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Im "Anthem"-Soundtrack steckt alles drin, was "Anthem" als Spiel fehlt

"Anthem" bleibt hinter den Erwarungen zurück – aber immerhin ist die Musik fantastisch!
"Anthem" bleibt hinter den Erwarungen zurück – aber immerhin ist die Musik fantastisch!

Vom ersten Trailer an lockte "Anthem" mit vollmundigen Versprechungen. Nach dem Release wurde bald deutlich, dass das BioWare-Game viele davon nicht einlöst. Es gibt aber einen Teil des Loot-Shooters, in dem der schmerzlich vermisste Abenteuergeist quicklebendig ist: den Soundtrack. An der Musik lässt sich ablesen, was für ein Spiel "Anthem" hätte werden können – und vielleicht noch werden kann.

Man soll ja zu seinen Fehlern stehen, deshalb gebe ich hier gern zu: Der Hype um "Anthem" vor dem Release hat mich voll mitgerissen.  Mittlerweile hat die große Ernüchterung eingesetzt, aber ich weiß, dass es vielen, vielen Videospiel-Fans genauso gegangen ist. Was BioWare auf der E3 2017 im ersten Trailer zeigte, sah halt auch einfach zu gut aus.

Selbst heute, mit dem Wissen um das doch nur mittelmäßige Spielerlebnis, das "Anthem" derzeit bietet, begeistert mich der Clip noch. Wir sehen eine üppige Spielwelt, die unerschlossen und gefährlich auf Entdecker wartet. Wir sehen mächtige Feinde, die diese Welt durchstreifen. Wir sehen Freelancer in ihren Javelins, die sich ins Ungewisse vorwagen. Kurz: Wir sehen richtig großes Adventure-Kino!

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Das Versprechen des ganz großen Abenteuers konnte "Anthem" bisher nicht einlösen.

Ich habe mich aber nicht nur mit dem E3-Trailer zu "Anthem" bereitwillig selbst gehypt. Einige Wochen vor dem Release tauchten Ausschnitte aus dem offiziellen Soundtrack des Spiels auf, die die Vorfreude weiter befeuerten. Und während sich die Versprechungen des ersten "Gameplay"-Videos mittlerweile als Luftschlösser herausgestellt haben, löst die Musik von Komponistin Sarah Schachner ("Assassin's Creed Origins", "Call of Duty Modern Warfare") tatsächlich das Versprechen des ganz großen Action-Abenteuers ein – selbst jetzt noch.

Musik als Leitmotiv

Musik ist in "Anthem" generell ein – man muss es wohl so nennen – Leitmotiv. Erste wenig dezente Hinweise gibt schon der Spieletitel, auch im Spieldesign zieht sich die Klang-Metaphorik durch: Die Relikte der gottgleichen Gestalter werden nicht zufällig auch "Instrumente" genannt und erinnern an gigantische Lautsprecher mit schwingenden Membranen, die dumpfes Dröhnen und elektrisches Knistern ausstrahlen. Manchmal geht ein regelrechtes "Singen" von den Gebilden der geflohenen Götter-Spezies aus.

Nicht nur wegen dieser inhärenten Musikalität von "Anthem" lohnt es, beim Soundtrack besonders genau hinzuhören. Die Tonspur mit Schachners Musik ist auch der eine Teil des Spiels, in dem der einst angedeutete Abenteuergeist des ersten Trailers noch wirklich spürbar ist.

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Die Gestalter-Relikte gehören zu den großen Rätseln der Spielwelt.

Man nehme nur mal "Valor", das gewissermaßen die Erkennungsmelodie des Spiels ist und bei mir zeitweise in Dauerschleife lief. In diesem Track steckt im Grunde alles, was "Anthem" hätte ausmachen sollen.

Fast zur Unkenntlichkeit verfremdete Chöre und ein urplötzlich auftauchendes Didgeridoo zeichnen das Bild einer außerirdischen Welt zwischen Urtümlichkeit und High-Tech. Die galoppierenden Rhythmen in Verbindung mit Streichern und kräftigen Bläserfanfaren kennen Filmfans dagegen aus zahlreichen Abenteuer-Streifen.

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Fliegen in "Anthem" fühlt sich aufregend an – aber auch dieser Effekt nutzt sich ab.

Wer sich vom Hauptmotiv in "Valor" an "Game of Thrones" erinnert fühlt, liegt übrigens musikanalytisch gesehen völlig richtig: Nicht nur teilen sich das berühmte Serienintro und der "Anthem"-Track die Vorliebe für düstere Cello-Klänge. Auch die Quinte als prägendes Intervall taucht in beiden auf – und sorgt mit für die angemessen triumphale Wirkung.

Die Hymne der Schöpfung – eine triumphale Naturgewalt

Oder werfen wir mal einen Blick (und ein Ohr) auf "The Anthem of Creation", die Hymne der Schöpfung selbst. Diese rätselhafte Kraft wird von den NPCs in der Stadt Fort Tarsis als eine Art magisches Musikstück beschrieben und ist für so ziemlich alle möglichen und unmöglichen Wunder verantwortlich, die ich in "Anthem" so antreffen kann. Niemand versteht genau, wie sie funktioniert, was sie hervorbringt und wo sie als nächstes zu spüren sein wird – und genau so erscheint sie auch im Soundtrack.

