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Gamer-Anwalt Ryan Morrison: "'Fortnite' wird wie die NBA"

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Ryan Morrison ist der erste Videospiel-Anwalt der Welt. Er hat den Beruf erfunden. Außerdem ist er Teilhaber von Evolved, einer der größten Agenturen für professionelle Gamer. Drei Viertel aller "Overwatch"-Spieler werden von ihm vertreten. Er glaubt, dass E-Sport professioneller werden muss.

Von Philipp Kohlhöfer

Es ist ein sonniger Tag im Winter. Ryan Morrison, 32, sitzt in seinem Büro im 25. Stock eines Hochhauses in Beverly Hills und könnte den Pazifik sehen, aber er blickt in die andere Richtung – auch nicht weniger beeindruckend: Downtown Los Angeles. Er mag Comics. Seinen Kaffee trinkt er aus einer "Deadpool"-Tasse, im Schrank steht "Iron Man" neben "Captain America", und vor dem Rechner wacht "Hulk". Wie in jedem US-amerikanischen Büro liegt Teppich auf dem Boden, und an der Wand hängt das Bild eines Spiels, das schon lange vergessen ist, unterzeichnet von den Entwicklern. "Das war mein erster Kunde", sagt er. Morrison hat ihn ohne Entgelt vertreten.

Rya Morrison begann seine Jura-Karriere im Urheberrecht. Jetzt ist er der erste Gamer-Anwalt der Welt. fullscreen
Ryan Morrison begann seine Jura-Karriere im Urheberrecht. Jetzt ist er der erste Gamer-Anwalt der Welt.

Was macht man als Videospiel-Anwalt?

Ryan Morrison: Als ich mein Jurastudium vor fünf Jahren beendet hatte, nahm ich einen Job in einer Kanzlei an, die auf Urheberrecht spezialisiert war. Ich war zwar nie ein großer Gamer aber ein wenig eben schon, und daher interessiere ich mich auch für Fragen rund um Spiele. Also habe ich mich nach der Arbeit bei Reddit herumgetrieben und bin dort auf ein Forum gestoßen, in dem Games-Entwickler sich über King beklagt haben, den Entwickler von "Candy Crush Saga".

Warum?

Ryan Morrison: King hatte sich die Worte "Candy" und "Saga" schützen lassen und jeden verklagt, der sie benutzte – auch wenn der Zusammenhang ein völlig anderer war. Das hat mich fürchterlich aufgeregt, weil das alltägliche Worte sind, die nicht schützbar sein sollten. Ich dachte: Jemand muss denen helfen.

Und Sie konnten?

Ryan Morrison: Ich habe ihnen gesagt: Hey, ich bin seit einer Woche Anwalt, aber wenn ihr Hilfe braucht, dann helfe ich euch. Kostet euch auch nichts. Ich habe dann die Rechtsauffassung mal eben kurz zusammengefasst, einmal in der Woche ein AMA (Ask Me Anything; die Red.) gemacht und einfach versucht, der Community zu helfen. Und Reddit nannte mich dann "Video Games"-Anwalt. Das war also nicht mal meine Idee.

Dafür ging es aber sehr schnell.

Ryan Morrison: Es gab einen Riesenbedarf. Ich war überrascht, dass all diese Entwickler überhaupt keine Ahnung von Copyright hatten. Nicht, dass es sie nicht interessierte – die wussten einfach nicht mal, was das ist. Es wurde schnell so viel Arbeit, dass ich meinen Job kündigte.

Und die Beratung war nach wie vor kostenlos?

Ryan Morrison: Ich habe insgesamt zwei Jahre ohne Entgelt gearbeitet. Und tue das teilweise immer noch. Das ist mir auch sehr wichtig. Ursprünglich habe ich Jura studiert, um mittellosen Menschen zu helfen, die unschuldig angeklagt sind. Das war meine Motivation zu Beginn: Gutes tun. Nun tue ich das nicht mehr mit Kriminellen – aber Gutes tun möchte ich schon noch. Unabhängig vom finanziellen Hintergrund. Ich hab dann auch relativ lange auf dem Sofa eines Kumpels gewohnt.

Viel Arbeit und kein Geld – klingt wie eine Spitzen-Geschäftsidee.

Ryan Morrison: Meine Eltern dachten, dass ich komplett wahnsinnig geworden bin. Aber so hat es einfach mehr Spaß gemacht. Vor allem war es ziemlich cool, herumzuerzählen, dass ich Videospiel-Anwalt bin.

Wie ging es dann weiter?

Ich habe nicht nur meinen Job erfunden, sondern auch ein neues Angebot: eine Juristen-Flatrate. Für 99 Dollar im Monat habe ich alle Fragen – immer und zu jeder Zeit – beantwortet, egal, wann und wie lange es dauerte. Und was zu tun gab’s immer. Manche Entwickler brauchten täglich Rat, andere nur einmal... Mann, war das viel Arbeit.

