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"Fe" ist das EA-Spiel, das niemand von EA erwartet hätte

Meditativer Platformer mit abstraktem Artstyle: "Fe" unterläuft alle Erwartungen an ein EA-Game.
Meditativer Platformer mit abstraktem Artstyle: "Fe" unterläuft alle Erwartungen an ein EA-Game. (©Electronic Arts 2018)

Mit "Fe" hat Electronic Arts Mitte Februar ein Jump'n'Run veröffentlicht, das so gar nicht zum restlichen Spielearsenal des Publishers passen will. Wir klären, was es mit dem Ausflug in den Indie-Bereich auf sich hat und warum der meditative Platformer für EA auch ein bisschen Ehrenrettung ist.

Electronic Arts hat – das lässt sich kaum anders sagen – ein handfestes Imageproblem. Der Mega-Publisher steht für viele Gamer mittlerweile längst nicht mehr für hochqualitative Spiele, sondern in erster Linie für ein dickes Bankkonto. Seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte die Schelte auf den Großkonzern im vergangenen Jahr mit "Star Wars: Battlefront 2", das synonym wurde für schamlosen Umgang mit Lootbox- und Mikrotransaktions-Systemen. Dazu kamen zahlreiche Studioschließungen, die bei vielen Fans vor allem ein Bild befeuerten: EA geht es nicht um gute Spiele, kreative Entwickler oder zufriedene Spieler, sondern einzig und allein um maximalen Gewinn. Kein Wunder, dass die Hoffnungen auf einen großen Multiplayer-Titel wie "Anthem" vor diesem Hintergrund etwas gedämpft sind.

In der Wahrnehmung vieler Spieler gehört EA – vorsichtig ausgedrückt –nicht zu den Guten.
In der Wahrnehmung vieler Spieler gehört EA – vorsichtig ausgedrückt – nicht zu den Guten. (© 2017 Electronic Arts/TURN ON)

"Fe" – das erste "EA Original"

Ist das negative Bild des Publishers einmal geschluckt, fällt es schwer, sich einem EA-Spiel noch neutral anzunähern. Und mitten rein platzt dann die Nachricht, dass Electronic Arts jetzt nicht nur große Lizenztitel macht, sondern auch noch im Indie-Sektor mitmischen möchte. "EA Originals" heißt die Mitte 2016 angekündigte Untersparte, in der kleinen Entwicklern und ihren Spielen eine Plattform geboten werden soll. Das Anfang 2016 erschienene "Unravel" wurde nachträglich schon unter dieses Banner verschoben, wie die offizielle Website zeigt. Die erste echte Veröffentlichung auf dem Label erfolgte aber am 16. Februar mit "Fe" für PC, PS4, Xbox One und Nintendo Switch. Der Titel wurde vom schwedischen Indie-Studio Zoink Games entwickelt und zeigt, wie gänzlich anders das Geschäft läuft, wenn mehr kreative Freiheiten, weniger Geld und entspanntere Erwartungen im Spiel sind.

Ein Streifzug durch nordische Wälder

"Fe" will kein gewaltiges Blockbuster-Game sein, sondern nur ein kleiner, feiner 3D-Platformer. Als Spieler steuere ich ein fuchsartiges Fabelwesen durch einen in dunklen, warmen Farben gezeichneten Zauberwald im abstrakten Artstyle. Ab und zu treffe ich andere Tiere, mit denen ich auf Knopfdruck singen kann. Dabei ändere ich mit Maus, Analog-Stick oder sogar per Bewegungssteuerung die Tonhöhe und wenn ich mit meinem Duettpartner in Harmonie bin, hilft er mir weiter – etwa, indem er eine magische Pflanze aktiviert, die mich dann in die Höhe katapultiert. Nach und nach lerne ich verschiedene Tier-Gesänge und Fähigkeiten wie Klettern oder Gleiten, bahne mir mit ihrer Hilfe einen Weg durch die offen gestaltete Spielwelt und löse dabei ein Rätsel um seltsame Roboterwesen, die die Waldtiere gefangennehmen. Mehr nicht.

Mehr muss aber auch nicht. Gemessen an dem, was gemeinhin als typischer EA-Titel gilt, ist "Fe" gewissermaßen das genaue Gegenteil. Zum einen ist es ein Singleplayer-Titel, in dem es zwar andere Tiere gibt, aber keine anderen Spieler und auch keinen Online-Modus. Und bevor jemand fragt: Nein, auch keine Mikrotransaktionen und Lootboxen.

