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Das Geheimnis guter Spiele-Soundtracks – von einem, der es wissen muss

"Video Games Live" spielt die größten Games-Soundtracks mit großem Orchester. Wir haben mit Initiator Tommy Tallarico gesprochen.
"Video Games Live" spielt die größten Games-Soundtracks mit großem Orchester. Wir haben mit Initiator Tommy Tallarico gesprochen. (©TURN ON 2018)
David Albus Überbrückt Ladepausen in PC-Games an der Nintendo Switch – und umgekehrt.

Die Soundtracks von "Super Mario", "Tetris" oder "Zelda" sind mindestens so bekannt wie die eigentlichen Games. Aber was macht ein Musikstück aus einem Videospiel zum Klassiker? Wir haben nachgefragt – bei einem, der Bescheid weiß. Tommy Tallarico hat an über 300 Game-Scores mitgearbeitet und bringt in seiner Konzertreihe "Video Games Live" seit Jahren zeitlose Videospiel-Melodien auf die Bühnen der Welt.

Mit Tommy Tallarico über Musik zu reden ist leicht: Der 50-jährige US-Amerikaner hat sein gesamtes berufliches Leben mit dem Komponieren, Arrangieren, Hören und Performen von Spiele-Soundtracks verbracht. Bei seinem Lieblingsthema sprudelt er entsprechend wie ein Wasserfall.

Vor allem in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren hat Tallarico an Hunderten Games mitgewirkt. Er schrieb Musik für zahlreiche bekannte Titel, darunter zum Beispiel "Earthworm Jim", "Spider-Man" für PSOne und N64, die beliebte Mega-Drive-Version von "Aladdin" oder "Bloodrayne". Seit 2002 tourt er mit seiner Konzertreihe "Video Games Live" (VGL) um die Welt und führt die größten Spiele-Soundtracks der Welt als Orchester-Versionen auf.

Nun sitzt Tommy Tallarico vor dem "Video Games Live"-Konzert in Hamburg in einem Backstage-Raum, philosophiert über Songwriting-Tugenden und summt spontan Ludwig van Beethovens "Freude schöner Götterfunken".

Von Beethoven bis Bomberman – die Melodie macht's

Für Tommy Tallarico ist es kein Zufall, dass viele Highlights der Videospiel-Musik ausgerechnet aus den vergleichsweise frühen Tagen des Mediums stammen – den 1980er- und 1990er-Jahren, in denen an bombastische Orchester-Klänge noch nicht zu denken war. Und doch ist Beethovens Schlusschor seiner bombastischen 9. Sinfonie für ihn das beste Beispiel: "Das ist eine simple Melodie, gesungen mit nur einer Stimme", so Tallarico im Interview mit TURN ON. "Diese Melodie muss sitzen, das ist das Wichtigste – und auch der Grund, warum wir uns an großartige Videospiel-Musik erinnern." Zum Beweis summt er auch noch "Super Mario" und "Tetris".

Game-Musik in den 1990ern: Komponieren gegen die Technik

Klar, eine gute Ohrwurm-Melodie ist nicht nur in Game-Musik, sondern auch in Popsongs und Klassik essenziell. Bei Videospielen erwächst ihre Bedeutung aber direkt aus der Technik – eine Entwicklung, die Tommy Tallarico aus erster Hand miterlebt hat.

"Als ich in der Games-Industrie angefangen habe, war die gesamte Musik auf Cartridges gespeichert. Wir haben mit Midi-Files gearbeitet und hatten einfach nicht die Möglichkeiten, um echte aufgenommene Musik zu nutzen. Damals gab es keine großartige Technologie, keine hundert Orchesterinstrumente. Wir hatten auch nur dreißig- bis vierzigsekündige Loops, denn wir konnten die Musik nicht lang oder kompliziert machen. Alles hing an der Melodie."

Technische Beschränkungen sorgten in alten Games dafür, dass zur Melodie manchmal nicht einmal ein zusätzliches Instrument erklingen konnte – weil die Cartridge zu wenig Speicher hatte, um Spiel und Musik zugleich laden zu können. In alten Spielen für den original Game Boy ist das gut zu hören.

