten umgestaltet werden.

Musterstadt: Songdo, neuer Stadtteil von Incheon, liegt 40 Kilometer südwestlich von Seoul. Viele Aspekte einer vernetzten Stadt wurden hier bereits Wirklichkeit. fullscreen
Musterstadt: Songdo, neuer Stadtteil von Incheon, liegt 40 Kilometer südwestlich von Seoul. Viele Aspekte einer vernetzten Stadt wurden hier bereits Wirklichkeit. (©Gale International 2017)
Shopping: Der NC Cube Canal Walk in Songdo ist eine Mall entlang eines künstlichen Kanals. fullscreen
Shopping: Der NC Cube Canal Walk in Songdo ist eine Mall entlang eines künstlichen Kanals. (©Gale International 2017)
Verbindung: Incheon Bridge, die fünftgrösste Brücke der Welt, verbindet Songdo mit dem Flughafen Incheon. fullscreen
Verbindung: Incheon Bridge, die fünftgrösste Brücke der Welt, verbindet Songdo mit dem Flughafen Incheon. (©Gale International 2017)

So wird das eigene Zuhause smarter

Die gute Nachricht: In unseren eigenen vier Wänden ist das viel einfacher machbar. Wir können heute schon dafür sorgen, dass uns die Musik durch die Wohnung folgt und die Heizung nur dann läuft, wenn wir es brauchen. Und wir müssen auch nicht mehr vom Sofa hoch, um die Jalousie in die gewünschte Position zu bringen. Unser Kaffee ist beim Heimkommen frisch, denn per Smartphone kann er punktgenau aufgebrüht werden. Und wir werden bald auch unser Auto zum Teil des smarten Wohnens machen können. Hersteller wie BMW, VW oder Audi arbeiten an Systemen, die uns auf einem Panel in der Küche nicht nur über Termine und Aufgaben informieren. Wir bekommen dort auch den Ladezustand unseres Elektroautos angezeigt und anhand aktueller Verkehrsdaten die richtige Abfahrtzeit genannt, um pünktlich im Büro anzukommen.

Doch es geht in den Smart Homes nicht nur um Komfort. Es geht auch darum, dass wir älter werden und möglichst lange in unserem Zuhause wohnen bleiben möchten. Forscher des renommierten Fraunhofer-Instituts haben beispielsweise mit "CapFloor" einen Fußboden entwickelt, der Stürze registriert und automatisch einen Notruf absendet. Andernorts werden Sensoren getestet, die das Verhalten im Wohnraum tracken, Abweichungen registrieren und, wenn nötig, Hilfe organisieren.

Smarte Wege, um Energie zu sparen

Eine der größten Chancen der Smart Homes steckt allerdings in ihrer Energieeffizienz. Der belgische Architekt Vincent Callebaut hat in seiner Utopie "2050 Paris Smart City" sogenannte Photosynthese-Türme entworfen. Die Idee: In den Fassaden seiner voll vernetzten Türme befinden sich Algen, die den Klimakiller CO2 in Biomasse umwandeln. Dass diese Idee gar nicht so abwegig ist, beweist BIQ in Hamburg-Wilhelmsburg, das weltweit erste Haus, das sich über eine Gebäudefassade aus Photobiokollektoren und Algen selbst mit Energie versorgt.

Bioreaktor: Das Haus mit Biointelligenzquotient (BIQ) steht in Hamburg. Es besitzt für die Energieversorgung 130 Glaskollektoren. fullscreen
Bioreaktor: Das Haus mit Biointelligenzquotient (BIQ) steht in Hamburg. Es besitzt für die Energieversorgung 130 Glaskollektoren. (©KOS Wulff Immobilien GmbH/on3studio GmbH 2017)
Interdisziplinär: Der Architekt Achim Menges forscht an der Schnittstelle von Kunst, Architektur, Ingenieurswissenschaften und Biomimetik. fullscreen
Interdisziplinär: Der Architekt Achim Menges forscht an der Schnittstelle von Kunst, Architektur, Ingenieurswissenschaften und Biomimetik. (©ICD Universität Stuttgart 2017)
Klimaveränderungen: HygroScope, eine Installation im Centre Pompidou Paris, reagiert in ihren Bewegungen auf sich verändernde Umweltbedingungen. fullscreen
Klimaveränderungen: HygroScope, eine Installation im Centre Pompidou Paris, reagiert in ihren Bewegungen auf sich verändernde Umweltbedingungen. (©ICD Universität Stuttgart 2017)

