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Self-Tracking-Trend unter der Lupe: Du bist, was Du trackst

Hohe Schlagzahl: Profiboxer wie der Mittelgewichtler Sergio Martínez zählen im Training jeden Seilsprung, jeden Treffer, jede Kalorie. Starfotograf Howard Schatz hat sich darauf spezialisiert, die enormen Frequenzen des Trainings von Leistungssportlern sichtbar zu machen.
Hohe Schlagzahl: Profiboxer wie der Mittelgewichtler Sergio Martínez zählen im Training jeden Seilsprung, jeden Treffer, jede Kalorie. Starfotograf Howard Schatz hat sich darauf spezialisiert, die enormen Frequenzen des Trainings von Leistungssportlern sichtbar zu machen. (©SCHATZ IMAGES: 25 YEARS/www.schatzimages25years-glitterati.com 2017)

Was früher Wissenschaftlern und Ärzten vorbehalten war, nehmen die Menschen jetzt selbst in die Hand: die Ermittlung von Daten, um sich und ihr Leben zu verbessern.

Als Kevin Kelly und Gary Wolf, Journalisten des amerikanischen Technikmagazins "Wired", 2007 den Begriff "Quantified Self" (QS) prägten und eine dazugehörige Website mit dem Untertitel "self-knowledge through numbers" schufen, war Selbstvermessung noch ein Spezialgebiet: Daten, das war etwas für Geeks und Profisportler, vielleicht noch das Haushaltsbuch, aber warum sollte jemand wissen wollen, wie viele Schritte er am Tag zurücklegt?

"Um sich selbst besser kennenzulernen", sagt Florian Schumacher. Durch die Aufzeichnung der Nahrungsmittel etwa, die man esse, werde man sich bewusst, was man eigentlich zu sich nehme. "Ausgestattet mit diesem Bewusstsein trifft man häufig bessere Entscheidungen." Schumacher ist nicht nur Teil einer Szene, die aus Menschen besteht, die ihren Tag vermessen – er hat sie in Deutschland entscheidend mitgeprägt. Im September 2011 gründete er in München die erste QS-Gruppe hierzulande.

Daten sammeln gegen den Selbstbetrug

 Ein Augenarzt, der Bewegung einfriert: Howard Schatz lässt sich in Sachen Farben und Strukturen von Künstlern wie Kandinsky oder Rodin inspirieren. fullscreen
Ein Augenarzt, der Bewegung einfriert: Howard Schatz lässt sich in Sachen Farben und Strukturen von Künstlern wie Kandinsky oder Rodin inspirieren. (©SCHATZ IMAGES: 25 YEARS/www.schatzimages25years-glitterati.com 2017)

Die Begeisterung für das Thema fängt bei kleinen Dingen an, weiß Schumacher: "Wenn Menschen joggen gehen und das Smartphone ihnen anzeigt, wie weit sie schon gelaufen sind, dann macht sie das glücklicher, als einfach nur so zu laufen." Doch die Daten können mehr. Zum Beispiel die Frage beantworten, warum sich jemand morgens oft schlapp fühlt. Tracking und Auswertung der Schlafdaten geben Aufschluss, wie lange man zum Einschlafen benötigt hat und wie ruhig die Nacht war. Diese gesammelten Daten können sehr hilfreich sein, denn das menschliche Erinnerungsvermögen ist höchst subjektiv – bei Gerichtsprozessen wird das immer wieder deutlich.

Intuition und Bauchgefühl sind eine gute Sache. Um große Entscheidungen zu treffen, sind sie aber unter Umständen kontraproduktiv. Schließlich ist oft der Wunsch Vater des Gedankens, und die Fähigkeit zum Selbstbetrug ist uns nicht nur angeboren, sondern hat sich im Laufe der Evolution sogar verstärkt und zu unserem Erfolg als Spezies beigetragen. Eine Entscheidungshilfe, die jenseits der eigenen Wahrnehmung steht, kann da nicht schaden. Zumal die Kontrolle von Zivilisationskrankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes oder Übergewicht mit Daten besser gelingt als ohne. Liegen auch den Patienten wichtige Gesundheitsdaten vor, könnte sich das Gesundheitssystem demokratisieren, weil die Informationshoheit von wenigen gebrochen wird – mündige Patienten vorausgesetzt, die sich mit den Daten beschäftigen.

Aber vermutlich hat sich ohnehin jeder schon mal selbst getrackt: beim Sport durch das Zählen von Runden oder Wiederholungen, beim Einkaufen durch Kalkulieren, beim Erstellen einer To-do-Liste. Und wenn man ganz kleinlich ist: Auch Tagebuchführen ist nichts anderes als Self-Tracking. Nur eben poetischer.

Selbstvermessung ist ein riesiger Markt

 Florian Schumacher führte schon als Jugendlicher Tagebuch und protokolliert neben seinen Fitnessdaten auch seine privaten Finanzgeschäfte. fullscreen
Florian Schumacher führte schon als Jugendlicher Tagebuch und protokolliert neben seinen Fitnessdaten auch seine privaten Finanzgeschäfte. (©René Sasse/www.headphonelovers.de 2017)

Und so ist es vielleicht kein Wunder, dass die Szene der Selbstvermesser wächst. In 35 Ländern und rund 130 Städten finden mittlerweile sogenannte Meet-ups statt, bei denen sich Anwender treffen und von ihren Erfahrungen berichten. Und das ist nur der harte Kern: Laut der IT-Analysefirma BCC Research wächst der globale Markt für Self-Tracking-Produkte bis 2019 auf knapp 20 Milliarden Dollar Umsatz, andere Quellen sprechen von 60 Milliarden im selben Zeitraum. Noch mehr Zahlen? Schätzungen zufolge werden bis 2018 etwa 485 Millionen Wearables erhältlich sein, für die es im April 2016 bereits knapp 97.000 Gesundheitsapps gab. Bis Ende 2017 werden knapp zwei Milliarden Menschen weltweit ihren Körper mithilfe von Apps überwachen.

