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"Call of Duty: Modern Warfare" zeigt Krieg, wie er ist: Grausam

"Call of Duty: Modern Warfare" schreckt nicht davor zurück, die Grausamkeiten des Kriegs in voller Härte darzustellen – und das ist auch gut so.
"Call of Duty: Modern Warfare" schreckt nicht davor zurück, die Grausamkeiten des Kriegs in voller Härte darzustellen – und das ist auch gut so.

Die Kampagne von "Call of Duty: Modern Warfare" ist voll mit schockierenden Szenen, die die Grausamkeit des Kriegs darstellen. Aber nutzt Infinity Ward das nur, um in die Schlagzeilen zu kommen oder geht es hier tatsächlich um eine realistische Abbildung moderner Kriege? Ich habe mir nach dem Abschluss der Kampagne ein paar Gedanken dazu gemacht.

Wie viele andere bin ich von "Call of Duty: Modern Warfare" extrem begeistert: Die actionreiche Story wird spannend erzählt und auch der Multiplayer knallt – wie erwartet – richtig gut. Klar, das Spiel ist nicht perfekt, wie viele andere Gaming-Seiten sehe ich es aber bei soliden 4 von 5 Punkten.

Einen Kritikpunkt, den ich in sehr vielen Reviews gelesen habe, kann ich aber nicht so ganz nachvollziehen: Den Entwicklern wird vorgeworfen, dass der hohe Grad der Gewaltdarstellung nur ein Mittel sei, um zu schocken. Zudem wird kritisiert, dass die Hauptfiguren sich nicht ausreichend mit ihren ethisch bedenklichen Handlungen auseinandersetzen. Ich sehe das ein wenig anders.

Wenn man das nicht sehen will, sollte man keine Kriegsspiele spielen

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"Call of Duty: Modern Warfare" steigt mit einem Selbstmordattentat eines Terroristen ins Spiel ein.
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Rebellen-Anführerin Farah und ihr Bruder überlebten als Kinder einen Giftgasangriff. Die Mission ist aus der Sicht der jungen Farah spielbar.
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In "Call of Duty: Modern Warfare" wird auch gezeigt, wie Kinder von Geiselnehmern erschossen werden.
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Waterboarding ist eine Foltermethode, bei der das Ertrinken simuliert wird. Auch diese Erfahrung muss aus der Ego-Perspektive gemacht werden.
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Um den Schlächter zum Reden zu bringen, werden seine Frau und sein Kind als Geisel genommen und können vom Spieler mit dem Tod bedroht werden.
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Kommen wir erst einmal auf die von vielen Spielern als zu brutal empfundene Gewaltdarstellung zu sprechen. Ja, es stimmt: "Call of Duty: Modern Warfare" ist hemmungslos brutal und der Warnhinweis vor dem Start der Kampagne, dass "einige Szenen drastische oder intensive Inhalte samt Gewaltdarstellung enthalten", ist angebracht. In "Call of Duty: Modern Warfare" gibt es perfide Folterszenen und Terrorakte zuhauf zu sehen.

Bei diesen und weiteren grausamen Szenen musste ich ganz schön schön schlucken und sie bleiben auch nach dem Ausschalten der Konsole noch eine ganze Weile im Gedächtnis. Ich finde diese Darstellungen aber extrem wichtig, denn sie geben eine Ahnung davon, wie Krieg nun einmal ist: brutal, grausam und erbarmungslos.

Moderner Krieg ist schmutzig und hinterhältig

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Terrorismus ist in der heutigen Kriegsführung leider zu einer festen Konstante geworden.

Meiner Meinung nach gelingt es "Call of Duty: Modern Warfare" zum ersten Mal, dem Titel "Modern Warfare" gerecht zu werden. Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass sich bei einem Krieg zwei verfeindete Nation auf einem abgesteckten Schlachtfeld in unterschiedlichen Uniformen gegenüberstehen. Die meisten heutigen Kriege sind Stellvertreterkriege, bei denen Großmächte Konflikte in Drittstaaten austragen und sich auf die Seite verschiedener Fraktionen schlagen. Terrorakte sind wesentlicher Bestandteil militärischer Strategien und rücken Zivilisten noch stärker in die Schusslinie als früher. Und Freund und Feind sind im Kampf nicht leicht zu unterscheiden, denn Terroristen tragen keine Uniformen und mischen sich unter Zivilisten.

All diese Aspekte greift "Call of Duty: Modern Warfare" unzensiert auf – und das muss es auch, wenn es die Realität irgendwie glaubhaft abbilden will. Die gezeigten Szenen passieren auf der Welt tagtäglich, wieso sollten diese Seiten des Kriegs und des Terrorismus also nicht thematisiert und gezeigt werden?