Ähnlich revolutionär ist eine Erfindung von Achim Menges, Architekt und Professor an dem von ihm gegründeten Institut für Computerbasiertes Entwerfen an der Universität Stuttgart. "HygroScope" ist eine wabenartige Fassadenstruktur, die sich wie ein Tannenzapfen von selbst öffnet und schließt – ohne Sensor, Energie oder Kosten. Sie reagiert auf den Feuchtigkeitsgrad der Luft. "Es gibt heute keinen Grund mehr, dass Energie etwas kostet. Die Erzeugung kann vor Ort erledigt werden. Der Zwischenhändler Energiekonzern entfällt", fasst Dr. Arndt Pechstein, Gründer des Berliner Forschungslabors phi360, die Chancen zusammen, die in Plus-Energie-Häusern mit intelligenter Technologie stecken.

Vom Thermostat bis zum smarten Fertighaus

Wer mit dem Gedanken spielt, sich ein smartes Kompakthaus zuzulegen, kann von dem Ideenreichtum einer neuen, sehr technikaffinen Designer-Generation profitieren. Soleta zeroEnergy ist zum Beispiel ein smartes Fertighaus, das von der Justin Capra Foundation for Invention and Sustainable Technologies (FITS) in Rumänien entwickelt wurde. Dieser komplett per Smartphone steuerbare Haushalt kommt dank klugem Energie-Management-System mit nur 55 Prozent Energieverbrauch im Vergleich zu einem konventionellen Haus aus. Zudem erzeugt das je nach Modell zwischen 60 und 155 Quadratmeter große Haus über Solarzellen die benötigte Energie selbst.

Der spanische Hersteller Noem wirbt damit, seine Hightech-E-Homes innerhalb von wenigen Wochen aufzubauen. Das Spaceship-Home etwa, das für einen Kunden mit Leidenschaft für Haustechnik und Heimkino entwickelt wurde und in Serie ging, kommt in drei vorgefertigten Modulen, die vor Ort zusammengesetzt werden. Die metallenen Wände wechseln auf Wunsch die Farbe, und das Domizil lässt sich komplett mit einem "Star Wars" genannten Kontroll-Panel steuern. Licht, Temperatur, Sicherheit und Unterhaltungselektronik sind selbstverständlich auch mobil regulierbar.

Nullsummenspiel: Soleta zeroEnergy ist ein schlaues Fertighaus aus Rumänien, das die benötigte Energie per Sonnenkollektoren selbst erzeugt und ins hausinterne System einspeist. fullscreen
Nullsummenspiel: Soleta zeroEnergy ist ein schlaues Fertighaus aus Rumänien, das die benötigte Energie per Sonnenkollektoren selbst erzeugt und ins hausinterne System einspeist. (©Soleta 2017)
Echt abgehoben: Das metallene Spaceship-Home hält nicht nur technologisch, sondern auch äußerlich, was sein Name verspricht. fullscreen
Echt abgehoben: Das metallene Spaceship-Home hält nicht nur technologisch, sondern auch äußerlich, was sein Name verspricht. (©NOEM 2017)
"Star Wars"-Panel: Der spanische Hersteller Noem hat ein Spaceship-Home auf den Markt gebracht, das sich komplett mit einem "Star Wars" genannten Panel steuern lässt. fullscreen
"Star Wars"-Panel: Der spanische Hersteller Noem hat ein Spaceship-Home auf den Markt gebracht, das sich komplett mit einem "Star Wars" genannten Panel steuern lässt. (©NOEM 2017)

Allen, die erst einmal nicht umziehen und trotzdem smarter wohnen wollen, sei zunächst ein kluges Thermostat empfohlen. Das Wohnklima verbessert sich auf einen Schlag, und Geld spart der Nutzer auch, denn die Heizung muss ab sofort nicht mehr in Abwesenheit laufen, damit es warm ist, wenn er nach Hause kommt. Dieser Einstieg wird Lust auf mehr machen, und wer weiß, vielleicht werden auch wir bald auf dem Weg zur Arbeit nicht mehr hinter dem Müllwagen warten müssen, weil unser hauseigenes Smart Panel rechtzeitig eine freie Alternativroute empfohlen hat.

Diese und weitere Geschichten findest Du auch in der aktuellen Ausgabe des TURN ON Magazins 01/17, das in allen SATURN Märkten kostenlos ausliegt.

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