menu
Highlight

"John Wick Hex" zeigt mir, warum ich kein Actionfilm-Regisseur bin

"John Wick Hex" ist halb Spiel, halb Actionfilm-Simulator.
"John Wick Hex" ist halb Spiel, halb Actionfilm-Simulator.

"John Wick"-Fans lieben die Filmreihe mit Keanu Reeves für ihre akribisch choreographierten Kämpfe. "John Wick Hex" überführt das Todesballett nun in ein Videospiel. Schnelle Reaktionen sind dabei nicht gefragt, dafür präzise Planung. Das Resultat könnte perfekte Action sein – wenn nur der Typ vor dem Bildschirm nicht wäre.

In einem seiner bekanntesten Videos diskutiert der deutsche YouTuber BeHaind, was einen guten Actionfilm ausmacht – und was nicht. Seine These: Viele moderne Filme erzeugen Action und Bewegung vor allem durch Zeitlupen, wackelnde Kameras oder schnelle Schnitte. Das ist ein Problem: Man erkennt oft nicht, was passiert, und so richtig beeindruckend ist das Ganze auch nicht.

Negativbeispielen wie "Mile 22" und "Taken 3" stellt BeHaind alte Martial-Arts-Klassiker und ein paar jüngere Filme gegenüber – unter anderem die "John Wick"-Reihe. Was macht die Trilogie mit Keanu Reeves besser? Ganz einfach: Sie hält mit der Kamera lückenlos drauf, wenn ihr top trainierter Hauptdarsteller sich durch mühsam geplante Bewegungsabfolgen prügelt und schießt.

Perfekte Vorbereitung ist für einen Auftragskiller wie Wick ebenso ein Erfolgsfaktor, wie für einen guten Action-Streifen. Und jetzt auch für ein dazu passendes Lizenz-Game.

Stop-Motion-Prügeleien als Strategiespiel

Wer sich ein John-Wick-Videospiel ausdenken soll, würde wohl erst einmal in Richtung schneller Action denken. Third-Person-Shooter, Beat'em up, Metroidvania – vielleicht so etwas wie die Bananen-Ballerorgie "My Friend Pedro". "John Wick Hex" unterläuft diese Erwartungen komplett: Es ist ein rundenbasiertes Strategiespiel. Und nach anfänglichem Stutzen halte ich das für die vielleicht beste denkbare Umsetzung.

john-wick-hex-3 fullscreen
"John Wick Hex" sieht anfangs ein bisschen unübersichtlich aus, doch daran gewöhne ich mich schnell.

In "John Wick Hex" geht es nicht um Adrenalinkicks und rauschhafte Bilder – zumindest nicht direkt. Mit Mausklicks navigiere ich den Killer aus der Draufsicht durch verwinkelte Level voller Gegner. Bewegt sich Wick vorwärts, tun es auch seine Feinde. Bleibt er stehen, friert die Zeit ein, was an den Shooter "Superhot" erinnert.

Während der Pause kann ich mir in Ruhe die nächste Aktion überlegen. Anpirschen? Schießen? Hinter eine Deckung rollen und warten? In den Nahkampf gehen? Einen Feind mit meiner Pistole bewerfen, seinen Kollegen umschubsen, dessen Schießeisen an mich nehmen und dann den ersten Widersacher erledigen? Geht alles.

Ringen um die wichtigste Ressource: Zeit

Jede Aktion braucht aber Zeit, die als Zahlenwert an jeder Handlung dransteht und in einer Achse am oberen Bildschirmrand zusammenaddiert wird. Hier sehe ich, welche Aktionen meine Gegner planen und wie sie sich mit meinen überlappen.

