"Call of Duty: Black Ops 4" ohne Kampagne: Warum Treyarch richtig lag

"Call of Duty: Black Ops 4" verzichtet auf den Singleplayer – ein mutiger Einschnitt, der sich aber auszahlen dürfte.
"Call of Duty: Black Ops 4" verzichtet auf den Singleplayer – ein mutiger Einschnitt, der sich aber auszahlen dürfte. (©Activision 2018)
David Albus Überbrückt Ladepausen in PC-Games an der Nintendo Switch – und umgekehrt.

Bei "Call of Duty: Black Ops 4" entschied sich Entwickler Treyarch zu einem gewagten Schritt: Die Singleplayer-Kampagne, bisher klassisches Standbein der Shooter-Reihe, fliegt raus. Stattdessen gibt's mehr Multiplayer, Zombies und Battle Royale. Der Aufschrei war groß – doch die Reaktionen zum Release zeigen, dass das Studio aufs richtige Pferd gesetzt hat.

Für viele Fans steht "Call of Duty" nicht nur für Mehrspieler-Geballer auf technisch hohem Niveau, sondern auch für Actionfilm-reife Geschichten mit reichlich Dramatik und überwältigender Optik. Kann eine Spielereihe mit dieser Historie darauf einfach verzichten? Noch dazu zugunsten eines (vielleicht) kurzlebigen Trends? Nicht ganz zu Unrecht kommentierte mein Kollege Kai vor einigen Monaten die Gerüchte zur Abschaffung der Kampagne in "Black Ops 4" mit den Worten: "Call of Duty" ohne Story, aber mit Battle Royale – geht's noch?

Verliert "CoD" ein Alleinstellungsmerkmal?

Letztlich passierte aber genau das: "Black Ops 4" streicht den Singleplayer und setzt ganz auf Online-Mehrspieler – mit vollem Programm in Form klassischer Modi, einem Zombie-Koop und einer "BlackOut" getauften Variante zum Trend-Modus der Stunde.

Zum Release muss sich nun zeigen: Reicht das? Oder verliert "Call of Duty" mit dem Verzicht auf eine cinematische Kampagne ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal?

Story-Momente wie die berüchtigte Flughafen-Mission aus "Call of Duty: Modern Warfare 2" genießen unter "CoD"-Spielern Kultstatus.
Story-Momente wie die berüchtigte Flughafen-Mission aus "Call of Duty: Modern Warfare 2" genießen unter "CoD"-Spielern Kultstatus.

Die Zahlen sprechen gegen den Singleplayer in "Call of Duty"

In einem neuen Interview mit VentureBeat erklärt Treyarch-Chef Dan Bunting, wie sehr die Einsparung des Einzelspieler-Erlebnisses letztlich auf Erfahrungswerten beruht: Jedes Jahr habe das Interesse an der Kampagne merklich abgenommen, jedes Jahr hätten mehr Spieler den Zombie-Modus und den Multiplayer gespielt.

Bereits im Mai 2018 veröffentlichte Ars Technica entsprechende Statistiken, nach denen besonders die Treyarch-Games nur wenige Spieler zum Durchspielen der Kampagne bewegen konnten: Nur 9 Prozent der Spieler auf PC und Xbox sahen etwa das Ende der "Black Ops 3"-Kampagne.

Die Kernfrage: Brauchen Shooter mit Multiplayer-Fokus eine Kampagne?

Die neue Vision von "Call of Duty" als reiner Multiplayer-Shooter passt die Games-Reihe – das zeigen die kalten Zahlen – also im Grunde nur den realen Gegebenheiten an. Sie spiegelt aber auch ein wenig die allgemeine Wahrnehmung von Story-Modi in aktuellen Shootern mit einer gut ausgebauten Mehrspieler-Komponente wider: Die Kampagne wurde nicht nur in jüngeren "Call of Duty"-Games, sondern zum Beispiel auch in "Star Wars: Battlefront 2" oder "Destiny 2" schon längst mehr als Vorbereitung auf den Multiplayer verstanden, in dem das eigentliche Spielerlebnis liegt. Kurz nach dem Release machen die Storys vielleicht noch Schlagzeilen. Langfristig interessiert aber nur der Mehrspieler-Aspekt.

