Microsoft macht das Smartphone zum PC – und das ist genial

Continuum macht das Smartphone zum PC. Continuum macht das Smartphone zum PC. (© 2015 Microsoft)

Das spannendste Feature beim Microsoft Lumia 950 und Lumia 950 XL ist die Möglichkeit, die Smartphones dank Windows 10 in echte PCs zu verwandeln. Dabei präsentiert der Hersteller auch einen interessanten Entwurf zur Zukunft der mobilen Computernutzung – und ein Gegenkonzept zu Apple und Google.

Als jemand, der quasi täglich mit neuen Jubelmeldungen von Herstellern überhäuft wird, bin ich mit neuen Produktankündigungen leider nur noch schwer zu begeistern. Als Microsoft am Dienstag seine neuen Lumia-Smartphones vorgestellt hat, konnte ich mir ein Staunen trotzdem nicht verkneifen. Beeindruckt haben mich dabei nicht die Specs – die sind natürlich gut, aber das sind sie bei jedem Flaggschiff. Vielmehr war es die Continuum-Funktion, die mein Interesse geweckt hat.

Das Smartphone wird ein PC

Continuum bedeutet dabei die Verwandlung des Handys in einen echten Computer. In der Praxis soll das folgendermaßen funktionieren: Werden die Smartphones über ein kompaktes Display Dock an Monitor, Maus und Tastatur angeschlossen, werden diese automatisch zu vollwertigen PCs. Windows 10 passt sich von selbst an die Darstellung auf dem Monitor an und stellt auf Maus- und Tastatur-Steuerung um.

Ob Lumia 950 und Lumia 950 XL das Potenzial zum Erfolg haben, kann ich überhaupt nicht einschätzen. Was mir jedoch gefällt, ist der Ansatz, den Microsoft generell mit Windows 10 geht. Nämlich der, dass auch Tablets und Smartphones theoretisch richtige PCs sein können – und nicht einfach nur abgespeckte Taschencomputer für den mobilen Einsatz.

Der Gegenentwurf zu Apple und Google

Das heißt nicht, dass es ein Problem mit Android und iOS gibt. Beide Betriebssysteme funktionieren ganz hervorragend und haben den bisherigen mobilen Windows-Inkarnationen eindrucksvoll gezeigt, wo auf dem Smartphone der Hammer hängt. Ich kann mich jedoch mit dem Weg von Google und Apple nicht anfreunden, diese Smartphone-Betriebssysteme zunehmend auch auch als Alternativen für echte Computer anzupreisen – Geräte wie Pixel C und vor allem iPad Pro, die mit Android beziehungsweise iOS laufen, lassen grüßen.

In meinen Augen sind sie jedoch kein Ersatz für Windows, Linux oder selbst Mac OS. Denn während ein PC im klassischen Sinne grundsätzlich darauf ausgelegt ist, theoretisch jedes Stück Software aus jeder Quelle zu verarbeiten, sind Android und noch stärker iOS in sich geschlossene Ökosysteme, in denen Software nur aus einer mehr oder weniger streng reglementierten Quelle zu bekommen ist. Auch die Anpassungsmöglichkeit der Software an spezielle Bedürfnisse ist vor allem bei iOS kaum gegeben. Hier entsteht aus meiner Sicht eine Klasse von Computern, die zwar leicht zu bedienen, aber in ihrer Funktionsweise auch sehr beschränkt ist. Sorry, aber da war die Entwicklung selbst vor 15 Jahren schon weiter.

Das neue Lumia 950 hat ein Quad HD-Display.
Die Continuum-Funktion beim Lumia 950 ist vielversprechend. (© 2015 Microsoft)

Windows 10 macht's möglich

Das Konzept von Microsoft ist daher verheißungsvoller, spannender und auch mutiger – und es funktioniert bei Tablets bereits hervorragend. Warum sollte ich mir ein Android-Tablet mit Tastatur-Dock zum Schreiben kaufen, wenn ich auch ein Convertible mit Windows 10 haben kann, das im Laptop-Modus ein vollwertiger PC ist? Warum sollte ich mir ein iPad Pro mit iOS zulegen, wenn ein Gerät wie das Surface Pro 4 mit einer viel potenteren Software in etwa zum gleichen Preis erhältlich sein wird?

Ob sich die Erfolgsformel von Windows 10 auch auf Smartphones übertragen lässt, steht natürlich noch in den Sternen. Einfach wird das nicht, den wie gesagt: Android und iOS sind dort tatsächlich ziemlich gut. Selbst wenn es für Microsoft optimal laufen sollte, kann ich mir allenfalls einen langsamen Vormarsch, nicht jedoch einen schnellen Siegeszug vorstellen. Noch gibt es die meisten Apps für die Plattformen von Google und Apple.

Cooles Feature mit unsicheren Erfolgsaussichten

Für Windows 10 Mobile spricht jedoch auch hier das Konzept von Microsoft, die gleiche Software für alle Gerätetypen anzubieten. Denn selbst wenn die neuen Windows Phones für Drittentwickler erst einmal nicht interessant sind: Die PCs und Convertibles mit Windows 10 sind es ganz sicher. Und dank des neuen Konzeptes, die Apps universell nutzbar zu machen, könnten so ganz nebenbei viele Anwendungen, die es bislang nicht gab, auf den Smartphones landen.

Ich finde es großartig, dass ein Big Player wie Microsoft einen solch mutigen Weg geht. Wenn dieser in eine Sackgasse führt, dann bleiben uns für unsere Smartphones ja weiterhin Android und iOS. Wenn er jedoch erfolgreich ist, dann könnten sich für die mobile Nutzung von Computern ganz neue Möglichkeiten ergeben.