Meinung

Dieses Start-Up vermietet einen High-End-Gaming-PC – in der Cloud

Das Start-Up Blade vermietet mit Shadow einen vollwertigen High-End-Gaming-PC. Allerdings steht dieser nicht daheim beim Kunden, sondern in der Cloud. "In einem Jahr wird das schon ganz normal sein", meinen die sympathischen Franzosen – trotz schleppend vorangehendem Breitband-Ausbau auch in Deutschland? Ich habe beim Besuch in Paris nachgefragt.

Cloud-Computing könnte sich bald von einer Spielerei für Early Adopter zur Alltagstechnik wandeln. Wieso immer stärkere und fehleranfällige Hardware in Smartphones oder Desktop-Computern anschaffen, wenn sich Daten und Rechenvorgänge schon jetzt mit minimaler Verzögerung durch das Netz bewegen? Dann kann der Superrechner doch auch als "virtueller PC" in einem Rechenzentrum stehen, von Nutzern gemietet und aus der Ferne bedient werden. Auch wenn Deutschland in Sachen Breitband-Ausbau hinten ansteht – die Technologie entwickelt sich unaufhaltsam in diese Richtung und Shadow vom Hersteller Blade soll noch in diesem Jahr auch bei uns starten.

Blade verspricht mit Shadow einen vollwertigen High-End-PC in der Cloud

Das reine Speichern von Daten in der Cloud ist für viele Nutzer schon jetzt alltäglich, auch wenn der Begriff "Cloud" an sich durch Datenskandale und geleakte Promi-Nacktfotos einen negativen Beigeschmack bekommen hat. Darum vermeiden die Mitarbeiter des französischen Start-Ups Blade das "C-Wort" auch ausdrücklich, wenn sie von ihrem Produkt Shadow sprechen. Dennoch geht es um genau das: einen vollwertigen High-End-PC in der Cloud zur Verfügung zu stellen, anstatt ihn in ein Desktop- oder gar Laptop-Gehäuse zu quetschen.

 "Far Cry 5" in Ultra-Settings auf einem MacBook Pro? Per Cloud-Gaming kein Problem. fullscreen
"Far Cry 5" in Ultra-Settings auf einem MacBook Pro? Per Cloud-Gaming kein Problem. (©TURN ON 2018)

Blade ist ein junges Unternehmen im Herzen von Paris. In der Zentrale herrscht eine Atmosphäre, wie man sie sich bei einem Gaming-affinen Startup vorstellt: An den Wänden hängen bunte Poster, Fotos und Lichterketten oder Action-Figuren. Sympathische junge Leute sitzen an teils chaotischen Schreibtischen, essen Pizza aus Kartons oder spielen an einem Arcade-Automaten "Street Fighter 5" – natürlich mit der Besonderheit, dass das Prügelspiel nicht auf dem Automaten selbst läuft, sondern als Shadow-Stream über das Netzwerk.

Europäische Konkurrenz für Nvidia GeForce Now

Cloud-Gaming-Dienste bieten auch schon Konkurrenten an, darunter etwa Nvidia mit GeForce Now. Deren Beta hat mich bereits Anfang des Jahres in Staunen versetzt, da ich damit auf meinem 2013er MacBook Pro aktuelle Spiele wie "Far Cry 5" problemlos in Ultra-Settings spielen kann. Das Game wird dabei auf einem Nvidia-Server gerendert und über eine Client-Software für Mac oder PC auf den lokalen Rechner gestreamt – bei guter Verbindung mit kaum spürbarer Latenz.

Allerdings ist die Nutzung des virtuellen Desktops hier auf eine Spiel-Session begrenzt und nach dem Ausloggen wird das ganze System zurückgesetzt. Zudem ist der Zugriff stark eingegrenzt: Bis auf die Spiele, zum Beispiel aus der eigenen Steam-Bibliothek, können keine Programme installiert werden – nicht mal die für viele Games benötigte Anti-Cheat-Software, die ansonsten völlig automatisch bei der Installation auf dem Rechner landet.

Nutzung ohne Limits: "Es ist dein eigener PC"

Blade dagegen gibt vollen Zugriff auf das gemietete System: Wer sich anmeldet, greift von zuhause immer auf denselben Rechner zu, kann dort Daten und Programme speichern, spielen und arbeiten – bei maximaler Freiheit. Viele User probieren das auch direkt aus, wie man mir bei Blade erzählt: Dann deinstallieren sie zum Beispiel als erstes den eigenen Grafikkarten-Treiber, was natürlich einen Neustart durch die Administratoren nötig macht, aber nicht verboten ist.

Zocken über die Cloud: Ist der Unterschied spürbar?

