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Gameplay in "Red Dead Redemption 2": Wenn Schuften Spaß bringt

Unter Feuer: Einigen Spielern ist "Red Dead Redemption 2" zu langweilig.
Unter Feuer: Einigen Spielern ist "Red Dead Redemption 2" zu langweilig. (©Rockstar Games 2018)

In Unterhaltungen über "Red Dead Redemption 2" wird mir wiederholt eine Frage gestellt: "Bringt es Spaß?" Eine berechtigte Frage. Immerhin ist Rockstars neues Western-Abenteuer eines der realistischsten Spiele, was ich je erlebt habe. Das Western-Epos bringt mir dann auch sehr viel Spaß – nur eben nicht auf dieselbe Weise wie "normale" Videospiele. 

Es stimmt: Viele Gameplay-Elemente in "Red Dead Redemption 2", scheinen nicht designt worden zu sein, um dem Spieler Spaß zu bereiten. Rockstar Games' Monumental-Spiel ist trotzdem faszinierend und immer wieder verblüffend unterhaltsam. Aber warum eigentlich?

Western-Held Arthur Morgan, ein Quick-Time-Tamagotchi?

Jagen, Angeln und mehr: Viele Mini-Simulationen stecken in "RDR2". fullscreen
Jagen, Angeln und mehr: Viele Mini-Simulationen stecken in "RDR2". (©Screenshot TURN ON 2018)
Aber erst nach dem Kochen. fullscreen
Aber erst nach dem Kochen. (©Screenshot TURN ON 2018)
Jedes Pferd bietet Unmengen an Interaktions-Möglichkeiten. fullscreen
Jedes Pferd bietet Unmengen an Interaktions-Möglichkeiten. (©Screenshot TURN ON 2018)

In "Red Dead Redemption 2" muss ich zur Nahrungsbeschaffung Tiere nicht nur jagen, sondern sie auch von ihren Schmerzen erlösen, wenn sie mein Schuss nicht gleich tötet. Nach dem Häuten muss ich das Fleisch dann am errichteten Lagerfeuer zubereiten, bevor ich es esse. Dabei ist zu jeder einzelnen Tätigkeit per Knopfdruck eine sekundenlange Animation auszulösen, die ich nicht überspringen kann.

Für ein Videospiel, das mich doch eigentlich unterhalten soll, sind solche Aufgaben höchst ungewöhnlich.

Anderes Beispiel: Habe ich Spaß daran, Arthur, die Hauptfigur von "Red Dead Redemption 2", regelmäßig mit Wasser zu versorgen, darauf zu achten, dass Haare und Bart nicht zu lang werden oder seine Waffen und Pferde zu pflegen, weil sie sein wichtigster Besitz sind – alles durch simples Drücken einzelner Tasten? Auf jeden Fall! Aber nicht, weil die Gameplay-Mechaniken von "Red Dead Redemption 2" sie besonders interessant machen.

Aufgaben wie das Ausmisten einer Schweinefarm oder Sequenzen, in denen ich jeden Körperteil von Arthur einzeln in der Badwanne schrubbe, sind im Grunde nichts anderes als Abfolgen von Quick-Time-Events. An dieser faden Mechanik mangelt es in der epischen Western-Simulation von Rockstar Games genauso wenig wie an atemberaubenden Landschaften und wahnwitzigem Detail.

Keine einfachen Antworten auf komplexe Fragen

Ohne Auto-Aim-Feature wären Treffer vom Pferd... fullscreen
Ohne Auto-Aim-Feature wären Treffer vom Pferd... (©Screenshot TURN ON 2018)
...oder auf bewegliche Ziele kaum möglich. fullscreen
...oder auf bewegliche Ziele kaum möglich. (©Screenshot TURN ON 2018)
In "Red Dead Redemption 2" ist das Dead-Eye Dein bester Freund. fullscreen
In "Red Dead Redemption 2" ist das Dead-Eye Dein bester Freund. (©Screenshot TURN ON 2018)

Auch das Gunplay, bei einem Wild-West-Abenteuer unverzichtbar, kommt mir vor, als würde es in jedem anderen Spiel völlig überholt wirken. In "Red Dead Redemption 2" dagegen passt es auf eigentümliche Art sehr gut ins Bild. Das gesamte Gameplay zeigt mir im Grunde ständig, wie beschwerlich und feindselig das Leben um 1899 in Nordamerika gewesen sein muss. Auch mit dem Schießeisen ließen sich die Dinge nie auf einfache Art regeln.

Das gesamte Gameplay zeigt mir im Grunde ständig, wie beschwerlich und feindselig das Leben um 1899 in Nordamerika gewesen sein muss.

