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Handspiel im Strafraum – Was ist eigentlich "eSport"?

Früher Nischenphänomen, heute Massensport: Videospiele haben längst die Arenen erobert.
Früher Nischenphänomen, heute Massensport: Videospiele haben längst die Arenen erobert. (©Paul Zinken/dpa 2017)

Schalke 04 ist Vorreiter einer Entwicklung, die vielleicht zur Bewegung werden könnte. Der Klub hat eine eigene Abteilung und setzt auf eine Szene, die andere "modern, aber scheiße" finden. Zu Besuch beim "FIFA"-Profi Tim Schwartmann.

Im Bauch der gigantischen Schalke-Arena wird der Besucher beinahe von Olaf Thon über den Haufen gerannt. Thon, Weltmeister 1990, wurde 1966 in Gelsenkirchen geboren, begann hier seine große Karriere und ließ sie hier auch ausklingen. 1997 holte er den UEFA-Cup in seine Heimatstadt. Der Mann ist eine Schalker Ikone. Aber er ist auch ein Mann von früher, als die Kinder auf den Straßen bolzten und davon träumten, später einmal als Fußballer Geld zu verdienen. Als der Gameboy 1989 auf den Markt kam, war Thon gerade zum FC Bayern gewechselt. Hätte man ihm damals gesagt, dass man auf Schalke irgendwann sein Geld mit Videospielen verdienen könnte, wäre Thon vermutlich lachend Richtung Trainingsplatz verschwunden.

Einer seiner Nachfolger heißt Tim Schwartmann. Der 18-Jährige – schlaksig, gut zwei Meter groß, schüchterner Blick – stammt aus dem Großraum Gelsenkirchen, ist Schalke-Fan und spielte selbst Fußball in der höchsten Jugendspielklasse der Region. Wesentlich talentierter ist Schwartmann, den die Szene als "Tim_Latka" kennt, allerdings im virtuellen Fußball. Der junge Mann ist eSportler und einer der besten "FIFA"-Spieler des Landes. Auf der IFA in Berlin präsentierte ihn Schalke 04 als neuen Profi der vereinseigenen eSport-Abteilung. Jetzt sitzt er in einer VIP-Loge der Arena, trägt einen Schalke-Trainingsanzug und sagt schüchtern: "Wenn mir das einer vor einem Jahr gesagt hätte, ich hätte es für einen Scherz gehalten."

Ein Fußballverein setzt auf eSport

Kein Witz: Seit die Schalker im vergangenen Frühjahr als erster deutscher Bundesligist eine eSport- Abteilung installierten, ging der Klub auf Talentsuche und verpflichtete zunächst eine schlagkräftige "League of Legends"-Mannschaft ("LoL"), die in der europäischen Championship Series an den Start geht. Kurz darauf folgte die Präsentation der unter Vertrag genommenen "FIFA"-Spieler. Tim Schwartmann entdeckten die Schalker bei einem Scouting-Event im vergangenen Sommer. Er gewann das Turnier und lernte anschließend Tim Reichert kennen.

 Tim Latka in der Arena auf Schalke: "Wenn mir das einer vor einem Jahr gesagt hätte, ich hätte es für einen Scherz gehalten." fullscreen
Tim Latka in der Arena auf Schalke: "Wenn mir das einer vor einem Jahr gesagt hätte, ich hätte es für einen Scherz gehalten." (© 2017)

Reichert, 37 Jahre alt, war früher mal Profi-Fußballer bei Rot-Weiß Oberhausen und ist einer der Pioniere der deutschen eSport-Szene. 1997 gründete er zusammen mit seinen Brüdern Ralf und Benjamin die eSport-Mannschaft Schroet Kommando, die heute unter dem Namen SK Gaming international bekannt ist. Bruder Ralf ist Chef der Turtle Entertainment GmbH, zu der unter anderem die Electronic Sports League (ESL) gehört, die größte Liga für Computerspieler in Europa. Tim Reichert leitet seit März 2016 die eSport-Abteilung von Schalke 04. Das vierköpfige "FIFA"-Team hat er zusammengesucht. Zur aktuellen Mannschaft gehören neben Schwartmann der 30-jährige Österreicher Mario Viska und der Berliner Cihan Yasarlar, der sich Mitte April als neuer Deutscher Meister der Virtuellen Bundesliga feiern lassen durfte. Trainer Joshua Begehr, Jahrgang 1988, gewann 2009 bei seiner ersten Teilnahme die "FIFA"-Weltmeisterschaft.