Warum sollen mir die Spielfiguren die Moral vorkauen?

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Captain Price schreckt vor nichts zurück, um seine Mission zu erfüllen.

Ein weiterer Kritikpunkt an der Kampagne von "Call of Duty: Modern Warfare", den ich häufig gelesen habe, ist eine fehlende kritische Einordnung unmoralischer Handlungen durch die Spielfiguren. Damit dürfte insbesondere Captain Price gemeint sein, der auch bei noch so schrecklichen Handlungen nicht einmal mit der Wimper zuckt.

Dass Price selbst ein Verhör kalt lässt, in dem die Frau und das Kind eines Terroristen mit dem Tod bedroht werden, ist für uns als Spieler unverständlich, aber vielleicht ist das eben einfach sein Charakter. Zitate wie "Wir ziehen die Grenze da, wo es nötig ist" oder "Wir werden schmutzig, die Welt bleibt sauber. Das ist die Mission" unterstreichen, dass ihm wirklich jedes Mittel recht ist. Auch wenn ich seine Sicht nicht teile, kann ich seinen Umgang mit der Situation nachvollziehen. Price ist eben einfach ein emotionsloser Charakter. Und ebenso kann ich auch Kyle verstehen, der sich unbedingt an den Terroristen für die Anschläge in London rächen will. Das ist moralisch zwar falsch, aber doch nachvollziehbar.

Ich erwarte nicht und will ehrlich gesagt auch gar nicht, dass mir die Charaktere irgendeine Moralpredigt wie am Ende einer "He-Man"-Episode halten, wie schlimm das doch alles sei, was sie tun, um eine noch größere Katastrophe zu vermeiden. Es ist nicht die Aufgabe der Entwickler, die Charaktere so zu schreiben, dass sie mir die Moral vorkauen. Ich als Spieler muss mich mit den gezeigten Szenen auseinandersetzen und sie selbst bewerten.

Gute Ansätze nicht ganz zu Ende gedacht

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Captain Price bei der gemütlichen Einsatzbesprechung seiner nächsten Mission.

So sehr ich Infinity Ward für die Thematisierung von Terrorismus und den Mut zur Darstellung von Kriegsverbrechen in "Call of Duty: Modern Warfare" loben möchte, so sehr nervt es mich aber, dass das Spiel vor allem gegen Ende wieder in die Patriotismus- und Heldenschiene einlenkt. Selbst Captain Price ist der große Held, der gleich zu neuen "ehrenvollen" Taten schreitet – die moralischen Grenzüberschreitungen sind vergessen, der Held muss ein Held sein und ich soll ihn dafür verehren. Das kommt mir falsch und inkonsequent vor.

An dieser Stelle hätte ich es wirklich gut gefunden, wenn die kompletten Geschehnisse noch einmal in irgendeiner Art und Weise aufgearbeitet werden. Sie müssen nicht einmal in irgendeiner Form bewertet werden, aber das Ganze so schnell und folgenlos vom Tisch zu kehren, finde ich plump.

Kein Antikriegsspiel – aber näher dran als je ein "CoD" zuvor

Mit "Call of Duty: Modern Warfare" hat Infinity Ward ein Spiel geschaffen, das Facetten des Krieges zeigt, die ich bisher bei keinem anderen Spiel in dieser Weise gesehen habe. Die Entwickler scheuen nicht davor zurück, den Schrecken des Krieges in gebührender Härte darzustellen. Die verstörenden Szenen und unmoralischen Akte sind schwer zu verdauen, meiner Meinung nach aber zwingend nötig, um sich ein realistisches Bild von moderner Kriegsführung zeichnen zu können.

Ich will nicht ausschließen, dass die unzensierte Gewaltdarstellung als drastischer Werbeeffekt auch mit in die Entscheidung hineingespielt hat, die besagten Szenen im Spiel unterzubringen. Aber ich habe, anders als bei der Schockmarketing-Mission "Kein Russisch" aus "Modern Warfare 2", das Gefühl, dass die Entwickler wirklich ein Zeichen setzen wollten. Und das ist ihnen gelungen.

Den Schritt zum waschechten Antikriegsspiel traut sich "Call of Duty: Modern Warfare" trotzdem nicht zu. Die Landung gerät wacklig, am Ende dominieren doch wieder Patriotismus und Heldentum. Immerhin: Nach dem Ende der Kampagne bleibt ein unbequemes Gefühl. Und das konnte mir bisher noch kein anderer Kriegs-Shooter so gut vermitteln.

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