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"Hi, I'm Abhishek": Wie ein YouTube-Tüftler die Zukunft entwirft

"Super Mario Bros." in AR und mehr: Abhishek Skingh begeistert mit seinen Erfindungen.
"Super Mario Bros." in AR und mehr: Abhishek Skingh begeistert mit seinen Erfindungen. (©YouTube/Abhishek Singh 2018)

Der Nachwuchsdesigner Abhishek Singh entwickelt Handschuhe, mit denen man telefonieren kann. Oder eine Version von "Super Mario Bros.", die man nach den Regeln von Augmented Reality im Park spielt. Versteckt sich dahinter ein genialer Erfinder – oder nur ein verspielter Kindskopf?

Neulich saß Abhishek Singh in der Küche, schaute verträumt aus seinem Küchenfenster und sah mal wieder für einen kurzen Augenblick in die Zukunft. Draußen wehte ein eiskalter Novemberwind durch Williamsburg, gelbe Blätter flatterten gelangweilt durch die Luft, und auf der Straße kam dieser weiße Dampf aus den Gully- deckeln. Abhishek dachte daran, wie er tags zuvor sein iPhone aus der Hosentasche pulte und beinahe fallen ließ. Verdammter Herbst. Und dann kam ihm die Idee mit den Handschuhen. "Ich dachte mir: Wäre es nicht total cool, wenn wir zur kalten Jahreszeit einfach über unsere Finger telefonieren könnten? Statt immer unsere Handys aus der Tasche zu holen?", sagt der 23-Jährige im Gespräch mit TURN ON.

Abhishek Singh – Erfinder mit Nerd-Gen

Sein Motto ist das vieler Künstler: Innovation folgt oft Abstraktion. Wie immer war es anfangs nur eine Schnapsidee, die der junge Mann dann schrittweise Realität werden ließ. Der erste Prototyp seines Gesten-Hightech-Handschuhs ist mit Sensoren und Mikrofon versehen, in die er sogar hineinsprechen kann. Das Problem ist noch die Hardware – die Sprachsignale werden nur dank aufwendiger Verkabelung und Laptop als Transmitter überbracht. Apple hat bislang noch nicht angerufen, um ihm das Patent abzukaufen und damit das nächste Zeitalter der Telefonie auszurufen. "Mir geht es halt so wie den meisten Erfindern und Designern: Ich bin mir sicher, dass ich davon leben kann – ich muss aber erst noch herausfinden, wie ich das am besten anstelle."

An mangelnden Ideen sollte es eigentlich nicht liegen. Der New Yorker wirkt auf den ersten Blick wie ein großer Bruder der techbegeisterten Kids aus der Mystery-Serie "Stranger Things". Mit leuchtenden Augen und jugendlicher Ungestümtheit stellt er seine neuesten Errungenschaften in YouTube-Clips vor, als wäre er wieder beim alljährlichen "Science Day" an der Highschool.

"Super Mario" im Park und andere Verrücktheiten

Da wäre zum Beispiel der Holo-Messenger, der per Smartphone persönliche Grußbotschaften umwandelt, wie man sie aus dem ersten "Star Wars"-Film kennt, als Prinzessin Leia ihren Hilferuf für Obi-Wan Kenobi von R2-D2 aufzeichnen lässt. Oder eine mit LEDs bestickte Hülle, die man über seine Sneaker ziehen kann und via Smartphone verschiedene Farbvariationen abspielt. Nicht nur unter Videospielfans sorgte seine Augmented-Reality-Version von "Super Mario Bros." für Furore. Knapp 1,3 Millionen YouTube-User haben bislang darüber gestaunt, wie Abhishek im blau-roten Klempner-Outfit eine 3D-Version des berühmten Jump-’n’-Run-Games im Central Park umsetzt. Möglich gemacht durch eine HoloLens von Microsoft und die Designprogramme Unity3D und Fusion360, springt Abhishek in der First-Person-View über grimmige Pilze, boxt von unten ans Gemäuer und sammelt wertvolle Geldmünzen ein.

