Meinung

"Forza Horizon 4" macht mich zum Schrecken englischer Vorgärten

"Forza Horizon 4" macht nicht nur Racing-Fans glücklich.
"Forza Horizon 4" macht nicht nur Racing-Fans glücklich. (©Xbox Press 2018)

"Forza Horizon 4" will das Open-World-Racing Anfang Oktober mit umwerfender Grafik und wechselnden Jahreszeiten revolutionieren. Ich bin zwar eher Sonntagsfahrer als Rennspiel-Geek, habe in Microsofts virtuellem Vorzeige-Großbritannien aber trotzdem begeistert ein paar Runden gedreht – mit mäßigem Erfolg, aber bei fantastischer Aussicht.

Als wir in der TURN-ON-Redaktion vor einigen Monaten unsere Highlights der Spielemesse E3 2018 zusammentrugen, schaffte es überraschenderweise "Forza Horizon 4" ganz oben in meine Favoriten-Liste. "Ich interessiere mich nicht für Autos. Rennspiele sind mir egal. Aber ich habe unglaublichen Bock auf 'Forza Horizon 4'", befand ich damals – Microsofts Ankündigungs-Trailer, der die dynamische Open-World umwerfend in Szene setzte, hatte ganze Arbeit geleistet.

Umso gespannter war ich, ob das Game diesen positiven Eindruck auch in ein tolles Spielgefühl übersetzen würde, das vielleicht sogar einen Racing-Laien wie mich überzeugt. Beim Preview-Event Ende August bekam ich die Gelegenheit – in passender Umgebung:

Microsoft und die Entwickler von Playground Games haben sich im Hauptquartier von McLaren eine gute halbe Stunde südwestlich von London eingemietet. Coverfahrzeug des neuen "Forza Horizon" ist schließlich der McLaren Senna, ein sündhaft teurer Supersportwagen des britischen Autobauers, den mich das Game deshalb auch gleich zu Beginn ausführen lässt.

Aushängeschild: Der McLaren Senna ist der Coverstar von "Forza Horizon 4".
Aushängeschild: Der McLaren Senna ist der Coverstar von "Forza Horizon 4". (© 2018 Xbox Press)

Das Horizon-Festival besucht Großbritannien

Allzu lange kurve ich in dem Hypercar aber nicht durch die Landschaft, denn der Bolide ist nur ein Appetizer. Wie es sich gehört, muss ich mich danach erst wieder mit schwächeren Karossen begnügen und mich langsam hocharbeiten – womit wir schon mittendrin sind in "Forza Horizon 4", das sich storymäßig weitgehend an die drei Vorgänger hält:

Das Horizon-Festival steht an und ruft wieder Fahrer aus aller Welt zusammen, die sich in unterschiedlichen Disziplinen zu fetzigem Soundtrack in der offenen Spielwelt Rennen liefern – nach Colorado, Südeuropa und Australien nun eben im ländlichen Großbritannien.

Willkommen zum Festival! "Forza Horizon" besucht im vierten Teil die britischen Inseln.
Willkommen zum Festival! "Forza Horizon" besucht im vierten Teil die britischen Inseln. (© 2018 Xbox Press)

Der Wechsel ins Insel-Europa hat allerdings zur Folge, dass sich die Entwickler vom endlosen Sommer, der das Horizon-Erlebnis bislang auszeichnete, verabschieden mussten: Wie Brian Fulton, Chef von Playground Games und selbst Schotte, im Interview erklärt, passen dauerhafter üppiger Sonnenschein und Großbritannien einfach nicht zusammen. Das beschert "Forza Horizon 4" ein eindrucksvolles Feature, das in den ersten paar Minuten gleich ausgiebig vorgeführt wird: wechselnde Jahreszeiten.

Landschaft & Wetter: I can see for miles and miles and miles and miles ...

Nun ist das britische Wetter für seine Launenhaftigkeit berüchtigt, aber natürlich zeigt sich das landschaftliche "Best of Britain", das die Entwickler hier aus allen Landesteilen der Insel(n) zusammengeschraubt haben, auch meteorologisch von seiner Schokoladenseite: Im Frühling und Sommer platzt die Welt vor Vitalität aus allen Nähten, der Herbst ist ein malerischer Traum in rotbraun und orange, im Winter bedeckt sauberer weißer Schnee wie aus dem Bilderbuch die Straßenränder.

Klar, es regnet auch mal – aber selbst dann ist "Forza Horizon 4" mit seinen ausladenden Berg- und Hügellandschaften, Seenplatten, Wäldern, Weiden voller Schafe, beschaulichen Dörfern und einem schmucken Nachbau von Edinburgh (der einzigen größeren Stadt im Spiel) ein Hingucker. Gerade Rennspiel-Casuals wie ich, die die zahlreichen Automodelle, ihre Werte und die Feinheiten von Brems- und Straßenbelägen eigentlich nicht so wichtig finden, können sich hier richtig sattsehen.

Weitblick galore: Der Trailer-Song "I Can See For Miles" passt ausnehmend gut zum Spiel.
Weitblick galore: Der Trailer-Song "I Can See For Miles" passt ausnehmend gut zum Spiel. (© 2018 Xbox Press)

Während ähnlich gelagerte Titel wie "The Crew 2" oder "Need for Speed Payback" aber ganz auf Arcade-Gameplay setzen und jeden Realismus fahren lassen, merke ich "Forza Horizon 4" auch als eher unbedarfter Fahrer seine höhere Komplexität an – vom umfassenden Tuning-Menü bis zum doch merklich unterschiedlichen Handling der Fahrzeuge. Mein Versuch, entspannt per Handbremse um jede Kurve zu schlingern, endet jedenfalls in den allermeisten Fällen irgendwo im Grünen jenseits der Fahrbahn.

