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"Just Cause 4": Vom Fluch, ein Videospiel zu sein

Rico Rodriguez guckt grimmig. Kein Wunder: Die Verkaufszahlen von "Just Cause 4" sind ernüchternd.
Rico Rodriguez guckt grimmig. Kein Wunder: Die Verkaufszahlen von "Just Cause 4" sind ernüchternd.
Wolf Speer Wäre gern ein Baum. Wer würde schon einen Baum verdächtigen...?

"Just Cause 4" ist da – und kommt bei Fans und Kritikern nur mittelgut an. Dabei müsste das Open-World-Geballer doch reinen, ungefilterten Actionspaß bis zum Anschlag bieten! Ich habe eine ganz eigene Theorie, warum der Titel so wenig Beachtung findet: "Just Cause 4" leidet darunter, ein Videospiel sein zu müssen.

"Grau ist alle Theorie", so steht es in Goethes Faust. Soll heißen: Auf dem Papier klingen die meisten Ideen erst mal super. Aber unterzieht man sie dann dem Praxistest, stellt sich schnell heraus: Manche Sachen werden einfach nicht so toll, wie man sie sich vorgestellt hat. "Just Cause 4" ist so ein Fall.

Action ohne Pause - reicht das...?

Mit Open-World-Games werden wir mittlerweile totgeschmissen – gefühlt jedes zweite Spiel auf dem Markt brüstet sich damit, uns eine offene Spielwelt zu bieten, in der wir uns mal so richtig austoben können. Doch während Meisterwerke wie jüngst "Red Dead Redemption 2" oder "The Legend of Zelda: Breath of the Wild" Genregrenzen sprengen und weltweit für Begeisterung sorgen, steht die "Just Cause"-Reihe seit jeher im Schatten ihrer großen Vorbilder. Um sich auf dem übervollen Markt zu behaupten, muss ein Spiel schon etwas ganz Besonderes bieten; etwas, das Werbefachleute den USP nennen, den Unique Selling Point. Auf deutsch: Das eine, besondere Feature, das sonst keiner hat.

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Man kann in "Just Cause 4" natürlich auch autofahren. Das ist aber die langweiligste Fortbewegungsmethode.

Und das hat "Just Cause" tatsächlich. Nämlich die herrlich überzogene Action, die regelmäßig den Bildschirm wackeln lässt. Wo andere Spiele mit bemühtem Realismus für Befremden sorgen, pfeift die "Just Cause"-Reihe auf solch lästigen Ballast und dreht den "Das passiert jetzt nicht gerade wirklich"-Regler von der ersten Spielminute an auf Elf. Waghalsige Stunts, physikalisch unmögliche Zerstörungsorgien und abstruse Mega-Explosionen gehören zu "Just Cause" wie das sommerlich-sonnige Inselsetting und die Greifhaken von Protagonist Rico Rodriguez.

Und doch zeigen sich selbst beinharte Actionfans nur wenig beeindruckt von "Just Cause 4". Die Folge: Der schwächste Start in der Geschichte des Franchise. Woran liegt's? Meine Theorie: "Just Cause 4" klammert sich zu sklavisch an mittlerweile überholte Vorstellungen, was ein Videospiel bieten muss, um erfolgreich zu sein.

"Machen wir so, weil: Macht man eben so"

Fragt man Gamer, welche überkommenen Uralt-Ideen sie in Spielen so richtig nerven, fallen wahrscheinlich Schlagworte wie: Eskort-Missionen. Terminals hacken und dann gegen endlose Gegnerwellen verteidigen. Generell ödes Missionsdesign wie "Fahr irgendwo hin, mach jemanden kalt, fahr wieder zurück". Das sind krachend unoriginelle Klischees, die im Jahr 2018 wirklich niemanden mehr vom Gaming-Sessel hauen. Mehr noch: Die in einem vermeintlichen Blockbuster eines großen Herstellers nichts mehr verloren haben. Zumal ein Konkurrent wie "The Witcher 3" schon vor drei Jahren gezeigt hat, wie man jede noch so irrelevante Nebenaufgabe spannend, pfiffig und immer wieder überraschend gestaltet.

