Meinung

"Death Stranding": Darum lohnt das Warten auf Kojimas Horrorvision

Der E3-Trailer zu "Death Stranding" gewährt erstmals einen Blick auf Gameplay und Atmosphäre des mysteriösen Sci-Fi-Horrorspiels von Entwicklerlegende Hideo Kojima. Auch wenn viele Fragen offen bleiben, glaube ich nun, dass "Death Stranding" ein echtes Highlight werden könnte.

Spielst Du in "Death Stranding" nur einen Boten, der durch die Ödnis wandert? Der Trailer von der E3 2018 erweckt tatsächlich zunächst diesen Eindruck. Der von Norman Reedus ("The Walking Dead") gespielte Protagonist Sam Bridges läuft und klettert durch menschenleere Berg-Landschaften und führt dabei Metallboxen und einen Rucksack mit sich. Der Transport der Güter stellt sich als gefährlich heraus, so erleidet Sam Wunden an den Füßen und muss sich sogar einen beschädigten Zehnagel herausreißen. Nicht nur, wer das auch schon einmal gemacht hat (fragt mich nicht), zuckt bei der Szene unwillkürlich zusammen.

 Sam begibt sich auf eine schmerzvolle Bergwanderung. fullscreen
Sam begibt sich auf eine schmerzvolle Bergwanderung. (©YouTube / PlayStation 2018)

In manchen Szenen wird Sam von einem schwebenden Roboter begleitet, der ebenfalls Boxen transportiert. Einmal scheint er gar eine menschliche Leiche in einem Leichensack auf dem Rücken zu tragen. Die düster-romantische, trostlose Atmosphäre vermittelt ein Gefühl von Einsamkeit und existenzieller Bedrohung. Sam kämpft sich mit letzter Kraft durch Matsch und Regenfälle, schleppt sich Berge hoch und durchkämmt verlassene Gebäuderuinen.

Nach ungefähr einem Drittel des Trailers erfahren wir, dass es im Spiel um weit mehr geht als um eine Paket-Zustellung zu Fuß. Auf einmal sind Abdrücke im Schlamm von einem unsichtbaren Wesen zu sehen, das offenbar auf den Händen läuft. Eine bislang unbekannte Frau, gespielt von Lea Seydoux (Bond-Girl in "Spectre"), taucht an Sams Seite auf und legt den Finger auf den Mund, damit Sam leise ist und die Kreatur die beiden nicht entdeckt. Auf ihrem Schutzanzug steht "Fragile Express", was wohl eine Firma bezeichnet, die empfindliche oder zerbrechliche Güter transportiert. Vermutlich arbeitet auch Sam für dieses Unternehmen.

 Ist diese hilfreiche Dame Sams Kollegin? fullscreen
Ist diese hilfreiche Dame Sams Kollegin? (©YouTube / PlayStation 2018)

Was ist Sams Familie zugestoßen?

Die Kreatur verschwindet und Sam betrachtet ein Foto, das vermutlich seine verstorbene Familie zeigt. "Die Zeit kann nicht alles wegwaschen. Die Vergangenheit möchte einfach nicht loslassen", kommentiert die Frau das Foto. In der nächsten Szene befindet sich Sam in einem verlassenen Gebäude und unbekannte Wesen bewegen sich auf seine Position zu. Er schnallt sich ein Retortenbaby in einem Glascontainer an die Brust und aktiviert ein Instrument, das die Wesen draußen sichtbar macht.

Die bedrohlichen Wesen sehen aus wie Menschen, schweben aber in der Luft und sind mit einer Art Nabelschnur miteinander sowie mit etwas über ihnen verbunden. Sam versucht sich unbemerkt an den Wesen vorbeizuschleichen. Plötzlich wird er jedoch von unten angegriffen – Wesen tauchen im Schlamm unter seinen Füßen auf und ziehen ihn hinein. Der Trailer wechselt zu der Frau, die Sam zuvor traf. Sie verspeist eine kleine Raupe. Am Ende bekommen wir eine andere Frau zu Gesicht, die von einer verjüngten Lindsay Wagner ("Die Sieben-Millionen-Dollar-Frau") gespielt wird. "Du weißt noch immer nicht, wer ich bin?", fragt sie, an Sam gerichtet.