"Die Idee dazu kam mir eher zufällig, als ich ein bisschen mit der HoloLens herumprobierte", erinnert er sich. "Zuerst wollte ich nur auf ein paar Würfel draufspringen. Und dann dachte ich: Warum designst du nicht einfach das komplette erste Level von 'Super Mario Bros.'? Für die Umsetzung habe ich knapp einen Monat gebraucht."

Open Source als kreatives Leitmotiv

Während Mario-Fans vor dem Bildschirm verblüfft und erfreut in die Hände klatschen, hat sich von Nintendo bislang noch niemand bei dem Nachwuchsdesigner gemeldet. "Ich hatte nur einmal Kontakt mit jemandem bei Microsoft, als es um die HoloLens ging", sagt Abhishek. Lizenzrechtliche Gründe untersagen vorerst, dass "Super Mario Bros." von jedermann im Augmented-Reality-Modus gespielt werden kann. Ernüchtert ist Abhishek aber nicht, ganz im Gegenteil: Aktuell denkt er darüber nach, dem Entertainment Giganten seine Baupläne, Skizzen und Codes kostenlos zur Verfügung zu stellen. "Es wäre doch total cool, wenn Nintendo das Spiel für alle anbieten würde", sagt er selbstlos.

Das Argument folgt seinem kreativen Leitmotiv: Open Source. Abhishek veröffentlicht alle Anleitungen zu Erfindungen auf der Website www.shek.it – und möchte somit andere inspirieren. "Wann immer es möglich ist, mache ich meine Designs und Codes für jedermann zugänglich. Fast alles, was ich gelernt habe, stammt aus Online-Tutorials, deshalb finde ich es nur logisch, meine Sachen auch zur Verfügung zu stellen“, sagt er.

Die Instagif-Kamera "druckt" bewegte Bilder

Wer dem Lego-Alter entwachsen ist und in der kleinteiligen Fummelei mit Modellbauflugzeugen keine Herausforderung mehr sieht, kann sich vielleicht an Abhisheks jüngstem Projekt ausprobieren: der "NextStep Instagif Camera". Die sieht aus wie eine herkömmliche Polaroidkamera aus den 80er-Jahren, ist aber auf der Rückseite mit einem Display ausgestattet und kann weitaus mehr. Statt Fotos spuckt das Gerät kleine Zeitschleifen-Videos, also GIFs, aus. Einmal aufgenommen kommt kurz darauf ein Mini-Bildschirm im Plastikgehäuse aus dem Bauch gefahren, der nach einem vermeintlich mehrsekündigen Belichtungseffekt das Filmchen abspielt.

Für die Instagif Camera braucht man: Raspberry Pi Zero W, PowerBoost 1000C Charger, einen PiTFT-Mini-Bildschirm und eine LiPo-Batterie. Dazu noch Kenntnisse im Programm Node.js und die 3D-Software Fusion360 – und ein bisschen handwerkliches Geschick. "Ich weiß gar nicht mehr, warum ich die Kamera gebaut habe, vielleicht weil ich davon träumte, einmal ein bewegliches Sofortbild in den Händen zu halten. Was ich vor allem daran mag, ist, dass man mehrere Sachen braucht: Hardware, Software, 3D-Modelling, Design-Skills und Ingenieurskenntnisse. Zwischendurch verzweifelt man auch mal – aber das ist auch Teil der Erfahrung", so Abhishek.

Zwischen Vision und Spielerei

Verbirgt sich hinter seinen Erfindungen nur verträumte Spielerei eines Nachwuchsbastlers? Oder werden seine Ideen eines Tages auch irgendwann mal massenkompatibel? Über die Frage kann Abhishek nur schmunzeln: "Meine Lieblingserfindung ist Peeqo, ein kleiner Assistent-Roboter, der statt mit Sprache via lustiger GIFs mit uns kommuniziert. Der ist echt süß und lustig! Mir ist erst einmal egal, ob das wirklich jemand braucht. Für mich ist der Lernprozess deutlich wichtiger als das finale Produkt", sagt Abhishek. Weitere Schnapsideen, ob völlig gaga oder revolutionär, werden folgen.

Info
Diese und weitere Geschichten findest Du auch in der aktuellen Ausgabe des TURN ON Magazins 01/18, das in allen SATURN Märkten kostenlos ausliegt.

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