TURN ON Talk: Apple, was denkst du dir bei deiner News-App?

Alex meldet sich alle zwei Wochen mit seiner Kolumne zu Wort. Alex meldet sich alle zwei Wochen mit seiner Kolumne zu Wort. (© 2015 TURN ON)

Heute findet die Mediennutzung zur Informationsbeschaffung fast nur noch digital statt. Im Internet – und meist nur noch mobil. Das geht schnell und unkompliziert, aber auch überwiegend ungefiltert. Das ist heutzutage nun mal so und bereitet manchen Gemütern starke Bauchschmerzen. Aktuell ist es Apple mit seiner News App in China. Kurzerhand entfernt der Konzern aus Cupertino einen wichtigen Kanal zur digitalen Informationsbeschaffung. Warum?

Die junge Generation an "Digital Natives" kann sich doch gar nicht genug Apps auf Smartphone laden, um auch über jeden noch so kleinen umfallenden Sack Reis informiert zu werden – und das auch am Besten in Echtzeit, unkompliziert und konzentriert an einem Ort. Oder stellt Apple das Newsangebot vielleicht doch nicht aus Angst, sondern aus Vorsorge der Reizüberflutung ein?

Es hat ja alles einmal ganz simpel angefangen. Nein, nicht mit Wikipedia. Die Zeitung "Columbus Dispatch" konnte 1980 als erste elektronische Ausgabe über einen Onlinedienst für fünf Dollar pro Stunde gelesen werden. Heute kosten im Vergleich ganze Monatsabos so viel. Muss ja auch nicht mehr so teuer sein, Internet hat ja inzwischen jeder. Auch mobil. Da wird's eher beim Datenvolumen teuer. Denn sich per Tablet oder Smartphone das vermeintliche Wissen der ganzen Welt reinzupfeifen, mag bei vielen Plattformen zwar inhaltslos sein – dafür aber optisch ausgeschmückt mit viel Tamtam.

Ob Apple das hätte besser machen können?

Und wer kauft sich heutzutage überhaupt noch gedrucktes Altpapier mit Tinte? Deren digitale Pendants sind doch viel einfacher. Randvoll mit Videos, Gerüchten und Skandalen, dass ich am Ende gar nicht mehr weiß, welche Falschinformation ich zuerst an meine Freunde weitertragen soll. Egal ob Boulevard, Klatsch, Tagesblatt oder wöchentliches Magazin. Echt furchtbar, obwohl man sich bemüht.

Wie hätte Apple das gemacht? Eine eigene Redaktion, die selektiert? Aussuchen von Artikeln anhand der Relevanz im Netz? Oder einfach nur alles geht, was kommt? Oh, und Lexika. Wer zahlt denn noch Tausende Euro für eine komplette, regalschmückende Lexikon-Reihe, die nach jahrelanger Recherche entstanden ist? Einfach mal auf ne Seite gesurft, Text kopiert, fertig. Schon wurde das Halbwissen von Herrn Irgendjemand weiterverbreitet.

Wie bei Büchern. Online-Bibliothek öffnen, Lieblingsbuch auswählen und zack, es ist auf meinem Tablet. Kostet zwar genau so viel wie im Laden, aber egal. Ich muss mich keinen Meter bewegen und spare wertvollen Platz in meiner Tasche. Können wir ja gleich alle Bücher zum Altpapier bringen ... wobei, manch einer behauptet, der Hype um elektronische Bücher scheint langsam zu schwinden. Ich persönlich erlebe das in meinem Umfeld aber noch lange nicht.

Datenflut auf unseren Gadgets

Wie hätte oder würde Apple auf wissenschaftliche Einträge oder Zusammenhänge verwiesen? Auf Wikipedia? Auf ein eigenes Portal mit eigenen Erklärungen? Da fällt mir ein, im Grunde schützt man durch digitale Euphorie die Umwelt. Weniger Papier, keine Emissionen beim Drucken. Na gut, man muss zwar Millionen Flyer drucken und Produkte herstellen, um den Quatsch bewerben und letztendlich konsumieren zu können. Aber immerhin: die Kioske um die Ecke haben dann nichts mehr, um deren Regale und Kassen füllen zu können. Egal! Ich habe ja noch genug Platz auf meinen
elektronischem Gadgets für NOCH mehr.

Wie hätte Apple auf Dauer dieses Chaos an Rechten, Lizenzen und Co. verwalten und vernünftig vergüten können? Ist die News App deswegen noch nicht bei uns an den Start gegangen? Weil wir Wert auf Werte legen? Aber ich schweife ab. Apple News soll ja eine Kombination aus all dem sein, nur eben idiotensicher verpackt in einer App beziehungsweise auf einer Plattform, die eh fast jeder zwangsläufig sein Eigen nennen darf.

Nehmt euch Zeit zum Blättern!

Und darauf fahren jetzt alle ab? Was ist aus der guten alten Pressestunde daheim geworden? Einfach mal ein paar Stunden Zeit nehmen, um aus der digitalen Realität fliehen zu können. Oder einfach mal schmökern. Blättern. Suchen. Denn heute wird ja nicht mehr gesucht. Heute wird nur noch gefunden. Denn wir haben doch keine Zeit mehr. Sagen Verlage und Industrie.

Also ist es gut, dass Apple einen Rückzieher vor manch einem Land macht? Gerade vor einem Land, das durch Zensur und Manipulation geprägt ist, nur um seine Position auf demselben Markt weiter ausbauen zu können? Paradox. Digitale Informationsbeschaffung wird im Sinne der Wirtschaftlichkeit verzerrt, um dem Zielmarkt ein Stück westliches Lebensgefühl vorzugaukeln, dass es in Wirklichkeit gar nicht ausleben kann.

Alex und Jens sind nicht nur auf YouTube für TURN ON aktiv und testen dort die neuesten Produkte. Die beiden kommentieren hier wöchentlich auch schriftlich aktuelle Entwicklungen, Produkte oder Trends aus der Tech-Welt.