Nintendo Labo: Die Bastel-Sets enthüllen das Potenzial der Switch

Meru Klee Bezeichnet Games als 'durchgespielt' sobald er die Kampagne durch hat – auch "Black Ops 4".

Bastelbögen und Videospiele? Nintendo will mit dieser ungewöhnlichen Kombination neue Möglichkeiten und Zielgruppen erschließen. Auf dem Workshop zu Nintendo Labo in Hamburg konnten wir erstmals selbst Hand anlegen und sehen, warum das Produkt technologisch absolut faszinierend ist. Für Gamer könnte es aber zur Enttäuschung werden.

Anfang des Jahres überraschte Nintendo mit der Ankündigung von Nintendo Labo die Gaming-Welt. Bewegungserfassung, HD-Rumble und Infrarotkamera der Nintendo Switch können in Verbindung mit Nintendo-Labo-Pappbausätzen zu sogenannten Toy-Cons verbaut werden. Das Ganze soll Kinder und Erwachsene an der Nintendo Switch zusammenbringen. Basteln und Videospiele? Nun ja, die Idee ist zumindest innovativ und abgedrehte Marketingkonzepte hat Nintendo in den letzten Jahren ja quasi zum Firmencredo erhoben.

Nintendo Labo: Kindgerechter Einstieg in die Welt der Videospiele?

Als Vater stellte ich mir direkt die Frage nach dem erzieherischen Wert von Nintendo Labo. Wenn ich mit meinen Kindern basteln will, kann ich das doch auch sehr gut ohne Videospielkonsole. Tatsächlich sehe ich im Alltag eher zur Genüge Eltern, die ihre Kinder vor dem Fernseher, Tablet oder Handy parken um ihre Ruhe zu haben und auch kein Problem damit haben, den eigenen Nachwuchs schon im Kindergartenalter mit jeder Menge Medienkonsum zu konfrontieren.

Könnte Nintendo Labo also für Kinder und deren Eltern nur zum Vorwand werden, weshalb man sich mit Videospielen und der Nintendo Switch beschäftigt? Dient Nintendo Labo am Ende nur als Argument, um die Oma zu überreden, doch eine Videospielkonsole zu spendieren – mit der man dann natürlich auch "richtige" Games zocken kann?

Gerade weil ich mich berufsbedingt täglich mit Videospielen beschäftige, bin ich bei meinen eigenen Kindern sehr vorsichtig – und das gar nicht mal nur wegen etwaiger Gewaltszenen. Vor allem intelligente Belohnungs-Systeme und Service-basierende Games sind meiner Meinung nach nichts, was das Leben von Kindern im Vorschulalter wirklich bereichert. Wenn, dann will ich sie begleitet und sehr dosiert in die grenzenlosen Fantasiewelten der Videospiele einführen.

Nintendo Labo Workshop: Überzeugt mich das Hands-on-Event?

Als Nintendo Alex und mich Mitte März zum Labo-Workshop in Hamburg einlud, ging ich daher mit jeder Menge Skepsis an die Sache heran. Wir durften die verschiedenen Toy-Cons selbst zusammenbasteln und benutzen, zudem bekamen wir ihre Funktionsweisen gezeigt. Ganz kurz hatten wir auch Gelegenheit uns die Software "Toy-Con Garage" anzusehen. Damit kann Nintendo Labo um eigene Kreationen und Funktionen erweitert werden, was dem Prinzip eine weitere Dimension verleiht.

Vor allem technologisch finde ich Nintendo Labo äußerst faszinierend: Hier werden Low-Tech-Elemente aus Pappe, Gummi und Klebestreifen mit den fortschrittlichen Features der Nintendo Switch verbunden – mit beeindruckendem Effekt. Der Angelsimulator etwa schafft ein überraschend immersives Erlebnis: Die Angelschnur der Rute wird auf dem Bildschirm der Konsole fortgeführt, der Zug an der Leine wird dabei lediglich von einer Rolle erzeugt, die auf ein simples Gummiband gespannt ist. Da ich aber auf dem Display den Fisch am Haken sehe, gelingt die Illusion sehr gut.

Komplexere Toy-Cons wie das Roboter-"Exoskelett" arbeiten dagegen mit der bisher fast ungenutzten Infrarot-Kamera am rechten Joy-Con-Controller der Nintendo Switch. Im "Rucksack" des Bastelsets werden Papp-Gewichte an Zugbändern an dem Sensor vorbeibewegt. Durch verschieden breite reflektierende Klebebänder erkennt die Konsole die Bewegungen und setzt sie auf dem Bildschirm um – simpel aber wirkungsvoll. Beim Labo-Klavier lassen sich über das HD-Rumble-Feature auf Wunsch sogar Töne durch Vibrationen mit unterschiedlicher Frequenz wiedergeben.