Ein Tallarico-Soundtrack bietet das beste Beispiel. Seine erste Komposition überhaupt, der "Prince of Persia"-Soundtrack für den Nintendo-Handheld aus dem Jahr 1992, erschafft mit wenigen Bleeps und Bloops eine ominöse Atmosphäre aus 1001 Nacht:

"Früher musste alles exakt auf ein Raster passen, Du konntest kaum zwei Noten zeitgleich abspielen, ohne dass der Computer abstürzte. Das war sehr strukturiert, beinahe wie Barockmusik", zieht Tallarico die nächste Parallele zur klassischen Musik und nennt Komponisten wie Mozart und Beethoven, die später die ordentlich strukturierte Barockmusik aufbrachen und bis dato ungekannte Klänge entfesselten.

Die CD-ROM beschert Gaming den Mozart-Moment

So ging es auch den Videospiel-Soundtracks mit der Erfindung der CD-ROM, die Mitte der 1990er ganz neue Möglichkeiten schuf – theoretisch.

Denn praktisch haperte es plötzlich an anderen Dingen: "Als CD-ROMs als Speichermedium verfügbar wurden – auf Playstation, Mega Drive, Sega Saturn –, konnten wir Musik live aufnehmen und direkt auf die CD packen", erinnert sich Tallarico. "Das Problem damals war: Die Studios hatten kaum Budget dafür. Ein großes Orchester aufzunehmen, kostet eine halbe Million Dollar – das war ein Budget, mit dem  manche Spiele komplett auskommen mussten."

Die großen orchestralen Soundtracks kamen erst in den späten Neunzigern mit Spielen wie 'Final Fantasy ', 'Halo' oder 'World of Warcraft'. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts schlossen die Budgets mit den technischen Möglichkeiten auf – das war der große Wendepunkt."

Game-Soundtracks heute: Alles ist möglich – aber nicht alles ist gut

Heute sind Speicherplatz und Geld zumindest bei großen AAA-Titeln nach außen hin kein Thema mehr. Franchises wie "Destiny" oder "Call of Duty" leisten sich große Namen wie Paul McCartney und Hans Zimmer. Auch in Sachen Klanggewalt sind Spiele-Soundtracks längst bei Beethovens Neunter angekommen. Die Herausforderungen liegen jetzt eher darin, sie auf neue Spieleformen anzupassen – etwa auf Open-World-Games, in denen das Geschehen sich sehr dynamisch verändert und das zur passenden Untermalung entsprechend einen flexiblen Soundtrack benötigt.

Mit den endlosen Möglichkeiten kreativ umzugehen heißt für Tallarico vor allem: Die Bedeutung einer guten Melodie nicht zu vergessen. "Wenn Du als Komponist nicht aufpasst, verlierst Du die Melodie, weil Du so sehr darauf konzentriert bist, was in dem Level passiert. Mein Ziel war immer vorrangig, ein großartiges Stück Musik zu schreiben. Mir war es relativ egal, ob das zum Level passt oder nicht. Nimm ein Spiel wie 'Earthworm Jim', für das ich komponiert habe. Da bist Du im Weltraum in einer Rakete im Asteroidengürtel – also spielen wir ein bisschen Banjo-Musik! Warum nicht? Niemand erwartet so etwas."

"Video Games Live": Klassiker-Melodien, bombastisch arrangiert

Wer mit Tallarico über seine Konzertreihe "Video Games Lieve" spricht, merkt schnell: Erwartungshaltungen zu durchbrechen ist auch hier das erklärte Ziel. Der Komponist ist sichtlich stolz auf sein Projekt, das seit 2002 mit Orchester-Arrangements der größten Hits der Videospiel-Geschichte um den Globus tourt und am Abend nach unserem Interview sein 480. Konzert absolvieren wird.

Rekorde
"Video Games Live" schaffte 2016 den Sprung ins Guinness Buch der Rekorde – mit gleich zwei Höchstleistungen:

  • Zum einen bekam die Konzertreihe die Auszeichnung für die meisten absolvierten Aufführungen von Videospiel-Musik.
  • Zum anderen versammelte sie das größte Publikum bei einer Aufführung von Game-Musik. Am 13. August 2015 spielten Tallarico und das Orchester in Peking vor insgesamt 752.109 Zuschauern. 750.023 davon sahen per Livestream zu.

