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Geniales Sound Design: Warum "Get Even" ein absoluter Geheimtipp ist

Am Anfang steht wie so oft eine Frau – aber in "Get Even" geht's um viel mehr.
Am Anfang steht wie so oft eine Frau – aber in "Get Even" geht's um viel mehr.

"Get Even" erschien vor zwei Jahren – und keinen hat's interessiert. Und das ist verdammt schade, denn der innovative Mix aus Shooter und Detektivspiel verblüfft mit einer vertrackten Geschichte und dem vielleicht besten Sound Design, das ich jemals in einem Videospiel gehört habe.

In einem Kalenderjahr erscheinen mehr Spiele, als man zocken kann – das wissen wir. Die meisten von uns stürzen sich ausschließlich auf die AAA-Blockbuster, andere hingegen konzentrieren sich auf kleinere Indie-Games. Dann gibt es aber auch immer wieder Spiele, die irgendwo in der Mitte landen. Die weder das Budget noch die Manpower im Rücken haben, um als teure Mega-Produktionen durchzugehen, aber auch nicht den typischen Do-it-yourself-Charme klassischer Indie-Produktionen besitzen.

"Get Even" des polnischen Studios The Farm 51 ist genau so ein Zwischen-den-Stühlen-Spiel. Ich habe die komplizierte Geschichte um (falsche) Erinnerungen, Identität und persönliche Schuld gerade erst durchgespielt – und bin schwer beeindruckt. Das hier ist kein Test, dafür wäre ich ja nun auch etwas spät dran. Stattdessen möchte ich über ein Thema sprechen, das in Spielen oftmals ein wenig stiefmütterlich behandelt wird: Das Sound Design. Und was die Tongestaltung von "Get Even" so absolut einmalig macht.

Get Even fullscreen
Ein Mädchen, eine Bombe und die Uhr tickt: So panisch fängt "Get Even" an.

Dynamischer Sound: Immersion für die Ohren

Du kannst es Dir jetzt vielleicht schon denken: "Get Even" hat einen dynamischen Soundtrack. Das heißt, dass Musik und Umgebungsgeräusche nicht einfach "starr" und unveränderlich ablaufen, sondern auf Deine Handlungen im Spiel reagieren. Konkret bedeutet das, dass der Soundtrack sich aktiv verändert, je nachdem, was gerade im Spiel passiert. Ein gängiges Beispiel für so ein System ist etwa im aktuellen "Resident Evil 2"-Remake zu finden: Nähert sich Dir ein Zombie, spielt das Game ganz automatisch einen bedrohlichen Track ein – der sanft wieder ausgefadet wird, sobald Du die untote Bedrohung gebannt hast.

Tatsächlich gibt es ähnliche Systeme bereits seit den frühen 80er Jahren – damals war die Dynamik der Tongestaltung aber natürlich noch vergleichsweise rudimentär und primitiv. Heutzutage gehört ein anpassbarer Soundtrack aber schon fast zum guten Ton, zumindest für AAA-Titel wie die "Red Dead Redemption"-Reihe. Dieses Making-of-Video liefert Dir einen faszinierenden Blick hinter die Kulissen der phänomenalen Tongestaltung. Außerdem verraten die Macher ein paar Tricks, wie man einen dynamischen Soundtrack erarbeitet und optimal in einem Spiel einsetzt.

Wenn aus fiesem Gehämmer langsam der Beat wird

Gut, eine dynamische Soundgestaltung haben also auch viele andere Spiele, von "The Legend of Zelda: Skyward Sword" über "Portal 2" bis hin zu "Far Cry 5" oder "The Tetris Effect", die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen. Was macht "Get Even" denn nun so besonders?

Nun, der Komponist Olivier Deriviere, der schon für den umwerfenden Soundtrack im 2013er-Prügler "Remember Me" verantwortlich zeichnete, begnügt sich für "Get Even" nicht mit ein paar akustischen Anpassungen für seine Musik. Er geht einen Schritt weiter: Nahezu jedes klingende Objekt im Spiel kann Teil des dynamischen Soundtracks werden. Schüsse und Schläge, das Rattern eines Zuges, sogar das metallische Ächzen eines alten Rohres, der eigene Herzschlag oder das Ticken einer Uhr – normale Alltagsgeräusche verschmelzen fast unbemerkt zu einem in Echtzeit generierten Klangteppich, der gleichermaßen fasziniert und desorientiert.

