TURN ON Talk: Emojis – Hirntransplantat einer Generation?

Alex ist genervt vom Emoji-Wahn: "Gibt es nicht Wichtigeres als einen Stinkefinger?" Alex ist genervt vom Emoji-Wahn: "Gibt es nicht Wichtigeres als einen Stinkefinger?" (© 2015 TURN ON)

Emoticons. Oder auch Smileys. Oder noch besser: Eine ursprünglich liegende Aneinanderreihung von Zeichen zum Ausdrücken von Stimmungen oder Gefühlen. Eigentlich eine gute Möglichkeit, um in kürzester Zeit und ohne viel Blabla seinen Mitmenschen das Nötigste kommunizieren zu können. Eigentlich...

Mittlerweile erinnert diese Art der Unterhaltung nämlich mehr und mehr an das Hin- und Herschieben von krakeligen Malbuchseiten im Spielkreis als an innovative Nutzungsmöglichkeiten für Kurznachrichtendienste.

Punkte, Striche, Klammern: Einfach & effektiv

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Doppelpunkt, großes X: Damals reichten simple Zeichen für Emoticons. (© 2015 Facebook/Skype)

Dabei hatte alles so künstlerisch angefangen: 1881 gab es auf echtem Papier erste, vertikal gezeichnete Gesichter aus Punkten und Strichen zu bestaunen. Wahrscheinlich entstand genau daraus der Spruch "Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Mondgesicht". Doch es sollte noch etwa 100 Jahre dauern, bis 1982 der allererste Zwinker-Smiley auf einem Bildschirm zum Leben erflimmerte. Doppelpunkt, Bindestrich, runde Klammer zu. So simpel und so effektiv, denn jeder – egal ob jung oder alt – konnte es auf Anhieb verstehen.

Verloren im Emoticon-Wust

Im Gegensatz zu heute. Westlicher Stil, koreanischer, japanischer, chinesischer, 2-Kanal… was zum Geier? Tausende Kombinationen aus Punkten und Strichen aus unterschiedlichsten Sprachen dieser Welt, formen abertausende digitale Emotionen. Mittlerweile gibt es ganze Lexika beziehungsweise Verlage und öffentliche Instanzen, die sich ausschließlich mit der Erstellung, Implementierung und Verwaltung beziehungsweise dem Zusammenfügen von Emoticons in unterschiedlichste Systeme und auf unterschiedlichsten Plattformen beschäftigen.

Emojis als Sprachrohr einer Generation Doof

Doch mit dem schwarz-weißen Gekritzel ist das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht. Das aktuelle Zauberwort lautet: Ideographie. Wir kennen diese Dinger natürlich besser unter dem Begriff "Emojis". Und das Furchtbare an ihnen: Jeder nutzt sie im Überfluss.

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Ohne Emojis geht heute nichts mehr. (© 2015 Emojipedia/ TURN ON)

Ob per SMS, iMessage, WhatsApp, Facebook, Twitter oder mittlerweile auf YouTube Thumbnails... Emojis werden nicht als Untermalung der auszudrückenden Emotionen genutzt, sondern als Hirntransplantat für Generation Oberdoof. Humor? Ironie? Sarkasmus? Zynismus? Viel zu anstrengend, darüber nachzudenken oder zwischen den Zeilen zu lesen! Dann lieber von 140 verfügbaren Zeichen mindestens die Hälfte für Tränen lachende Smileys verschwenden. Wo soll das noch hinführen? Nirgendwohin. Denn wir sind schon angekommen. In einer Welt, die sich mehr auf einen Stinkefinger-Emoji in WhatsApp freut als über längere Akkulaufzeiten oder stabilere Betriebssysteme.

Nicht nur auf unserem YouTube-Kanal sind Alex und Jens aktiv. Ab sofort schreiben die beiden regelmäßig in einer wöchentlichen Kolumne über die Themen, die sie am meisten beschäftigen.