Aktivitäten: Für jeden was dabei

Denn natürlich ist "Forza Horizon 4" nicht allein der Tourismus-Simulator, als der ich es vor allem spiele, sondern ein Rennspiel, das es – auf Wunsch – ernst meint. Als solches hält es nicht nur Realismus, sondern auch jede Menge Möglichkeiten bereit, sich mit anderen zu messen, verfolgt aber einen angenehmen "Anything goes"-Ansatz, der mich vorbildlich abholt.

Warum nicht mal ein Rennen gegen ein Hovercraft?
Warum nicht mal ein Rennen gegen ein Hovercraft? (© 2018 Xbox Press)

Fortschritt im Spiel gibt's nämlich nicht nur für Rennsiege (von denen ich anfangs stets recht weit entfernt bin), sondern auch für so ziemlich alles andere: Coole Stunts abliefern und neue Gebiete erschließen zum Beispiel, was ich beim ausgiebigen Erkunden der Spielwelt mehr oder weniger nebenbei mache. Ganz klassisch als Racing-Ass Pokal für Pokal gewinnen geht aber natürlich auch.

Als Streamer auf den Renn-Olymp?
Auf dem Weg zur Rennlegende stellt das Spiel sogar ganz neue Karriere-Wege zur Verfügung: Wer seine Fahrten etwa über Microsofts Streaming-Dienst Mixer streamt, soll laut Brian Fulton sogar dafür Erfahrungspunkte bekommen. 

"Horizon Stories" bringen Abwechslung ins Rennfahrer-Leben

Eine tolle Idee für Betätigungen abseits der Rennstrecke sind die sogenannten Horizon-Stories: Questreihen, in denen ich Aufgaben absolviere, die durch eine kleine, gerne leicht schräge Geschichte zusammengehalten werden. Beispiel: Ein Filmteam dreht in der Nähe einen Blockbuster und braucht einen Stuntfahrer, der erst mit dem Sportwagen vor einem Düsenjet davonfährt und dann durch eine alte Windmühle springt. Da sag ich doch nicht Nein! Später im Spiel wird es laut Fulton auch die Möglichkeit geben, sich als Taxifahrer zu verdingen oder einen Verleihservice für Hypercars aufzuziehen.

Driften – egal, ob absichtlich oder nicht – bringt ebenfalls Fortschrittspunkte.
Driften – egal, ob absichtlich oder nicht – bringt ebenfalls Fortschrittspunkte. (© 2018 Xbox Press)

Grundsätzlich versprüht "Forza Horizon 4" mit seinen vielen Fortschritts-Möglichkeiten einen unerschütterlichen Optimismus. Was ich auch tue: Im Grunde kann ich nur gewinnen. Wenn ich mal wieder als Allerletzter über die Ziellinie rolle, gibt es trotzdem einen aufmunternden Spruch vom Rennleiter und eine (wenn auch kleinere) Dosis Erfahrungspunkte – nach dem Motto: Nicht so schlimm, Hauptsache, Du hattest Spaß.

Fahren wie ein Anfänger, fühlen wie ein Weltmeister

Mit der Zeit verstehe ich zwar immer weniger, warum die NPCs im Spiel eine offensichtliche Nulpe am Lenkrad für die absolute Offenbarung auf der Piste halten, mir nach gar nicht mal so langer Spielzeit ein hübsches Landhaus schenken und mir eine dicke Karre nach der nächsten anvertrauen, die ich mit schöner Regelmäßigkeit in Natursteinmäuerchen und niedliche Vorgärten crashe. Vielleicht ist es auch ganz gut, dass die Schafe im Spiel so wendig ausweichen und es keine zornigen Landhausbewohner gibt, die mir ihren frisch zerfurchten Rasen in Rechnung stellen können.

Die Spielwelt könnte so idyllisch sein – wenn da nicht ständig diese Chaoten mit ihren lauten Autos wären!
Die Spielwelt könnte so idyllisch sein – wenn da nicht ständig diese Chaoten mit ihren lauten Autos wären! (© 2018 Xbox Press)

Motiviert und gut unterhalten bin ich trotzdem – oder gerade deshalb: Tatsächlich gibt es sogar noch Sonderpunkte, wenn ich, ganz schlimmster Albtraum jeder Sportwagen-Vermietung, mit dem Hypercar gegen jede Vernunft mal wieder offroad unterwegs bin. Ob sehr kompetitive Naturen das auch so sehr schätzen wie ich, bleibt abzuwarten. Grundsätzlich fährt die "Forza Horizon"-Reihe aber immer schon eher diesen eher lockeren Ansatz, der nun nur noch ein Stück weiter gesponnen wurde – überrascht dürfte also eigentlich niemand sein.

Mein erster Preview-Eindruck von "Forza Horizon 4": ein zugängliches, bildhübsches Rennspiel für wirklich jedermann.

Release
"Forza Horizon 4" erscheint am 2. Oktober 2018 exklusiv für Xbox One und Windows 10.

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