Noch nicht lange her, da hat Evolved eine Kooperation mit ICM Partners geschlossen. ICM ist eine der größten Künstleragenturen der Welt und hat unter anderem die Autoren und Produzenten von "Breaking Bad", den "Simpsons", "Sex and the City", "The Big Bang Theory" und "Friends" unter Vertrag. Das Ziel: die bessere Vermarktung von professionellen E-Sportlern. Mittlerweile hat Evolved über 250 Gamer unter Vertrag, darunter Stars der Branche wie Alfonso Rodrigues und Brandon Larned. Das größte Problem von Gamern ist: Sie unterzeichnen ihre Verträge, ohne sie zu lesen.

Esport begeistert ein Millionenpublikum. fullscreen
E-Sport begeistert ein Millionenpublikum.

Im Ernst?

Ryan Morrison: Oh ja! Anfang 2018 haben wir angefangen, professionelle Spieler zu betreuen. Zuerst haben wir nur ihre Verträge überprüft. Aber dann kam eins zum anderen: Viele wollten, dass wir ihnen beim Verhandeln ihrer Gehälter und Sponsoren-Deals helfen. Mittlerweile arbeiten 20 Leute bei Evolved.

Betreuen die alle Gamer?

Ryan Morrison: Es gibt einfach sehr viel zu tun. Im Moment ist es so ähnlich wie bei einer Schüler-Rockband. Wenn da ein großes Label kommt und dir einen Plattenvertrag anbietet, dann unterschreibst du alles. Ganz egal, was. Das ist die Situation, die wir im Moment mit den Spielern haben. Die Spieler fragen teilweise nicht mal nach Geld – die sind schon froh, wenn sie spielen können. Dabei läuft ein typischer Vertrag zwei oder drei Jahre.

Was genau wird da verhandelt?

Ryan Morrison: Vor allem müssen Fragen geklärt werden: Bekommen die Spieler einen Anteil an den Sponsorengeldern? Bekommen sie einen Anteil am Merchandising? Wie sieht es mit Streaming aus? Wie viel Content müssen sie erstellen? Es geht aber
auch um einfachere Dinge: Wann wird eigentlich bezahlt? Müssen die Spieler an Promotion-Aktionen teilnehmen? Oder auch: Müssen sie eine Rechnung stellen, oder sind sie Angestellte? Das kann man alles im Vorfeld klären. Und das sollte man auch.

Was kann ein Spieler mit einem guten Vertrag denn verdienen?

Ryan Morrison: Bei „Overwatch“ sind 50.000 Dollar im Jahr das Mindeste. Das Durchschnittseinkommen beträgt dort etwa 200.000 Dollar. Bei "League of Legends" sind es etwa 600.000 Dollar. Nach oben gibt es keine Grenze. Das können mit Sponsoring auch mal zwei oder drei Millionen sein.

In "Overwatch" treten mittlerweile Nationalmannschaften gegeneinander an. fullscreen
In "Overwatch" treten mittlerweile Nationalmannschaften gegeneinander an.

Nur fürs Zocken?

Ryan Morrison: Na ja ..., schon. Aber das bedeutet eben auch, dass die Spieler 16 Stunden am Tag nichts anderes tun. Das ist dann kein Hobby mehr, sondern sehr anstrengend. Die meisten sind dann nach zwei oder drei Jahren ausgebrannt und hören auf. Burn-out – einfach, weil sie nicht mehr können.

Das Stereotyp.

Und es stimmt auch. Viele E-Sportler sind in der echten Welt leider etwas überfordert. Das unterscheidet sich natürlich von Spiel zu Spiel, aber Menschen, die im Videospiel stark sind, sind nicht unbedingt die Stärksten im echten Leben. Dann haben die plötzlich viel Geld und können damit nicht umgehen. Teilweise dürfen sie nicht mal das Teamhaus verlassen, während ihr Vertrag läuft. Und niemanden kennenlernen. Und irgendwann hören sie auf, weil sie keine Lust mehr auf den Lifestyle haben oder mit dem Leben nicht klarkommen.

Und wenn man einen Vertrag hat ...

Ryan Morrison: ... dann heißt das nicht so viel: Es wird so oft nachverhandelt – das glaubt man nicht. Ist das Team gut, wollen die Spieler mehr Geld. Verliert das Team ständig, will der Besitzer weniger bezahlen. Manche Spieler hören einfach auf, wenn sie keine Lust mehr haben. Andere werden von heute auf morgen aus dem Team geworfen, obwohl das vertraglich nicht erlaubt ist. Es hat noch nie ein Gerichtsverfahren gegeben, in dem ein Vertrag verhandelt wurde. Aber das wird kommen.

Ist E-Sport nicht schon professionell genug?

Ryan Morrison: Das kann gar nicht professionell genug sein, denn alles wird noch viel größer werden. Ich glaube, dass E-Sport ein normaler Zweig der Unterhaltungsindustrie werden wird. „Fortnite“ wird die neue NBA. Als ich ein Kind war, habe ich mir Poster von Eishockeyspielern ins Zimmer gehängt. Die Kids heute himmeln E-Sportler an. Das Prinzip hat sich nicht verändert, nur die Disziplin.

Info
Diese und weitere Geschichten findest Du auch in der aktuellen Ausgabe des TURN ON Magazins 01/19, das in allen SATURN Märkten kostenlos ausliegt.

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