Toll umgesetzt: Diese 3D-Bauanleitungen wünsche ich mir auch von Lego & Ikea

Die anwesenden Kinder hatten auf dem Event sichtlich Spaß. Auch Alex und ich entdeckten unseren Spieltrieb und die Lust am Basteln schnell wieder. Die Bauanleitungen werden sehr verständlich auf dem Konsolen-Bildschirm gezeigt und lassen sich auf dem Touchscreen jederzeit dreidimensional bewegen. Sehr kleine Hände werden beim Basteln trotzdem elterliche Hilfe benötigen, einige Falze und Knicke fordern doch etwas Präzision, damit am Ende auch alles ineinander passt. Ohnehin muss mindestens einer der Beteiligten des Lesens mächtig sein um den Anweisungen folgen zu können.

Als Gamer verliere ich womöglich schnell das Interesse

Ausschlaggebend wird bei der Beurteilung jedoch die jeweilige Erwartungshaltung sein: Als Gamer fehlt mir bei Nintendo Labo der Spielfortschritt, der für mich in erster Linie den Wiederspielwert bestimmt. Zwar können vereinzelt Punkte gesammelt werden, auch die gesammelte Nahrung des Tamagotchi-artigen Wesens im Labo-Häuschen wird zum Beispiel gespeichert. Meinem Eindruck nach ähnelt der Grad des Wiederspielwertes aber eher dem von "1-2-Switch" – der Minigame-Sammlung, die eher wie eine Tech-Demo für die besonderen Features der Nintendo Switch wirkt.

Eine Frage des Anspruchs: Ist der Weg wirklich das Ziel?

Landet Nintendo Labo also nach verhältnismäßig kurzem Bastel- und Ausprobier-Spaß in der Ecke des Kinderzimmers oder sogar im Papiermüll? Nicht unbedingt: Die Bezeichnung Toy-Con ist nämlich äußerst treffend – Nintendo Labo ist eine Art Spielzeug, kein Videospiel. Anderes Beispiel: Macht für mich als Erwachsenen vor allem der Aufbau eines Lego-Sets den Spaß aus, verlieren sich meine Kinder erst danach im Rollenspiel, das durch die Figuren, Fahrzeuge und Strukturen ermöglicht wird. Wo mir also das typische Aufleveln innerhalb eines Games fehlt, haben Kinder mitunter einen völlig anderen Anspruch und Zugang.

Klar, der Preis von 70 Euro für das Nintendo-Labo-Set mit ferngesteuerten Autos, Klavier, Angel, Häuschen und Motorrad, beziehungsweise 80 Euro für das Roboter-Set, erscheint stattlich – immerhin handelt es sich dabei fast ausschließlich um Pappe mit etwas Software. Vergleicht man diesen aber mit den Preisen anderer gängiger Spielzeuge oder rechnet ihn sogar in eine entsprechende Anzahl verregneter Nachmittage um, hält sich meine Aufregung darüber eher in Grenzen.

Nintendo Labo: Update & DLC per PDF-Download?

Ich stelle mir stattdessen die Frage, ob einzelne Bögen später auch ohne das komplette Set nachgekauft werden können. Vielleicht erlaubt Nintendo es ja auch, per PDF-Download kaputte Teile selbst zu ersetzen. Gespannt bin ich auch darauf, ob und wie die Fangemeinde die kreativen Möglichkeiten von Nintendo Labo ausschöpft und irgendwann echte Eigenentwicklungen im Netz kursieren. In jedem Set ist dafür schon ein Blanko-Pappbogen enthalten. Vielleicht schafft Nintendo es ja sogar, eine Art "Minecraft"-Effekt in die "reale" Welt zu übertragen.

Schlägt Nintendo Labo eine Brücke für manche Familien?

Und meine anfänglichen Bedenken? Nun ja, ich sehe Nintendo Labo noch immer nicht als überzeugenden Grund an, meinen Kindern nun eine Spielekonsole zu kaufen. In Familien, in denen digitale Medien aber ohnehin schon zum Alltag der Kinder gehören, könnten Nintendos neue Bastelsets zumindest eine Möglichkeit bieten, Eltern und Nachwuchs doch mal wieder zum Basteln zu bringen. Vielleicht inspiriert Labo ja sogar einige Eltern, sich mal zusammen mit dem Nachwuchs mit Videospielen zu beschäftigen. Kinder, die sich auf dem Schulhof aber untereinander schon jetzt mehr über "Fortnite: Battle Royale" austauschen als über Lego, wird Labo vermutlich nicht mehr erreichen.

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