Get Even fullscreen
Hier gab es mehrere Tote. Dein Job: Alle Hinweise entdecken!

Ich habe in diesem Fall einen undankbaren Job, denn ich muss nun versuchen zu erklären, was für einen ganz speziellen Effekt diese Klangdynamik beim Zocken auslöst. Über Musik zu schreiben ist wie zu Architektur zu tanzen, hat mal jemand gesagt – ein hoffnungsloses Unterfangen. Also guck Dir am besten dieses kurze Video an, das die verblüffenden Audiotricks von "Get Even" nämlich hervorragend anhand verschiedener Spielsituationen zeigt.

Okay, das waren jetzt ein paar Fallbeispiele ohne Kontext – vielleicht zuckst Du jetzt nur mit den Schultern und verstehst immer noch nicht so ganz, wo denn nun der große Aha-Effekt sein soll. Dann lautet mein Appell: Spiel selber "Get Even". Leih es Dir von 'nem Kumpel aus oder hol es Dir in einem Sale für die Plattform Deiner Wahl. Setz Dir Kopfhörer auf, lass Dich ganz auf die Stimmung ein und tauch in diese verwirrende Thriller-Welt ein.

Du bist darin der "Komponist" des Soundtracks und gleichzeitig sein Spielball, denn die verfremdeten und geloopten Soundschnipsel entwickeln schon schnell ein akustisches Eigenleben, das Dir zusehends außer Kontrolle gerät – ein fast schon schizophrener Effekt, den ich in der Form in noch keinem anderen Spiel erlebt habe. Und vielleicht der Hauptgrund, warum ich seit Tagen alle Menschen in meiner Umgebung mit "Get Even" nerve.

Get Even fullscreen
Der Klassiker der Jumpscares: Du drehst Dich um – und auf einmal steht da eine Schaufensterpuppe.

Ein doofer Popsong verschafft mir Gänsehaut

Im Irrenhaus-Level hämmern die psychopathischen Insassen gegen die Metallstäbe ihrer Zellen – und irgendwann ist mir aufgefallen, dass dieses Hämmern sich langsam zu einem Beat entwickelt, der unheilverkündend pulsiert und mich immer weiter durch das Level treibt. Das war schon ziemlich cool, aber der absolute Magic Moment des gesamten Spiels erwischt mich auf dem Friedhof: Ich versuche, mich an den zahlreichen Wachen vorbei zu schleichen, werde aber (natürlich) entdeckt, fange an zu ballern – und auf einmal setzt ein völlig unpassender Popsong ein, aus dem Nichts.

Der Clou: Ganz am Ende der Story wird tatsächlich erklärt, was das mit dem Lied sollte – und ich wollte am liebsten applaudieren. Tatsächlich ist die Friedhofssequenz vermutlich mein liebstes Beispiel für brillant eingesetzte Musik seit "Red Dead Redemption".  Und jetzt habe ich seit Tagen einen Ohrwurm von "Signal Bars" und höre diesen verdammten Song bestimmt dreimal am Tag. Mit Gänsehaut.

Gönn Deinen Ohren was!

Wie gesagt, Musik und ihre Wirkung zu beschreiben, ist eigentlich vergebliche Liebesmüh – man muss sie hören, erleben, fühlen. Daher kann ich an dieser Stelle meinen Aufruf nur wiederholen: Spiel "Get Even"!

Get Even fullscreen
In "Get Even" kannst Du um die Ecke ballern! Wie viel Gründe brauchst Du noch?

Und hey, selbst wenn Dich das dynamische Sound Design nicht so kickt wie mich, kannst Du Dich immer noch auf einen spannenden Shooter-Stealth-Adventure-Mix freuen, mit einer wirklich fesselnden Story und einem Sprecher, der klingt wie Sean Bean nach sechs Schachteln Zigaretten. Für mich ist "Get Even" die vielleicht größte Überraschung der letzten paar Jahre und wenn die Gaming-Götter gnädig sind, war dieser mittelgroße Titel ein riesiger Erfolg für das kleine Entwicklerteam. Aber jetzt entschuldigt mich, ich muss nochmal diesen Song hören... nur noch einmal...

"Get Even" gibt's für PS4, Xbox One und PC.

 

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