Just_Cause_4_screenshot_Wingsuit
So reist der Gentleman mit Stil: Per Wingsuit natürlich.

Und Du ahnst jetzt natürlich schon, was das große Problem von "Just Cause 4" ist: Es langweilt mich regelmäßig mit kreuzöden Plattitüden aus Opas Design-Mottenkiste. Es dauert nur Sekunden, bis auch der genügsamste Action-Junkie so heftig die Augen verdreht, dass er sich selber ins Hirn gucken kann: Die allererste (!) Mission im Spiel besteht darin, ein Terminal zu hacken und es dann – richtig geraten – gegen endlose Gegnerwellen zu verteidigen. Und das in einem Spiel, das Anarchie, Chaos und hemmungslosen Hedonismus zum Motto erkoren hat. Man könnte fast darüber lachen. Wenn man nicht so herzhaft gähnen müsste.

Open World – mit Einschränkungen

"Mann, Wolf, dann ignorier doch die Missionen einfach!", höre ich schon den Zwischenruf. Tja, wenn das mal so einfach wäre. Denn im Spielverlauf kommst Du nur weiter, wenn Du immer mehr Gebiete der riesigen Spielwelt befreist und die Story vorantreibst. Klar kann ich einfach mal die Sau rauslassen, mit dem witzigen Physiksystem experimentieren und testen, welche meiner Waffen die schönsten Explosionen verursacht. Das ist lustig. Für ein paar Minuten. Bringt mich aber kaum weiter.

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Das Design der Gegner verdient nicht gerade einen Originalitätspreis.

Wenn ich dem ganzen Geballer und Geknalle also eine gewisse Sinnhaftigkeit verleihen will, muss ich die zahllosen Haupt- und Nebenaufgaben abarbeiten. So frei, wie es mir hier vorgegaukelt wird, bin ich also nicht. Das wäre ja auch kein großes Problem – völlige, grenzenlose Freiheit werden wir in Videospielen niemals erreichen können. Aber selten klafft die Schere zwischen dem eigenen Selbstbild und der Realität so weit auseinander wie bei "Just Cause 4".

Was könnte die Lösung sein?

Und nun? Ist das Experiment "Just Cause" gescheitert? Oder gibt es noch eine Rettung für diese verwirrende und verwirrte Reihe? Nun, warum nicht radikal denken: Keine Story mehr. Keine abgedroschenen 0815-Missionen mehr. Kein Spielziel. Sondern einfach nur einen großen, offenen Sandkasten zum Austoben. Und das Vertrauen in den Einfallsreichtum der Spieler, geilere Actionsequenzen zu inszenieren, als es die Macher der Avalanche Studios je geschafft haben.

Geht nicht? Geht doch: "GTA Online" funktioniert nach einem ganz ähnlichen Prinzip. Was es mal eben zum profitabelsten Entertainment-Produkt aller Zeiten gemacht hat. Wenn sich die Macher schon so gerne von bereits bestehenden Ideen inspirieren lassen, warum nicht von größtmöglicher Freiheit und Zwanglosigkeit für Spieler?

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Wenn am Ende des Flugs keine langweilige Mission auf mich warten würde...

Ich wünsche der "Just Cause"-Reihe, dass die verhaltene Reaktion auf den aktuellen Teil der dringend benötigte Warnschuss war. Sollte es jemals ein "Just Cause 5" geben, werden die Entwickler ganz sicher aus den Fehlern des Vorgängers gelernt haben. Sonst gibt es leider keine wirkliche Daseinsberechtigung für die Serie mehr. Und das wäre doch verdammt schade – denn wie viele andere Reihen gibt es noch, in denen Du unschuldige Passanten mittels Haftminen in lebende Feuerwerkskörper verwandeln kannst...?

Also, "Just Cause": Pfeif auf überholte Videospiel-Regeln! Mach dich frei von verkrusteten Traditionen und Zwängen! Weg mit dem ganzen überflüssigen Quatsch, der nur drin ist, weil ihn halt alle drin haben. Du willst, dass ich Spaß habe? Dann lass mich verdammt nochmal einfach Spaß haben!

Und wer weiß: Vielleicht explodieren dann ja endlich auch die Verkaufszahlen.

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