TURN ON Talk: Wenn das Nokia 3510 ein Smartphone wäre...

Alex meldet sich alle zwei Wochen mit seiner Kolumne zu Wort. Alex meldet sich alle zwei Wochen mit seiner Kolumne zu Wort. (© 2015 TURN ON)

Eine Woche ist sie nun her: Meine Dumbphone-Woche. Richtig, ich war eine Woche lang – gemeinsam mit meinem geschätzten Kollegen Jens – ohne schlaues Phone, sondern mit einer dummen Kommunikationskeule quer durch Deutschland unterwegs.

Wobei das dumm sich auf die nicht vorhandenen, technologischen Möglichkeiten bezieht. Stil und Klasse hatte das Telefon dennoch, es war immerhin ein Nokia. Ein 3510.

Wie unspektakulär es im Endeffekt ohne Smartphone war, erzählen wir euch im aktuellsten Turn On Talk. Wesentlich spektakulärer hingegen ist der Gedanke über das Telefon beziehungsweise die Marke an sich: Nokia. Egal wo ich war, egal wen ich traf, ich holte das 3510 aus meiner Tasche und es wurde still. Das Interesse von "Unwissenden", aber auch von "ehemaligen Nutzern" war so groß, wie bei einer Apple-Keynote. Und immer mit dem Hintergedanken: Das ist der Urvater aller Mobiltelefone, der einstige Stern am Mobilfunktelefonhimmel, gnadenlos gescheitert, an vermeintlich frischen und neuen Konzepten der späteren und teilweise aufgezwungenen Konkurrenz.

Wie wäre WhatsApp auf einem Nokia 3510?

Die komplette Dumbphone-Woche über ließ mich die Vorstellung nicht los, wie es wohl wäre, die alte, handschmeichelnde und wohlige Haptik mit aktuellen Technologien zu verknüpfen. Wie es wohl heutzutage wäre, fünf Tage lang mit einer Akkuladung auszukommen. Wie es wohl wäre, statt der Autokorrektur, wieder T9 in WhatsApp und Co. nutzen zu können. Dazu ein kleines Gedankenexperiment.

Sind wir mal ehrlich mit dem Offensichtlichsten: So sehr sich die Dutzend Hersteller heutzutage bemühen, vermeintlich individuelle beziehungsweise individualisierbare Geräte an den Mann zu bringen, im Endeffekt ist das persönlichste ein Hintergrundbild oder die teils sperrige Hülle ... oder manchmal eine Unterschrift des Lieblings-YouTubers ...

Doch Nokia bemühte sich in der Form wohl als einziger Hersteller schon damals mit (rückblickend betrachtet) unglaublich mutigen und interessanten Designs, an die sich heute keiner mehr heranwagen würde. Schmal, breit, rund, eckig, Tastaturen links und rechts, kleine Telefonsticks, runde Tastaturen usw. Heute ist alles, was nicht papierdünn, schwarz (Front/Display) und metallisch (Alu/Rückseite) daherkommt per se inkompatibel mit unserer Vorstellung von mobilen Telefonen. Tasten gelten als alt, langsam, nicht innovativ. Warum? Weil Pappnasen wie Blackberry das Tastaturkonzept gegen die Wand gefahren haben. Ich möchte auch keine vollwertige Tastatur im Fingerhutformat, nicht mal an meinem topaktuellen Smartphone. Ich möchte auf Zahlen tippen, die Buchstaben ergeben. Ich möchte fühlen, was ich schreibe und nicht auf Displayglas umherrutschen.

Warum nicht watchOS auf einem Nokia

Apropos Display. Ich kann den Wunsch nach einem 4K-Display (oder mehr) in mobilen Gadgets einfach nicht mehr hören. Full HD ist in meinen Augen für alles Mögliche absolut gut, alles andere
ist Ingenieur-Porno und Akkufresser. Also: Wo bleibt der Mut zu 3- Zoll-Displays mit netter Auflösung? Wenn ich mein iPhone an mein Auto mit Popeldisplay anschließen und alle sonst wichtigen Funktionen des Telefons nutzen kann, warum nicht auch solch eine Oberfläche für Nokia-Style-Telefone nutzen? watchOS würde beispielsweise exakt passen, hätte dann nur Unterstützung durch bessere (?) Hardware.

Und da kommt als Schmankerl obendrauf noch eine Kamera in die Rückseite (wie zum Beispiel beim 6230) und fertig ist der Nokia Reboot 2015 oder 2016 oder ... wann auch immer. Meiner Meinung nach würde diese Konzeptidee den Menschen da draußen helfen, wieder ein Gefühl für ihre Technik zu bekommen. Natürlich behaftet mit Kompromissen – aber mit sinnvollen Kompromissen, denn es könnte genau das, was man möchte und nicht das, was man gerne hätte, aber nicht kann, weil man statt der 80 Euro für ein Billig-Smartphone dann doch lieber die 20 Euro hätte drauflegen sollen für ein paar mehr Megabyte an Speicher.

Also, liebe Hersteller, erfüllt in Zukunft vielleicht auch mal Wünsche der Endverbraucher, die tatsächlich mit der Technik aufgewachsen sind und nicht die Wünsche derjenigen, die mit 12 Jahren ihrer Mutter bei Snapchat aus Versehen anzügliche Fotos schicken und im Grunde Mitläufer unserer Grundstein-Generation sind.

Alex und Jens sind nicht nur auf YouTube für TURN ON aktiv und testen dort die neuesten Produkte. Die beiden kommentieren hier wöchentlich auch schriftlich aktuelle Entwicklungen, Produkte oder Trends aus der Tech-Welt.