Die Kampagne von "Star Wars: Battlefront 2" war im grunde Pflichterfüllung – denn beim Vorgänger hatten Fans den Singleplayer vermisst. Bleibenden Eindruck hinterließ sie aber nicht.
Die Kampagne von "Star Wars: Battlefront 2" war im Grunde Pflichterfüllung – denn beim Vorgänger hatten Fans den Singleplayer vermisst. Bleibenden Eindruck hinterließ sie aber nicht.

Erste Kritiker-Reaktionen: Niemand vermisst die Kampagne

Dass Treyarch die Zeichen der Zeit richtig gedeutet hat, beweisen erste Kritiken zu "Black Ops 4". Internationale Magazine wie Game Informer, US Gamer und PC Games N (um nur einige zu nennen) vergeben hohe Bewertungen und loben vor allem den Battle-Royale-Modus "BlackOut", der bereits in der Beta äußerst wohlwollende, teils regelrecht euphorische Reaktionen hervorrief. Am abwesenden Singleplayer-Modus scheinen sich die Kritiker bislang nicht zu stören – im Gegenteil: Als Aufhänger erwähnt wird die fehlende Kampagne zwar in allen Reviews, aber nie mit wehmütiger Nostalgie. Der Tenor ist eher: Es wurde auch Zeit.

2018 steht ein Battle-Royale-Modus der "Cal of Duty"-Reihe offenbar besser zu Gesicht als eine Kampagne.
2018 steht ein Battle-Royale-Modus der "Call of Duty"-Reihe offenbar besser zu Gesicht als eine Kampagne.

Die Games-Welt hat sich gewandelt – und "Call of Duty" muss mitziehen

Trotz seiner geschichtlichen Herkunft als Shooter mit starker Story-Komponente wird "Call of Duty" einfach längst nicht mehr als Solo-Titel verstanden. Um nicht ganz ohne geschichtliches Gerüst auskommen zu müssen, packt "Black Ops 4" zwar ein bisschen Information über die Spielcharaktere in die Spezialisten-Missionen, den Zombies-Modus und die Multiplayer-Modi. Auf eine übergreifende, bombastisch inszenierte Erzählung kann "CoD" 2018 aber einfach verzichten.

Im kooperativen Zombies-Modus erzählt "Call of Duty: Black Ops 4" immerhin noch ein paar kleine Geschichten.
Im kooperativen Zombies-Modus erzählt "Call of Duty: Black Ops 4" immerhin noch ein paar kleine Geschichten.

Für Games, die dem Multiplayer viel Platz einräumen, sind mittlerweile ganz andere Arten des Erzählens bedeutsam geworden. Dass sich Treyarch für die Adaption des Battle-Royale-Genres in "Black Ops 4" entschied, hing laut Dan Bunting auch mit der gestiegenen Relevanz von Livestreaming über Plattformen wie Twitch oder Youtube zusammen: "Wir wollten ein Spiel machen, bei dem es Spaß macht, es anzuschauen und es zu spielen. Wir haben das kommen sehen. Wir wussten, dass es hier einen Wechsel geben würde."

Die sich ständig wandelnden Geschichten, die Streamer in einer Sandbox-Umgebung für ihr Publikum "schreiben", lassen die filmische Erzählweise einer klassischen Kampagne bei einem rasanten Mehrspieler-Titel eben ein bisschen unzeitgemäß aussehen.

Ein ehrlicher Schritt in die Zukunft

"Black Ops 4" macht daher einen ehrlichen Schritt: Treyarch hat frühzeitig erkannt, dass Games sich auf neue Formen der Interaktion zwischen den Spielern und damit auch neue Erzählweisen einstellen müssen. Vor allem aber haben die Entwickler ohne nostalgische Scheuklappen anerkannt, wofür "Call of Duty" heute vor allem steht: den Multiplayer.

Sich ganz auf diesen einen Aspekt zu konzentrieren und zu versuchen, das Maximum für Fans dieser Spielmodi herauszuholen, dürfte sich nun als mutige, aber wohl richtige Strategie erweisen. Und wenn dabei dann Energien frei werden, um einem Trend wie Battle Royale etwas ganz Eigenes abzugewinnen – umso besser.

Release
"Call of Duty: Black Ops 4" ist am 12. Oktober 2018 für PC, PS4 und Xbox One erschienen.

Der TURN-ON-Test zum Multiplayer-Shooter folgt in Kürze.

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