"Red Dead Redemption 2" bringt nicht auf die Weise Spaß, wie es zum Beispiel "Marvel's Spider-Man" oder Shooter wie "Call of Duty: Black Ops 4" tun. Ich empfinde Spaß, wenn ich als Superheld beim Schwingen durch Manhattan das Momentum der Pendelbewegung meistere oder in den Kämpfen gegen mehrere Gegner gleichzeitig eine tolle Combo anbringe. Ich empfinde Spaß, wenn ich im Battle-Royale mein letztes Magazin leer geschossen habe und dennoch mit der Wurfaxt den entscheidenden Kill anbringen kann.

Das Gameplay von "Red Dead Redemption 2" schafft es dagegen, den Spielspaß nicht über taktile Erfolgserlebnisse, sondern über das Gesamterlebnis der unfassbar detaillierten Spielwelt zu erzeugen. Vor allem auch, weil die von Rockstar Games erschaffene Welt und die Situationen in die ich in ihr gerate, ständig unberechenbar sind.

Mikromanagement als spannendes Erzählwerkzeug: Das schafft nur Rockstar

"Red Dead Redemption 2": Szenerie, Tempo und Gameplay verändern sich mit der Zeit. fullscreen
"Red Dead Redemption 2": Szenerie, Tempo und Gameplay verändern sich mit der Zeit. (©Screenshot TURN ON 2018)
Die langen Ausritte sind wichtig, um Gespräche zwischen den Charakteren zu ermöglichen. fullscreen
Die langen Ausritte sind wichtig, um Gespräche zwischen den Charakteren zu ermöglichen. (©Rockstar Games 2018)
Jede Tätigkeit erfordert die Interaktion des Spielers. fullscreen
Jede Tätigkeit erfordert die Interaktion des Spielers. (©Screenshot TURN ON 2018)

Dadurch, dass "Red Dead Redemption 2" nicht alle Spielmechaniken erklärt, erzeugt es bei mir als Spieler das Gefühl, dass diese Welt sich ständig gegen mich stellt. Die Wildnis und ihre rauen Bewohner verhalten sich oft unvorhersehbar, alles und jeder verfolgt eigene Interessen und reagiert auf Details – anstatt mich, zugunsten angenehmeren Gameplays, an die Hand zu nehmen.

Vor allem existieren die Quest-Reihen und ihre oberflächlich betrachtet teils unnötig wirkenden Gameplay-Mechaniken hauptsächlich dazu, die Welt von "Red Dead Redemption 2" zum Leben zu erwecken und ihre Geschichten noch glaubwürdiger zu machen. Auch, weil Arthur im Spielverlauf an ihnen wächst. Während die Handlung in ihrem langen Lauf an Fahrt aufnimmt (das tut sie wirklich), labe ich mich zusammen mit Arthur an den kleinen Freuden des Wildwest-Lebens, kann mich aber auch vor seinen Pflichten nicht drücken.

Eine Diät als Meta-Minigame

Unzählige Waffen dürfen gepflegt und verbessert werden. Bringt das Spaß? Ja! fullscreen
Unzählige Waffen dürfen gepflegt und verbessert werden. Bringt das Spaß? Ja! (©Screenshot TURN ON 2018)
Liebe zum Detail: Arthurs Haar wächst mit der Zeit nach. fullscreen
Liebe zum Detail: Arthurs Haar wächst mit der Zeit nach. (©Screenshot TURN ON 2018)
Die Charaktere in "Red Dead Redemption 2" helfen mir nur selten, das Spiel besser zu verstehen. fullscreen
Die Charaktere in "Red Dead Redemption 2" helfen mir nur selten, das Spiel besser zu verstehen. (© 2018)

So empfinde ich zum Beispiel Spaß daran, auf Arthurs Gewicht zu achten: Im Trott des Open-World-Spiels mit unzähligen Quests und noch mehr Collectibles ist es gar nicht einfach, den Helden so zu ernähren, dass er nicht untergewichtig wird. Auch, weil gutes Essen erst gejagt und zubereitet werden will.

Wer nicht all zu viel Zeit in diese Mechanik stecken möchte, wird dazu nicht gezwungen, dafür wird Arthurs Leistungsfähigkeit dann aber gedrosselt. Mit leerem Magen schießt es sich eben nicht so gut. Aus Spaß betrachte ich das Gewicht der Spielfigur nebenher mittlerweile als eine Art Meta-Minigame.

Fazit: Vergiss alles, was Du über Games weißt, und genieße es

Bringt es Spaß? Ja! Für mich liegt ein großer Teil des Spaßes in "Red Dead Redemption 2" darin, das Atmen der komplexen Spielwelt zu spüren. Eine Sorte von Spaß, auf die man sich einlassen muss und die vielleicht nicht jedem zugänglich ist – vor allem denen nicht, die die Stimuli üblicher Belohnungssysteme in aktuellen Games erwarten. Einzeln genommen mögen sich die Gameplay-Elemente mitunter zäh anfühlen. Als Ganzes gesehen ist "Red Dead Redemption 2" allerdings ein fesselndes und gigantisches Kunstwerk.

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