 Retortenbabys sind das Hauptmotiv der bisherigen "Death Stranding"-Trailer. fullscreen
Retortenbabys sind das Hauptmotiv der bisherigen "Death Stranding"-Trailer. (©YouTube / PlayStation 2018)

Ein "Frankenstein" mit Retortenbabys

Atmosphärisch und thematisch hat mich der Trailer an das "Alien"-Prequel "Prometheus" sowie an Mary Shelleys "Frankenstein" (das Buch) erinnert. Tatsächlich scheint das Hauptmotiv des Spiels (beurteilt an den Trailern) direkt aus "Frankenstein" entliehen: Ein vom Menschen künstlich erschaffener Mensch – bei "Death Stranding" in Form eines Retortenbabys. Das ist, allerdings umgekehrt, auch das Hauptmotiv von "Prometheus", wobei hier Außerirdische den Menschen erschaffen haben. Die romantischen Berglandschaften könnten sogar direkt aus "Frankenstein" entnommen worden sein, wo sie umfassend beschrieben werden.

Die Gruselatmosphäre und die Horror-Elemente des Spiels legen nahe, dass Hideo Kojima etwas Warnendes über die künstliche Erschaffung von Menschen oder menschenähnlichen Wesen aussagen möchte. Das tun die Vorbilder "Frankenstein" und "Prometheus" ebenso. Eine Welt, in der Boten biotechnisch hergestellte Säuglinge in Containern transportieren und sie vor menschenähnlichen Wesen schützen, die an Nabelschnuren aus dem Himmel hängen, wirkt jedenfalls zutiefst verstörend.

 Wie in "Frankenstein" spielen in "Death Stranding" offenbar künstlich erschaffene Menschen eine wichtige Rolle. fullscreen
Wie in "Frankenstein" spielen in "Death Stranding" offenbar künstlich erschaffene Menschen eine wichtige Rolle. (©Gemeinfrei 2018)

Ist Guillermo del Toro doch nicht nur Kojimas "Marionette"?

Das einheitliche Motiv, der düstere Realismus und die ungebrochen verstörende Atmosphäre sind es, die "Death Stranding", am E3-Trailer beurteilt, positiv von Kojimas "Metal Gear"-Serie absetzen. Bei den "Metal Gear"-Titeln tobte sich Kojima meiner Ansicht nach zu unkontrolliert aus, baute immer wieder ironische Brüche und schrägen Humor ein und verlieh seinen Figuren unplausible übernatürliche Fähigkeiten. Ich meine, vielmehr auch die Handschrift des Gruselmeisters Guillermo del Toro in "Death Stranding" zu erkennen, der in sich stimmigere Werke erschaffen hat als Kojima.

Tatsächlich spielt der Regisseur von "Pans Labyrinth" in "Death Stranding" eine Figur, arbeitete mit Kojima zusammen am eingestellten Gruselspiel "P. T." und ist mit dem Gamedesigner befreundet. Er bezeichnete sich jedoch in Hinblick auf seinen kreativen Einfluss auf "Death Stranding" als Kojimas "Puppet", als seine Marionette. Kurz gesagt: Das kaufe ich ihm nicht ab. John-Schnee-Darsteller Kit Harington behauptete beim Dreh der sechsten "Game of Thrones"-Staffel auch, er würde nur eine Leiche spielen, und war dann doch als lebendiger John Schnee zu sehen.

Ich glaube fast gar nichts, was Kreative während des Produktionsprozesses sagen. Es ist schon lange bekannt, dass sie das Publikum gerne auf eine falsche Fährte führen, um sie dann mit dem fertigen Werk zu überraschen. Falls del Toro wirklich keinen kreativen Einfluss hatte, dann konnte Kojima seinen eigenen Stil offenbar deutlich weiterentwickeln.

 Ob Guillermo del Toro wirklich nur Kojimas "Martionette" ist? fullscreen
Ob Guillermo del Toro wirklich nur Kojimas "Martionette" ist? (©Youtube / Kojima Productions 2016)

Fazit: Die Wartezeit könnte sich lohnen

"Death Stranding" könnte eine positive Überraschung werden. Der E3-Trailer verspricht ein in sich stimmiges, atmosphärisch dichtes und grafisch herausragendes Sci-Fi-Horrorspiel für die PS4. Eine originelle und hervorragend gemachte "Frankenstein"-Variation könnte uns erwarten. Ich hoffe nur, dass Guillermo del Toro seinen Freund Hideo Kojima von allzu verrückten Einfällen und zu vielen ironischen Brechungen abhalten kann.

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