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"Ape Out" ist ein blutiges Schlagzeugsolo für zwischendurch

Affe macht Rabatz: In "Ape Out" bin ich Ausbruchshelfer für ein geschundenes Tier.
Affe macht Rabatz: In "Ape Out" bin ich Ausbruchshelfer für ein geschundenes Tier.

Ein Gorilla haut ab: Das ist, in aller Kürze, die "Story" von "Ape Out". Aus einer einfachen Prämisse macht das Indie-Game ein kurzweiliges Spielerlebnis, das durch stylische Optik und ganz besonders durch einen schlagkräftigen Soundtrack begeistert – wenn der Frust dem Flow weicht.

Es ist nicht schwer, aus einem einzigen Screenshot von "Ape Out" den geistigen Ahnen zu erkennen: "Hotline Miami". Das ikonische Top-Down-Shoot'em-Up bekam neulich mit "The Hongkong Massacre" schon eine grafisch aufpolierte Hommage voller cooler Partikeleffekte.

"Ape Out" ist die noch arcadigere Variante mit Anfassen: Statt wild um mich zu schießen, poltere ich als Gorilla durch labyrinthartige Gänge auf der Suche nach dem Ausgang, schmettere meine Gegner mit roher Muskelkraft an die Wand oder greife sie mir, um ihre Waffen gegen ihre eigenen Kollegen zu richten.

Brutale Gorilla-Flucht mit Style

Style ist dabei – getreu dem großen Vorbild – die halbe Miete: Die Grafik ist aufs absolut Wesentliche reduziert, meinen nur als Silhouette erkennbaren Menschenaffen sehe ich stets von oben, die Spielwelt besteht mehr aus abstrakten Andeutungen von Wänden, Türen und Fensterscheiben als aus wirklich ausgestalteten Räumen.

Auf der Flucht aus den Festungen meiner Peiniger donnern massige orangefarbene Comic-Pranken auf texturarme Flurböden, aufgeschreckte Maschinengewehr-Träger stoßen erschreckte Rufe aus, bevor sie als bunte Farbflecken und Körperteil-Häufchen an Wänden enden.  "Ape Out" pflegt eine an Tarantino-Filme erinnernde, ästhetisierte Form von überbordender Gewalt, die durch den Farbpaletten-Look der ganzen Action aber gekonnt entschärft wird. Brutal ist das schon, irgendwie – vor allem aber ist es Musik.

Ein Klecks unter Klecksen: Die Spielfigur ist in "Ape Out" tatsächlich besser zu erkennen, als es hier den Anschein hat. fullscreen
Ein Klecks unter Klecksen: Die Spielfigur ist in "Ape Out" tatsächlich besser zu erkennen, als es hier den Anschein hat.

Ein Soundtrack zum Selberspielen

Die klangliche Untermalung von "Ape Out" ist nämlich wirklich etwas sehr Besonderes und besteht über weite Strecken ausschließlich aus Schlagzeug. Jedes Mal, wenn ich einen Gewehrträger aus dem Weg hämmere, kracht ein Beckenschlag. Kurze Passagen, in denen mein Gorilla mal ohne Feindkontakt der Freiheit näherkommt, werden durch treibende, komplexe, Jazz-inspirierte Rhythmen gefüllt. Indem ich Gegner besiege, setze ich Akzente im Soundtrack – was einen erstaunlichen Effekt entfalten kann.

Musikalischer Seiten-Hieb: Die Levelauswahl ist als Plattencover mit Tracklist verwirklicht. fullscreen
Musikalischer Seitenhieb: Die Levelauswahl ist als Plattencover mit Tracklist verwirklicht.

Viele Musiker kennen das Gefühl, sich zusammen mit anderen in einen Rausch zu spielen. Wenn eine Band perfekt aufeinander eingespielt losimprovisiert, ergibt sich ein ganz eigener Flow: Der Kopf setzt aus und denkt nicht länger darüber nach, welcher Ton jetzt gerade "richtig" ist. Finger und Gliedmaßen arbeiten ganz von allein daran, zur Musik beizutragen.