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Die Welt Bastion ist ein Wunder der Wildwuchs-Architektur, erschaffen durch die Hymne der Schöpfung.

Über dumpf grollenden Trommeln, flirrenden Streichern und bewusst unklar gehaltenen Rhythmen erklingt wieder und wieder ein stoisches Motiv, das alle anderen Klänge in den Hintergrund drängt, stetig lauter wird und sich fortwährend leicht verändert. Nach und nach verleibt sich die Hymne immer mehr Klangfarben ein, wächst vom fremdartigen Synthesizer-Sound zum gewaltigen Streichersatz heran – eine triumphale Naturgewalt, die, einmal entfesselt, kaum aufzuhalten ist.

Wie es klingt, wenn sich die Freelancer dieser Macht stellen müssen, zeigt "Into the Heart of Rage", das Elemente aus "Valor" und "Anthem of Creation" aufgreift: Wer will, hört hier den gewaltigen Sturm aufziehen und Javelins inmitten des Chaos durch die Lüfte sausen. Bis zum Schluss bleibt unklar, ob sich der gewaltige Cataclysm namens "Herz des Zorns" beruhigen lässt – diese Spannung kann "Anthem" im Gameplay selbst in seinen guten Momenten kaum aufrecht erhalten.

Tradition und Moderne, stimmig vereint

Ohnehin funktioniert in der Musik ein Spagat, den BioWare beim Spiel bisher nicht so richtig hinbekommen hat. "Anthem" sollte klassisches Story-Rollenspiel und moderner Service-Shooter zugleich sein, verschenkt seine wirklich interessante und reichhaltige Lore aber zuerst an eine Durchschnitts-Story und dann an einen Wust von künstlich aufgebauschten Herausforderungen und Füllmetern, die man derzeit mangels richtiger Endgame-Inhalte eher lustlos abgrindet.

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"Anthem" hat einige interessante Charaktere zu bieten.

Sarah Schachner bringt Tradition und Moderne besser unter einen Hut: Ihr Soundtrack steht fest in der Tradition groß instrumentierter, romantisch inspirierter Orchester-Stücke, nutzt aber Synthesizer und elektronische Filter, um dem Sci-Fi-Aspekt des Spiels gerecht zu werden. "Scar Struck", das der insektenartigen Gegner-Fraktion von "Anthem" – den Scar eben – gewidmet ist, zeigt eindrücklich, wie beides zusammengeht.

Auch "The Titan" charakterisiert musikalisch mächtige Widersacher der Freelancer – und klingt genau so gigantisch, wie es den massigen Titanen gebührt.

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Die Titanen gehören zu den imposantesten Gegnern in "Anthem".

"Anthem" fehlt es nicht nur an Loot ...

Ich habe lange darüber nachgedacht, warum mich der "Anthem"-Soundtrack auch jetzt noch so nachhaltig einfangen und begeistern kann, während es das Spiel zumindest im jetzigen Zustand nicht mehr so richtig schafft. Das Fehlen von lohnenswertem Endgame-Loot ist sicher ein Punkt. Noch mehr fehlt mir aber dieses draufgängerische Abenteuer-Flair, das die Musik so mühelos hervorrufen kann.

Dort klingt "Star Wars" an, "Fluch der Karibik" und "Indiana Jones" – herrlich großspurige Helden-Storys, an die "Anthem" abseits der Tonspur nie so ganz herankommt. Nicht einmal in den durchaus gelungenen Nebenquests, in denen ich mich immerhin zeitweise als die Mischung aus Söldner, Draufgänger und Glücksritter gefühlt habe, die die Freelancer ja eigentlich sein sollen.

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Die Freelancer haben großes Story-Potenzial, das "Anthem" noch nicht ganz ausschöpft.

Wo entlang ins Abenteuerland?

Ich wünsche mir wirklich, dass BioWare die Probleme, die das Service-Game "Anthem" plagen, mit der Zeit in den Griff bekommt – schließlich hat das grundlegende Gameplay nach wie vor seinen Reiz. Vielleicht ist das dieser Tage startende Ingame-Event Cataclysm hier ein Schritt in die richtige Richtung. Nach eingehenderer Beschäftigung mit dem Soundtrack wünsche ich mir aber fast noch mehr, dass die Entwickler die Adventure-Komponente ihres Spiels voll ausschöpfen.

Vielleicht funktioniert beides nicht im selben Game: Alte und neue Musik-Traditionen sind halt leichter zu vereinen als auseinanderstrebende Gameplay-Konzepte. Aber vielleicht ist im "Anthem"-Universum ja irgendwann noch Platz für ein weiteres Spiel, das die Abenteuer der Freelancer mit mehr Leben und Wagemut füllt – und damit dem Soundtrack endlich gerecht wird.

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