Warum rief Tommy Tallarico die Konzerttour vor mehr als 15 Jahren ins Leben? Einst ging es ihm nur darum, "den Leuten zu beweisen, dass Game-Musik mehr ist als Gepiepse und Gefiepe", wie er selbst sagt. Mittlerweile sieht Tallarico seine Mission auch darin, eine junge Generation mit sinfonischen Klängen in Kontakt zu bringen – und zugleich dem sinfonischen Publikum zu beweisen, dass auch Videospiel-Musik kompositorisch und künstlerisch wertvoll ist.

Voller Einsatz: Tommy Tallarico mit "Video Games Live" in Hamburg fullscreen
Voller Einsatz: Tommy Tallarico mit "Video Games Live" in Hamburg (©TURN ON 2018)

Schwer vorstellbar, dass da noch jemand widerspricht, wenn das Orchester das "Zelda"-Thema, den opulenten Score von "Final Fantasy 10" oder die mystisch-flirrenden Klänge des "BioShock"-Soundtracks interpretiert. Wenn Tallarico für 16-Bit-Soundtracks von Spielen wie "Mega Man" oder "Castlevania" zur E-Gitarre greift und damit die Chiptune-Ästhetik der Originale nachahmt, während das Orchester den Hintergrund liefert, wird wieder besonders deutlich, dass im Kern jeder großen Game-Musik eine große Melodie steckt.

Der singende, klingende Teil der Gaming-Kultur

Für diese Melodien, aufgeblasen auf sinfonische Dimensionen, kommen die Fans zu den "Video Games Live". Tallarico inszeniert jedes Konzert von der Bühne mit einer guten Portion Pathos und viel Selbstbewusstsein als eine Feier der Gaming-Gemeinde – und macht sie zum Bestandteil der Show. Auf Leinwänden hinter dem Orchester laufen von der Community zusammengestellte Fanart-Clips und Cosplay-Videos als Begleitung zur Musik neben offiziellen Trailern. Die Setlist jedes Konzerts wird zum Teil durch Twitter-Umfragen mitbestimmt.

Trotzdem sieht Tallarico seine Konzertreihe nicht als reine Szene-Veranstaltung. Für ihn sind Videospiele und ihr Sound längst im Mainstream angekommen und stehen nur gefühlt immer noch im Schatten von Filmmusik. Die Popularität von Games-Streaming-Diensten, allen voran Twitch, die täglich Millionen Zuschauer haben, ist für ihn der beste Beleg, auch wenn diese geballte Aufmerksamkeit oft unter dem Radar fliegt.

"Jeder unter 30 ist underground"

"Videospiel-Musik ist underground. Sie läuft nicht im Fernsehen oder im Radio. Aber die Realität ist: Jeder unter 30 ist underground. Games sind das größte Medium der Welt und man merkt es oft gar nicht", sagt der Komponist – und wird nicht müde, neben den Verdiensten von "Video Games Live" auch die musikalische Kreativität der sehr aktiven DIY-Szene im Gaming immer wieder hervorzuheben.

Also schwärmt er vom MAGFest, das jährlich mittlerweile über 20.000 Besucher anzieht und mit Turnieren, Spielstationen und Konzerten von Videospiel-Coverbands ganz der Gaming-Kultur und insbesondere der Game-Musik gewidmet ist. Oder von Websites wie der langlebigen Plattform OCRemix.org, wo kreative Nutzer seit Jahren Hunderttausende Remixes von Game-Soundtracks hochladen.

Und natürlich schwärmt Tommy Tallarico immerzu von den simplen Melodien der Klassiker, die ihre Kraft in jedem beliebigen Arrangement entfalten – vom 8-Bit-Chiptune bis zum Sinfonieorchester.

David Albus Überbrückt Ladepausen in PC-Games an der Nintendo Switch – und umgekehrt.
Das sagt David:
Tommy Tallarico hat eine hohe Meinung von sich selbst, seiner Musik und seinem Einfluss auf die Videospiel-Industrie – das wurde mir im Gespräch mit dem Komponisten schnell klar. Die kann er sich aber auch leisten: Was er abends mit "Video Games Live" auf die Bühne bringt, ist eine selbstbewusste Konzert-Show voller Highlights – und musikalisch ein echter Hit.
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