Geht "Ape Out" in die heiße Phase, muss ich Gegner verdreschen, dass es nur so scheppert. fullscreen
Geht "Ape Out" in die heiße Phase, muss ich Gegner verdreschen, dass es nur so scheppert.

Im Rausch von Rhythmus & Farbe

In seinen besten Momenten fließt "Ape Out" ähnlich intuitiv dahin: Als Steuermann meines panischen Primaten fühle ich mich gelegentlich wie der intelligent gewordene linke Arm eines verrückten Schlagzeugers, denn Beckenschläge ergänzen das ewige Drumsolo, das die Odyssee des Gorillas begleitet, oft verblüffend perfekt. Tauchen viele Gegner auf, nimmt das Getrommel im Hintergrund an Intensität zu, während es im Level-Labyrinth langsam hektisch und klaustrophobisch wird. Große Shootouts in einem Hagel von Kugeln, Farbspritzern und scheppernden Kills zu überstehen, fühlt sich ungeheuer befriedigend an.

In engen Gängen wird's schnell brenzlig für den Gorilla. fullscreen
In engen Gängen wird's schnell brenzlig für den Gorilla.

Allerdings endet die Jam-Session auch in schöner Regelmäßigkeit mit dem Ableben meines Affen. Drei Kugeln hält der behaarte Riese aus, dann startet er am Levelbeginn neu. Die Etappen sind nicht lang, viele lassen sich in gut zwei Minuten von einem Ende zum anderen durchqueren. Kurz vor Schluss wieder und wieder an der exakt gleichen Stelle draufzugehen, stört den Flow trotzdem empfindlich.

"Ape Out" tänzelt zwischen Frust & Flow

Doch da muss man durch: "Ape Out" ist kein einfaches Spiel, der Schwierigkeitsgrad wird schnell ziemlich fordernd – und dann zeigt sich die Kehrseite der hektischen Intensität. Wenn der Durchlauf wieder und wieder im Kreuzfeuer endet, wenn der Gorilla einfach keine Chance auf Entkommen hat und man beginnt, Spielfluss gegen vorsichtiges Herumschleichen einzutauschen, dann hilft manchmal nur, das Spiel zu beenden und es später nochmal zu probieren.

Klappe zu, Affe (fast) tot: Gegen eine Übermacht wird's in "Ape Out" schnell hektisch. fullscreen
Klappe zu, Affe (fast) tot: Gegen eine Übermacht wird's in "Ape Out" schnell hektisch.

Ich habe "Ape Out" lediglich in der PC-Version gespielt, würde aber dennoch behaupten, dass die Switch-Version aus diesem Grund die überlegene ist: Hier ist es viel einfacher, für ein paar schnelle Runden einzusteigen, sich in den Impro-Flow zu spielen, in einen kurzen Rausch aus Farben und Rhythmen einzutauchen und das "Okay, ein Versuch noch"-Gefühl auszukosten, das allen guten Arcade-Spielen zu Eigen ist.

Nicht nur aus dubiosen Forschungseinrichtungen, auch aus einem Bürogebäude muss mein Gorilla fliehen. fullscreen
Nicht nur aus dubiosen Forschungseinrichtungen, auch aus einem Bürogebäude muss mein Gorilla fliehen.

Dass das Game im Grunde über die zwei Grundmechaniken "Schlagen "und "Greifen" hinaus kaum spielerische Abwechslung bietet und auch die vier verschiedenen Spielwelten nicht viel Varianz haben, ist deshalb verzeihlich. Um mal bei der naheliegenden Musik-Analogie zu bleiben: "Ape Out" ist kein Lieblingsalbum, für das man sich einen teuren Kopfhörer und einen bequemen Sessel kauft. Es ist mehr wie eine gute Single-Schallplatte, die immer mal wieder zwischendurch für ein paar Durchläufe den Weg auf den Plattenteller findet. Muss es auch geben.

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