Im bunt geschmückten Aufenthaltsraum, in dem die Mitarbeiter sich auch tagsüber immer wieder zum Zocken treffen, mache ich den Test: Ich soll nach einigen Runden "Fortnite: Battle Royale" erkennen, welcher von mehreren aufgebauten Rechnern das Spiel über die Cloud berechnen lässt. Unter den belustigten Augen des anwesenden Teams bin ich – natürlich – gescheitert: Bei meinem Tipp handelte es sich um einen etwas schwächer ausgestatteten PC, der offenbar Probleme mit dem Skalieren des Bildes hatte. Der tatsächliche Cloud-Stream beeindruckt mit Unauffälligkeit.

 Stehen unsere Computer zukünftig alle in einem Rechenzentrum und nicht zuhause? fullscreen
Stehen unsere Computer zukünftig alle in einem Rechenzentrum und nicht zuhause? (©Shadow by Blade 2018)

Der Miet-PC in der Ferne: Das steckt drin

Mit Shadow bietet Blade seinen Kunden einen vollwertigen Windows-10-PC mit stets aktuellen Specs: Ein Nvidia-GPU-Äquivalent zu einer GTX1080 ist drin, dazu eine aktuelle Xeon-CPU mit acht dedizierten Threads, 12 Gigabyte DDR4-RAM, 256 Gigabyte Festplattenspeicher und vor allem: eine symmetrische Online-Anbindung mit 1 Gigabit Download- und Upload-Geschwindigkeit. Während die eigene Internetverbindung daheim nur dazu genutzt wird, das Shadow-Bild auf dem Client darzustellen, verfügt der Cloud-Rechner über eine vorzügliche Anbindung an das Internet.

Mindestanforderung: Verbindung mit mindestens 15 Mbit

So lassen sich also zum Beispiel ohne Probleme aufwändige Games in 4K-Auflösung und mit 60 FPS auf Twitch streamen – ohne, dass die Zuschauer merken, dass es sich bei der Quelle um einen virtuellen Rechner handelt. Auch rechenintensive Rendering-Aufgaben können zu Arbeitszwecken auf dem Remote-PC durchgeführt werden. Der lokale Rechner kann dann zum Stromsparen ausgeschaltet oder für etwas anderes genutzt werden.

 Der Shadow-Client: Bis zum Deutschland-Start ist noch einiges an Lokalisation nötig. fullscreen
Der Shadow-Client: Bis zum Deutschland-Start ist noch einiges an Lokalisation nötig. (©TURN ON 2018)

Zur Nutzung empfiehlt Blade eine Verbindungsgeschwindigkeit von etwa 15 Mbit. Das Unternehmen hat einen eigenen Video-Codec entwickelt, um den Stream je nach Verbindungsqualität möglichst effizient übertragen zu können. "Wenn Dein Gerät einen Twitch-Stream anzeigen kann, wirst Du damit auch Shadow nutzen können", so versichert man es mir bei Blade.

Alle Daten in der Cloud: Ist das wirklich sicher?

Das funktioniert dann nahtlos: Per Login in unterschiedlichen Clients kann man fast ohne Unterbrechung zwischen verschiedenen Geräten springen und so etwa ein Game auf dem PC anfangen und auf einem Android-Tablet  oder iOS-Smartphone fortsetzen.

Mit einem Lächeln kommt Patrick Varloot von Blade meiner nächsten Frage zuvor: "Zwei Fragen stellen deutsche Journalisten immer als erstes: Wie sicher ist das und wie teuer ist es?" Varloot beschwichtigt: Angeblich ist es unmöglich für einen User auf den virtuellen Rechner eines anderen Shadow-Kunden zuzugreifen, physisch teilen sich lediglich zwei User die acht Threads der CPU. Dennoch ist jedes Computer-System natürlich immer nur so sicher wie die Passwörter der Kunden – das muss einem bewusst sein. Wirklich kritische Daten würde ich persönlich auf meinem Client-Rechner belassen, denn ganz ohne den geht es ja ohnehin nicht.

Kosten: Was ist ein "vollwertiger" Rechner Dir wert?

Hin und her gerissen bin ich beim Preis: Das günstigste Abonnement bei einer Laufzeit von einem Jahr kostet etwa 30 Euro monatlich. Zum Vergleich: Kauft man sich einen Gaming-PC für etwa 1000 Euro, hätte man diesen bei 30 Euro monatlich nach etwa drei Jahren abgezahlt. Allerdings verspricht Blade, die Technik etwa alle neun Monate auf den neuesten Stand zu bringen, was beim Privatkauf schnell ins Geld ginge. Noch dazu spart man Strom- und Unterhaltskosten – wer einen Gaming-PC mal längere Zeit unter voller Leistung hat laufen lassen, weiß, dass das nicht ohne hohen Energieverbrauch geht.

Meine persönliche magische Preisgrenze ist bei 30 Euro dennoch strapaziert. Emmanuel Freund, Gründer und CEO von Blade, kündigt zumindest an, dass es demnächst ein günstigeres Probe-Abo-Modell geben wird. Außerdem will Blade aus mit der Zeit ausrangierten Komponenten weitere virtuelle PCs bauen und so zusätzlich ein Alternativ-Abo mit weniger Leistung zu einem günstigerem Preis anbieten.