Die Gründe für das Wachstum sind vielfältig. Einerseits werden Sensoren immer günstiger und leichter, andererseits steckt in jedem Smartphone heute genug Technik, um Standardmessungen wie etwa Bewegungsdaten aufzuzeichnen. Auch die Wahrnehmung des Self-Trackings hat sich verändert: Wer seine Daten in sozialen Netzwerken teilt, gilt längst nicht mehr als bemitleidenswert, sondern geht nur den nächsten Schritt, um Privates mit anderen
zu teilen. Dabei geht es vielen Self-Trackern weniger um Optimierung als um Analyse. Im Kern steht dabei eine zentrale Frage: Wer bin ich?

Kritiker sorgen sich um Datenweitergabe

 Chris Anderson ist ehemaliger Chefredakteur von "Wired" und seit April 2016 Ex-Self-Tracker. fullscreen
Chris Anderson ist ehemaliger Chefredakteur von "Wired" und seit April 2016 Ex-Self-Tracker. (©Theiner/City AM/REX/Shutterstock 2017)

Manche Kritiker des QS befürchten, dass die Antwort auf diese Frage in falsche Hände gerät und uns noch gläserner macht, als wir es jetzt bereits sind. Was, fragen sie, wenn etwa Krankenkassen in großem Stil beginnen, Versicherungspolicen vom Lebenswandel abhängig zu machen? Andere Kritiker wiederum sehen in der Größe der Datenmenge nichts Hilfreiches – weil Daten allein über die biochemischen Vorgänge in unserem Körper wenig aussagen.

Nicht grundlos hat sich etwa Chris Anderson, ehemaliger Chefredakteur von "Wired", im April 2016 vom Self-Tracking verabschiedet. Sein Kommentar auf Twitter: "After many years of self-tracking everything (activity, work, sleep) I've decided it's pointless." Und auch Gordon Bell, langjähriger Leiter von Microsoft Research und bekannt geworden als Vlogger, der alles, wirklich alles, aus seinem Leben aufzeichnet – so begann er etwa 2000 damit, eine Kamera in seinem Genick zu tragen, die alle 30 Sekunden ein Bild machte –, verabschiedete sich im letzen Jahr vom Self-Tracking mit den Worten: "It wasn't something that was bringing a lot of value to my life."

Andererseits: Stephen Wolfram ist britischer Mathematiker und vermutlich der Mensch auf der Welt, über den es am meisten Daten gibt. Er vermisst sich seit 1987 und hat keine Pläne, damit aufzuhören. Im Gegenteil: Um sicherzugehen, dass wirklich alles aufgezeichnet wird, hat er Systeme, die die Systeme prüfen, die Daten sammeln. "Mein Ansatz ist es, einfach jede Menge Daten zu sammeln und sie sich dann genauer anzugucken, wenn man eine bestimmte Frage hat." Aus seinen Informationen habe er gelernt, sagt er, dass er immer im Januar besonders glücklich sei und dass manche Menschen seinem Herz nicht guttäten. Er sagt: "Alles, was sich einfach sammeln lässt, sollte man vorsorglich sammeln." Man wisse ja nie.

Self-Tracking = Aufklärung im digitalen Zeitalter?

 Stephen Wolfram vermisst sich seit 1987. Daten sind für ihn wie Eiswürfel, die ein Stück Sicherheit für die Zukunft einfrieren: Schließlich weiß man nie, welche neuen Analyseverfahren Datenmengen zu nutzen wissen. fullscreen
Stephen Wolfram vermisst sich seit 1987. Daten sind für ihn wie Eiswürfel, die ein Stück Sicherheit für die Zukunft einfrieren: Schließlich weiß man nie, welche neuen Analyseverfahren Datenmengen zu nutzen wissen. (©Ethan Hill/ReduxRedux/laif 2017)

Vielleicht ist Self-Tracking eine neue Art von Aufklärung für das digitale Zeitalter? Setzten nicht schon die Denker des 18. Jahrhunderts auf rationales Denken und messbare Ergebnisse?Wenn man glaubt, dass alles besser wird, wenn die Zahlen sich verbessern, wird man dann irgendwann zufrieden? Oder im Gegenteil immer unzufriedener, weil das Verbessern immer schwieriger wird?

Wolfram sagt: "Die großen Durchbrüche wird es im medizinischen
Bereich geben. Vor allem bei der Behandlung von langwierigen chronischen Erkrankungen werden Wearables immer wichtiger werden." Schließlich fallen insgesamt so viele Daten an, dass nicht nur harmlose Dinge wie Schlafgewohnheiten überblickt werden können, sondern auch seltene Krankheiten, für die es sich nicht lohnen würde, Studien durchzuführen. Bereits heute suchen Biostatistiker etwa in Krebsdaten nach wiederkehrenden Mustern in Patientengruppen, um Zusammenhänge zu erkennen, die auf den ersten Blick keine sind – mit dem Ziel, die Krankheit irgendwann zu heilen.

Dennoch: Als Chris Anderson seine Nachricht vom Ende der Selbstvermessung twitterte, antwortete einer seiner Follower mit einem Gedicht des amerikanischen Schriftstellers E. E. Cummings: "While you and I have lips and voices which / are for kissing and to sing with / who cares if some oneeyed son of a bitch / invents an intrument to measure spring with." Es sei denn, es regnet und stürmt. Dann wäre ein Blick in die Wetter-App vielleicht doch ganz
sinnvoll gewesen.

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