Investition in die Zukunft

Schalke hat sich nicht lumpen lassen. Und auch wenn sich diese Profis (noch) nicht von ihren Fähigkeiten finanzieren können, so verhalten sie sich trotzdem so, wie man das von Profis erwartet. Stellvertretend für seine Kollegen erklärt Tim Schwartmann, dass er vor Spieltagen und Turnieren früh ins Bett geht und sich selbst an vollen Uni-Tagen mindestens drei Stunden Zeit nimmt, um zu trainieren. Der Junge ist 18. Als die neueste Ausgabe von "FIFA" auf dem Markt war, ging Schwartmann nicht zur Uni, sondern saß zehn Stunden vor der Konsole. Trainiert wird meistens allein, seine Mitspieler leben in Wien und Berlin. Wird man da nicht einsam? Der scheue Schlacks verneint: "Ich habe viele gute Freunde, mit denen ich vor allem virtuell kommuniziere. Und da bin ich nicht der Einzige." Der vermeintliche Computer-Nerd dieser Tage ist kein merkwürdiger Eigenbrötler mehr, sondern Teil einer Generation, die damit aufgewachsen ist, sich über mobile Geräte und Bildschirme zu verständigen. Auch deshalb kann es heute professionellen eSport geben.

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Perspektivspieler: Tim Schwartmann alias "Tim_Latka" sitzt in den Schalker Katakomben. (© 2017)

Neben Schalke stellt lediglich der VfL Wolfsburg eine eigene eSport-Abteilung der deutschen Bundesligisten, aber das zeigt nur, wie sehr der Fußball in dieser Hinsicht hinterherhinkt. BVB-Vereinsboss Aki Watzke gab, angesprochen auf den Schalker Vorstoß in neue Gefilde, auf der letzten Dortmunder Hauptversammlung zu Protokoll: "Das ist vielleicht modern. Aber ich finde das komplett scheiße." Nicht nur der Chef des größten Schalker Konkurrenten fragt sich, was das soll, wenn ein Traditionsverein wie Schalke plötzlich Computerspieler beschäftigt und die hauseigenen Physiotherapeuten nicht mehr nur geplagte Kicker-Waden behandeln müssen, sondern auch steife Gamer-Nacken.

Auch im eSport gilt: Viel Feind, viel Ehr

Tim Reichert gibt eine simple Antwort. eSport auf Schalke ist vor allem ein Geschäftsmodell. Wenn irgendwo irgendwie ein Kuchen zu verteilen ist, will man auch ein Stück davon abhaben. Im eSport ist das zu finden, wonach jeder Profi-Klub sucht: Geld und Fans. Tendenz: extrem steigend. Laut einer Studie der Beratungsgesellschaft Deloitte wird der Umsatz der deutschen eSport- Branche in den kommenden drei Jahren auf knapp 130 Millionen Euro wachsen. Weltweit soll 2019 an der Milliardengrenze gekratzt werden. Die YouTube-Videos von Tim_Latka haben im Schnitt 100.000 Klicks.

Das sind auch 100.000 potenzielle Schalke- Fans. Und eine ganze Menge potenzieller Hater. Dortmund-Fans lassen auch Videos mit Titeln wie "TRIPLE INFORM WALKOUT!! I FUTCHAMPIONS MONTHLY REWARDS!" nicht aus, um Schalker darüber zu informieren, was sie von ihnen halten. Aber Schwartmann, inzwischen eine erfahrene Internet-Berühmtheit, reagiert auf solche Auswüchse des eSport-Ruhms ganz cool: "Die kann ich ja einfach bannen." Und im Stadion, unter seinesgleichen, ist er eh ein Held: Wenn er in die Nordkurve geht, machen die Zuschauer Selfies mit ihm oder fragen nach einem Autogramm. "Unsere 'LoL'-Spieler können bereits gut von ihrem Gehalt als eSportler leben“, sagt Tim Reichert, "die 'FIFA'-Jungs agieren noch auf semiprofessionellem Niveau, von dem, was sie bei uns verdienen, können sie sich nicht allein ernähren, alle haben nebenbei noch andere Einnahmequellen."

 Champion: Cihan Yasarlar ist seit April amtierender Deutscher Meister der Virtuellen Bundesliga. fullscreen
Champion: Cihan Yasarlar ist seit April amtierender Deutscher Meister der Virtuellen Bundesliga. (©Felix Gemein 2017)

Mit Ende 20 ist meist Schluss

Wirtschaftlich und PR-technisch scheinen die Schalker für die Zukunft des digitalen Sportwettbewerbs gewappnet zu sein. Dafür stehen sie in der Verantwortung, sich nun entsprechend um ihre neuen Profis zu kümmern, auch für Gamer-Pionier Reichert ist das eine neue und wertvolle Aufgabe. "FIFA"-Mann Schwartmann studiert parallel Informatik und soll auf lange Sicht in den Verein eingebunden werden. Denn die Halbwertszeit der eSportler ist ähnlich kurz wie die der Fußballer. Während bei Kickern ab 30 die Muskeln müde werden, ist bei eSportlern mit Ende 20 meistens Schluss, das Gehirn kann die vielen Informationen nicht mehr so schnell verarbeiten. Tim Schwartmann verpasste Anfang Mai den ganz großen Wurf, bei den Regional-Finals der europäischen "FIFA"- Serie schied er in der K.-o.-Runde gegen einen Engländer namens "Gorilla" aus. Unter seinem Facebook-Post schreibt sein Kollege Mario Viska: "Großer, Kopf hoch und immer weiter! Du bist noch so jung, hast so viel Talent und so viele Jahre vor dir." Solche Sätze hat Olaf Thon sicherlich auch früher zu hören bekommen.

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