Launch: Shadow in Deutschland bereits im Early-Access

Allerdings wird das erst weit nach dem richtigen Launch in Deutschland passieren – denn am Markt will man sich erst mit dem Versprechen positionieren, einen vollwertigen virtuellen High-End-PC anzubieten, bevor man das Angebot erweitert. Der vollständige Release soll im Sommer 2018 stattfinden. Ab dann sollen die Server für Deutschland laufen, die zunächst in Amsterdam aufgesetzt werden: Dort stehen auch die Server der wichtigsten Gaming-Dienstleister (etwa Epic Games' "Fortnite"-Server), was sich günstig auf die Latenz auswirkt. Später soll ein Rechenzentrum in Frankfurt folgen.

Bis dahin befindet sich Shadow Blade in Deutschland in einer Art Early-Access-Phase: Zunächst wurden lediglich 200 Accounts vermietet, um die Stabilität längerfristig zu testen – diese nutzen vorerst noch die französischen Server. Schrittweise sollen weitere Interessenten freigeschaltet werden. Vor allem an der Performance, die aber eher von deutschen Internetprovidern als von Blade abhängen dürfte, wird der Erfolg des französischen Unternehmens hierzulande hängen.

Ja, wir Deutschen haben ein Verbindungs-Problem

Denn auf Nachfrage bestätigte man mir die Wahrnehmung, dass Deutschland von den Nachbarländern abgehängt wird, wenn es um Breitband-Ausbau und Verbindungsqualität geht: "Es gibt eine Ebene, die zwischen den Endverbrauchern und den Providern liegt, die vor allem die Ping-Zeiten in die Höhe treibt. Wir sammeln Daten und arbeiten mit den Anbietern zusammen, um die Quelle zu lokalisieren, aber in den meisten anderen Ländern sind Probleme dieser Art schon vor Jahren behoben worden", so Patrick Varloot.

 Kurios: Hier läuft "Fortnite" auf einem kleinen Android-Smartphone. fullscreen
Kurios: Hier läuft "Fortnite" auf einem kleinen Android-Smartphone. (©TURN ON 2018)

Vor allem das Mobile-Angebot – auch per Android- und iOS-App kann man sich nathlos auf dem virtuellen PC anmelden und ihn von unterwegs steuern – ist bei französischen Nutzern äußerst beliebt. Kein Wunder: Dort ist ein mobiles Datenvolumen von 50 Gigabyte unter zehn Euro monatlich erhältlich. Auch wenn es mich reizt, "The Witcher 3" in der U-Bahn auf meinem iPhone zu spielen, wäre das in Deutschland wohl schnell ein teures Vergnügen.

Rechner kaufen oder online mieten? Es geht auch beides

Natürlich wird es immer Kunden geben, die ihren Rechner aus verschiedenen Gründen lieber zuhause stehen haben wollen. "Aber in den meisten Fällen nicht aufgrund der Leistung", so Blade-CEO Freund. Deshalb verkauft Blade auch die Shadow Box, eine Art Mini-Designer-PC mit begrenzter Leistung, die als perfekt angepasstes Hardware-Interface für den Online-Service von Shadow genutzt werden soll. So sollen sich auch Kunden, die nicht völlig auf physischen Besitz verzichten wollen, mit dem Angebot von Blade identifizieren.

Für wen ist das was? Blade sagt: Für uns alle – schon bald

Ich für meinen Teil bin sehr gespannt darauf, Shadow in Deutschland testen zu können, wenn die entsprechenden Server laufen. Das Produkt an sich holt mich als Besitzer eines alten, aber geliebten MacBooks komplett ab. Es muss sich aber zeigen, ob die berüchtigte deutsche Infrastruktur mit der Entwicklung mithalten kann, die in diesem Falle aus der europäischen Nachbarschaft zu uns kommt.

 Blade CEO Emmanuel Freund mit der Shadow Box. fullscreen
Blade CEO Emmanuel Freund mit der Shadow Box. (©Shadow by Blade 2018)

Ob die Bevölkerung wirklich bereits in ungefähr einem Jahr völlig an Cloud-Computing gewöhnt sein wird, wie Freund optimistisch orakelt, bleibt abzuwarten. Über kurz oder lang führt aber wohl kein Weg daran vorbei und die Spiele-Publisher bereiten sich langsam darauf vor: Ubisoft geht davon aus, dass Cloud-Gaming bald Konsolen überflüssig machen wird. EA hat vor kurzem mit Gamefly einen entsprechenden Anbieter gekauft, Nintendo experimentiert mit Server-basierenden Games auf der Switch und auch Microsoft setzt auf die neue Technologie.

Freund dürfte also Recht behalten, wenn er sagt: "Selbst wenn wir scheitern sollten, wovon ich nicht ausgehe, dann wären wir vielleicht Schuld, weil wir schlechten Service geboten haben. Die Technologie an sich wird so oder so kommen."

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