Das macht den strategischen Reiz aus: Schaffe ich es, an den Wachposten heranzustürmen, bevor sein Kollege die Waffe ziehen kann? Kann ich noch nachladen, bevor ich von zwei Feinden eingekesselt bin? Entscheidungen wie diese treffe ich in aller Ruhe bevor ich einen wohlüberlegten Klick setze und das Geschehen dadurch ein kleines Stück weiterlaufen lasse.

john-wick-hex-2 fullscreen
Nach links schlagen, nach vorne schießen: Wick in Aktion

Ein taktischer Actionszenen-Generator

In Strategiespielen gelten reale Zeitspannen nicht viel. "Civilization" dampft ganze Zeitalter auf Stunden ein, "XCOM" walzt rasante Straßenschlachten zu Situations-Puzzles aus. Das Faszinierendste an "John Wick Hex" ist die Art und Weise, wie das Spiel Actionszenen von wenigen Sekunden Länge zu Stop-Motion-Rätseln macht. Einen Schritt nach vorne zu machen, nachzuladen oder einen Schuss abzufeuern dauert in der Planungsphase oft Minuten. Real vergehen Bruchteile von Sekunden.

"John Wick"-Filme bei SATURN kaufen

Habe ich mich durch einen Abschnitt durchgekämpft, kann ich mir in einer Wiederholung noch einmal ansehen, wie das gerade gespielte Level aussieht, wenn man die ganzen Denk- und Entscheidungspausen herauskürzt. Und es sieht aus wie ... eine Szene aus einem John-Wick-Film! In etwas körniger Indiespiel-Grafik zwar und mit etwas groben Animationen. Aber der Flow des Gun-Fu-Ballets ist da. Zumindest manchmal.

john-wick-hex fullscreen
In der Wiederholung zoomt die Kamera weiter ins Spiel hinein.

Tödliche Eleganz gegen den Faktor Mensch

"John Wick Hex" kann theoretisch perfekte Actionszenen voller Dynamik kreieren, scheitert aber gerade zu Beginn an seinem schwächsten Glied: an mir, dem Spieler.

Ich bin der, der Baba Yaga immer wieder unsinnige Ausweichschritte aufbrummt, die einen Choreographen zur Weißglut treiben würden. Der den Killer zum Warten verdammt, bis der nächste Gegner um die Ecke gebogen ist. Der die Geduld verliert und den Helden unter großem Holterdiepolter viel mehr Schüsse kassieren lässt als nötig. Wenn am Ende trotzdem alle Feinde am Boden liegen, hat das mit Eleganz oft nicht viel zu tun.

john-wick-hex-4 fullscreen
Was würde Keanu Reeves in dieser Situation wohl tun?

Auf der Jagd nach der perfekten Wiederholung

Ich merke: Ich bin kein Actionfilm-Regisseur. Aber "John Wick Hex" weckt einen gewissen Ehrgeiz in mir, in der Wiederholung eine möglichst stylische, flüssige Szene abzuliefern. Das Spiel belohnt dieses Streben nach Perfektion: Munition, Lebensenergie und heilende Verbände sind streng rationiert, Rollen und andere Ausweichmanöver verbrauchen eine Ressource namens "Fokus", die Wick zwischendurch wieder aufladen muss. Die Botschaft ist klar: Du bist nicht unverwundbar, also mach das Beste aus Deiner eng getakteten Handlungszeit und verschwende nichts!

Schon ziemlich zu Anfang bestraft das Game auch brutal, wenn ich diese Botschaft nicht beherzige – schnell stehe ich ohne Heilung und mit zu wenig Munition einer Übermacht gegenüber. Exakte Planung, perfekte Ausführung, ganz viel Übung: die Tugenden guter Action-Regie sind eben die gleichen, die auch in "John Wick Hex" zum Erfolg führen.

Ich arbeite weiterhin auf die perfekt choreographierte Wiederholung hin, denn irgendwann muss es ja klappen. Zwischen einem Faustschlag und der nächsten Hechtrolle gibt mir "John Wick Hex" ja zum Glück reichlich Zeit zum Nachdenken.

Release
"John Wick Hex" ist am 8. Oktober 2019 für Windows-PCs und Mac erschienen.

Kommentar schreiben
Relevante Themen:

Neueste Artikel zum Thema Strategiespiele

close
Bitte Suchbegriff eingeben