menu
Highlight

Interview zur ESL One: Ist Mobile-eSport das "nächste große Ding"?

Handyspiele und professioneller eSport – das klingt ein wenig wie Driftracing im Wohnmobil. Aber der Markt boomt: Games wie "Clash of Clans" vom Entwicklerstudio Supercell haben Millionen von Spielern, deren Elite nun auch bei großen öffentlichen Turnieren wie der ESL One in Hamburg gegeneinander antritt. Wie Mobile-Games und eSport zusammenpassen, verrät Marika Appel vom Entwicklerstudio Supercell im Interview.

Mit dem eSport-Event ESL One in Hamburg verbinden die Fans "DOTA 2" und Hochleistungs-Gaming-PCs. Seit 2019 findet in der Barclaycard Arena zusätzlich auch die "Clash of Clans World Championship" statt, bei der professionelle Mobile-Gamer vor Tausenden Zuschauern gegeneinander antreten. Gleichzeitig wird das Event live übertragen, Sponsoren lecken sich die Finger nach Werbekontakten – hauptberufliches Zocken auf dem Handy ist also keine naive Teenagerfantasie mehr.

"Wir kennen uns mit Mobile-Games aus, aber von eSport haben wir keine Ahnung ..."

Dabei ist die gemeinsame eSport-Meisterschaft eher durch Zufall entstanden, wie ich im Interview mit Marika Appel, Community Managerin von Supercell, erfahre. Das finnische Entwicklerstudio betreibt "Clash of Clans" seit 2012 und ist auch mit anderen Mobile-Hits wie der Farming-Sim "Hay Day" dick im Geschäft. 2016 wurden die Mehrheitsanteile an Supercell für sagenhafte 8,6 Milliarden US-Dollar vom chinesischen Giganten Tencent gekauft. Dass es überhaupt ein hochkarätiges Publikums-Event mit "Clash of Clans" zu sehen gibt, ist dennoch größtenteils der Initiative des eSport-Turnierveranstalters ESL zu verdanken.

clash-of-clans-artwork-supercell fullscreen
Mobile-Hit im Comic-Look: "Clash of Clans".

"Wir wissen, wie man Mobile-Games macht, aber wir haben keine Ahnung, wie man eSport-Events veranstaltet", so Appel. "Wir wollten letztes Jahr einen Livestream zum Launch eines großen Updates übertragen und waren dafür auf der Suche nach einem Partner. Ein Kollege kannte jemanden bei ESL in Köln und ich habe sie einfach per Mail um Hilfe gebeten. Während der Produktion kamen wir darüber ins Gespräch, wie ein offizielles Turnier funktionieren könnte. So kam es dann zur Zusammenarbeit bei der 'Clan Wars League' und schließlich zur Teilnahme bei der ESL One."

Was braucht ein Spiel, damit es sich als eSport eignet?

Aber das große Interesse an der "Clash of Clans World Championship" ist kein Zufall: "Wir sind ein stabiles Game, das schon sehr lange existiert. Seit es das Spiel gibt, wollte unsere Community organisierte Wettbewerbe und hat sie zum Teil selbst durchgeführt. Seit drei Jahren gibt es bereits die Clan-War-Turniere." Aber professioneller eSport? Was braucht ein Spiel überhaupt, damit es sich dazu eignet? "Es ist ein skillbasiertes Element notwendig, damit man eine Fähigkeit vergleichen kann. Im Strategie-Genre kann man sich hervorragend miteinander messen, bei ‘Hay Day’ ginge das sicherlich nicht."

clash-of-clans-screenshot fullscreen
"Clash of Clans" ist ein Strategiespiel.

Ob auf PC, Konsole, Tablet oder Smartphone gespielt wird, ist bei einem Wettbewerb dieser Art eher nebensächlich: "Präzision ist lediglich eine Frage des UI (User Interface) des jeweiligen Games." Laut Appel wählen dennoch etwa 70 Prozent der "Clash of Clans"-Pros ein Tablet, das dann bei Turnieren zur Verfügung gestellt wird. Große Vorteile durch mehr Rechenleistung gibt es nicht, daher geht es dabei eher darum, an was für ein Gerät der jeweilige Spieler gewöhnt ist.

Darum ist Mobile-Gaming schon jetzt gigantisch groß

"Clash of Clans" ist ein Free-to-play-Titel, also ein Spiel, das für iOS und Android kostenlos erhältlich ist. Ich frage Appel, ob sie glaubt, dass Mobile-Games einen schlechten Ruf haben und ob das daran liegt, dass sie oft voller versteckter Echtgeldkäufe stecken. Auch "Clash of Clans" steht wegen entsprechender Mechaniken in der Kritik. "Bei uns müssen Spieler nur Zeit investieren. Gegen Geld ist lediglich eine Zeitersparnis käuflich, daher ist das völlig optional. Unsere Spieler stört das nicht. Es stimmt, dass die Reaktionen vor ein paar Jahren noch negativer waren, mittlerweile habe ich das lange nicht mehr gehört."

clash-of-clans-artwork-2 fullscreen
"Clash of Clans" steht auch in der Kritik.

In Interviews mit Vertretern von ESL oder Twitch bekam ich zu hören, dass Mobile-eSport das "nächste große Ding" wird. Der Markt ist gigantisch, allein schon weil die meisten Menschen ihr Smartphone immer bei sich haben und es für Spiele nutzen. Längere Spielessions sind bei Games wie "Clash of Clans" bewusst keine Voraussetzung. Stattdessen kann man ein Match auch kurz beim Warten an der Bushaltestelle spielen. Über den Tag verteilt sind die Fans dafür öfter im Spiel. Dadurch, dass das Spiel so zugänglich ist, erhoffen sich die Organisatoren schnellen Zuwachs bei den Zuschauerzahlen.

Ich frage Appel, wie lange es dauern wird, bis Mobile-Gaming mit "konventionellem" eSport gleichzieht: "Der Umsatz ist bereits jetzt größer als bei den Konsolen, daher glaube ich, wir werden diese in etwa fünf bis zehn Jahren überholen." Ob die Einführung von 5G-Datennetzen beim Erfolg von Mobile-Gaming helfen wird? "'Clash of Clans' ist ein asynchrones Multiplayer-Spiel, darum benötigen wir das nicht. Aber teambasierte PvP-Games werden massiv davon profitieren."

Schafft Mobile-Gaming das, was eSport bisher nicht gelingt?

Ob der Mobile-eSport-Boom wirklich kommt, hängt stark von den Zuschauern ab: Wenn das Publikum wächst, investieren auch die Werbepartner. Shooter wie "PUBG Mobile" oder MOBAs wie "Vainglory" werden bereits auf großen Mobile-Gaming-Turnieren gespielt, bei denen es um Preisgelder von Hunderttausenden US-Dollar geht. Auf der ESL One in Hamburg steht für die besten "Clash of Clans"-Profis der Welt ein Preisgeld von einer Million US-Dollar auf dem Spiel.

Besonders populär sind solche Events bei uns bisher trotzdem nicht. Das mag auch daran liegen, dass viele junge Menschen lieber menschelnden Influencern auf Twitch beim Spielen zusehen als kaltschnäuzigen eSport-Profis mit Tunnelblick. Dieser Konkurrenz muss sich kompetitives Mobile-Gaming ebenso stellen wie die Kollegen auf Desktop-PCs oder Konsolen.

Aber vielleicht bekommt eSport durch die gigantische Verbreitung von Mobile-Games ja genau den Anschwung, den er braucht.

Kommentar schreiben
Relevante Themen:

Neueste Artikel zum Thema eSport

close
Bitte Suchbegriff eingeben