"Fe" ist alles, wofür EA nicht (mehr) steht

Zum anderen ist es in sich geschlossen und mit gut sechs Stunden Spielzeit dabei auch noch recht kurz. Böse Zungen könnten anführen, dass das auch bei der Singleplayer-Kampagne von "Star Wars: Battlefront 2" der Fall war, aber die war ja offensichtlich mehr Dreingabe zum Multiplayer. Dass "Fe" aber eben kein jahrelang laufendes Games-as-a-Service-Angebot oder der neueste Teil einer Reihe ist, reicht im Zusammenhang mit EA fast schon, um auffällig zu sein. Es dauert jedenfalls etwas, im Katalog des Publishers in den letzten Jahren ein Spiel zu finden, das kein Multiplayer-Titel, keine Franchise-Lizenz oder keine Fortsetzung ist – unter den wenigen Ausnahmen ist bezeichnenderweise das schon genannte Prä-EA-Original "Unravel".

"Fe"-Screenshot fullscreen
"Fe"-Screenshot (©Electronic Arts 2018)
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"Fe"-Screenshot (©Electronic Arts 2018)
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"Fe"-Screenshot (©Electronic Arts 2018)
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"Fe"-Screenshot (©Electronic Arts 2018)

Die meisten Sympathiepunkte heimst EA mit der Veröffentlichung von "Fe" aber dadurch ein, dass das Game charmant, unbestreitbar eigen und eher Nischenware als Nummer-Sicher-Kost ist. Manchmal ist es nicht mal so richtig ein Spiel: Der künstlerisch umgesetzte nordische Tannenwald entfaltet im Zusammenspiel mit der mystischen Soundkulisse eine beruhigende Stimmung. Wer mag, kann das Platforming auch einfach Platforming sein lassen, aus Jux und Dollerei von Baum zu Baum hüpfen oder entspannt durch Schluchten gleiten. Gesprochen wird gar nicht, es gibt nur die Tierlaute. In seiner meditativen Anlage eifert "Fe" so stellenweise Games wie "Ori and the Blind Forest" und dem Klassiker "Shadow of the Colossus" nach – an Letzteren angelehnt gibt es sogar eine zitatähnliche Sequenz, in der ein gewaltiger Hirsch erklettert werden muss.

Nicht perfekt, aber charmant – ein Credo für die Zukunft?

Das Open-World-Feeling von "Fe" ist dabei nicht ohne Tücken und oftmals ist zum Beispiel nicht ganz klar, wo eigentlich die Story weitergeht. Auch in Sachen Steuerung und Rätsel-Logik hakt es gelegentlich und so ist auch "Fe" – trotz Indie-Charmes – alles andere als ein perfektes Spiel. Aber: Es ist ein Kleinod, dem man seine Mängel verzeiht, weil es in Sachen Atmosphäre und Präsentation so viel richtig macht.

"Fe"-Screenshot
"Fe"-Screenshot (© 2018 Electronic Arts)

Im Profil von EA ist "Fe" damit wie gesagt in vielerlei Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung und es leuchtet ein, warum der Publisher für Spiele dieser Art ein eigenes Sub-Label ins Leben gerufen hat. Wer pauschal den Glauben an Kreativität in der Spielebranche verloren hat, sollte gerade diese Ausnahmeerscheinungen aber gut im Auge behalten. Im März folgt nämlich bereits der nächste EA-Originals-Titel namens "A Way Out", der die Spieler zu Gefängnisausbrechern macht und – ein innovatives Novum – ausschließlich im Koop zu zweit gespielt werden kann.

Füllt "A Way Out" im März die Lücke zwischen Indie & Blockbuster?

Es ist gut, dass EA spannenden kleineren Produktionen und interessanten Ideen mit EA Originals die Chance gibt, sich neben den etablierten Mega-Franchises zu bewähren. Es ist auch gut, dass durchaus zu Recht kritisierte Mechanismen wie Lootboxen und DLCs hier offenbar nicht mit gleicher Vehemenz durchgesetzt werden wie in AAA-Titeln.

"A Way Out" steht als Koop-Game mit interessanter Grundidee in den Startlöchern.
"A Way Out" steht als Koop-Game mit interessanter Grundidee in den Startlöchern. (© 2017 Electronic Arts)

Ob das Indie-Förderprogramm Bestand hat und gute Spiele hervorbringt, hängt am Ende aber natürlich doch wieder an Verkaufszahlen. Und hier entscheidet sich auch, ob etwas daraus in die viel gespielten, aber auch viel gescholtenen großen Titel hinüberschwappt. "Fe" könnte dafür ein wenig zu speziell sein, "A Way Out" dürfte aber ein größeres Publikum begeistern können. In jedem Fall ist die Indie-Sparte von Electronic Arts zurzeit eine der spannenderen Unternehmungen des Publishers.

EA Originals
"Fe" ist am 16. Februar für PC, PS4, Xbox One und Nintendo Switch erschienen.

"A Way Out" erscheint am 23. März für PC, PS4 und Xbox One.

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