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"Blood & Truth": Das schönste PSVR-Game bisher – aber nicht innovativ

Optisch gibt es an "Blood & Truth" nichts auszusetzen.
Optisch gibt es an "Blood & Truth" nichts auszusetzen.

Richtige Blockbuster-Titel in Virtual Reality sind gar nicht so einfach zu finden. Das PS4-Exklusivspiel "Blood & Truth" schlägt in seiner Machart in diese Bresche und will ein filmreifes Erlebnis auf PlayStation VR bringen. Das klappt ziemlich gut – in Sachen Gameplay hat das Spiel mir aber bekannte Schwächen vor Augen geführt.

Wenn es um Virtual Reality im Gaming geht, werden technische Leistungsdaten wie die Auflösung oder die Bildwiederholrate meist als erstes hervorgekramt, um die Qualität des Spielerlebnisses zu bewerten. Klar, wer will nicht mal die Hauptrolle in einem hochauflösenden Action-Film übernehmen und das Gefühl haben, an einer explosiven Verfolgungsjagd durch die dunklen Ecken Londons teilzunehmen? Damit die Atmosphäre stimmt, muss das dann natürlich auch entsprechend bombastisch aussehen.

Ein gut aussehendes Spiel macht für mich aber noch lange kein gutes Spiel aus. Auch nicht, wenn es aus bekannten Gameplay-Mechaniken zusammen gebaut ist, die für sich genommen gut funktionieren – wie "Blood & Truth". Im besten Fall sollte Virtual Reality in erster Linie dazu dienen, dem Spieler das Gefühl von mehr Freiheit zu geben. Stattdessen zeigt mir "Blood & Truth" an vielen Punkten aber eher, wie limitiert diese Freiheit in vielen Videospielen heute noch immer ist.

Story-Railshooter mit Rhythmusproblem

Ein Beispiel: In einer Sequenz relativ am Anfang  durchquere ich als Spieler mit meinem virtuellen Bruder ein Museum in London. Die Entwickler nutzen diesen Abschnitt auch, um ein paar visuelle VR-Effekte zu demonstrieren. Und so schlendere ich zusammen mit dem NPC von Raum zu Raum und sehe mir verschiedene interaktive Installationen an.

Allerdings lässt mich "Blood & Truth" dabei an der kurzen Leine: Über dem Fußboden erscheinen Punkte, zu denen ich mich auf Knopfdruck hinbewege – völlig frei darf ich nicht navigieren. Das stört mich in den Action-Szenen nicht so sehr – aber in narrativen Parts, wie der Museums-Tour, reißt dieses Prinzip ein Loch von der Größe der Westminster Abbey in meine VR-Immersion.

Schreite ich nicht demütig langsam durch die Räume, in genau dem Rhythmus, den die Macher offenbar vorgesehen haben, muss ich jedes Mal am Endpunkt warten, bis der NPC an seinem jeweiligen Platz angekommen ist. Erst wenn er gemächlich seine vorgeschriebene Route entlang spaziert ist, werden Dialog und Handlung fortgesetzt  – ich stehe also buchstäblich auf der Stelle und frage mich, warum narrative Flaschenhälse dieser Art mich so an alte PS3-Zeiten erinnern.

Was macht ein gutes VR-Spiel eigentlich aus?

Das ist natürlich kein spezifisches Problem von "Blood & Truth". Sondern eher etwas, das mir bei VR-Spielen immer wieder auffällt. Sie bieten zwar eine neue Perspektive, das eigentliche Gameplay profitiert aber kaum von der freien Rundumsicht. Im Grunde spiele ich hier einen sehr guten Railshooter, wie es ihn schon in den 1990er-Jahren zuhauf gab – zwar ohne VR-Brille, aber dafür mit Lightgun statt Move Controllern. "Blood & Truth" ist so gesehen ein stark aufgebohrtes "Virtua Cop" auf Dope.

Kleinere VR-Spiele machen das schon besser, wie etwa das rhythmische Lichtschwert-Fuchtelspiel "Beat Saber" oder auch "Keep Talking and Nobody Explodes" – eine Bombenentschärfung im asymmetrischen Multiplayer, die sogar ohne VR funktioniert. Hier ist die virtuelle Realität ein zentrales Spielelement und nicht nur ein visuelles Gadget.

"Tetris Effect" ist zwar ein gutes Gegenbeispiel; hier wird das bekannte Gameplay zu einem audiovisuellen Trip aufgepumpt, der ohne VR nur halb so gut kickt. Aber dabei wird der Effekt an sich zum zentralen Merkmal, das sich nur schwer in "herkömmlichen" Games reproduzieren lässt – anders als in einem Story-basierten Shooter.

Triple-A-VR-Gaming: Geht da noch mehr?

"Blood & Truth" würde auch auf dem TV gut aussehen, es ist grafisch nicht weit von aktuellen PS4-Krachern weg – hier hat Sonys London Studio tolle Arbeit geleistet. Aber ganz ohne VR käme das Spielprinzip meiner Meinung nach nicht an den sonst so hohen Standard der Sony-Exklusivspiele heran.

Daher ist "Blood & Truth" zwar ein wirklich gutes PSVR-Game, dessen Atmosphäre in vielen Sequenzen intensiver auf mich wirkt, als es ohne VR der Fall wäre. Ob Virtual Reality aber wirklich gekommen ist, um zu bleiben, hängt für mich davon ab, ob auch Triple-A-Entwickler es irgendwann schaffen, innovativere Games auf die Linsen zu zaubern, anstatt Spielideen erfolgreicher Reihen zu adaptieren.

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