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Nur ein Spiel? Wie "FIFA" & Co. den Profifußball verändern

Virtuelle Manndeckung: Nationalspieler Sebastian Rudy trainiert vor der "Helix".
Virtuelle Manndeckung: Nationalspieler Sebastian Rudy trainiert vor der "Helix". (©Deniz Saylan 2017)

Sind "FIFA" oder "Pro Evolution Soccer" nur ein kurzweiliger Zeitvertreib, oder können Fussballer tatsächlich etwas von den digitalen Bildwelten lernen? Profiklubs wie die TSG 1899 Hoffenheim setzen erstmals Videogames als Trainingsmethode ein, damit ihre Spieler besser werden.

Lionel Messi spielt drei Stunden am Tag auf seiner Playstation. Mats Hummels gibt zu, dass er viele Kollegen hat, die sich Tricks von der Konsole für echte Spielsituationen abgucken. Und auch Alex Iwobi, 20-jähriger Nachwuchsstar bei Arsenal London, redet nicht um den heißen Brei herum: "Wenn ich auf dem Platz auf einen neuen Gegenspieler treffe, dann checke ich vorher auf der PS4 sein persönliches 'FIFA'-Profil mit Stärken und Schwächen.“ Videospiele werden nicht nur immer besser und realistischer, sondern lassen die Grenze zwischen virtuellen Welten und echter Zweikampfatmosphäre auf dem Rasen verschwinden. Was vor ein paar Jahren vielleicht noch als selbstherrliche Marketing-Rhetorik der Game-Industrie abgetan wurde, ist 2017 längst Wirklichkeit geworden.

Laut Recherchen der britischen Tageszeitung The Guardian finden jeden Sonntag weltweit 200 Millionen "FIFA"-Matches in Wohn- und Schlafzimmern statt. Bislang hat Hersteller EA Sports mehr als 150 Millionen Spiele verkauft. Es war nur eine Frage der Zeit, bis auch Profifußballklubs das Potenzial der Reihe erkennen würden.

Pionier in der Bundesliga ist die TSG 1899 Hoffenheim, vor wenigen Jahren von Traditionalisten noch als Retortenklub gerügt, weil Milliardär Dietmar Hopp mit seiner Software-Firma SAP im Hintergrund die Fäden zog. Der Mäzen wollte mit dem damaligen Trainer Ralf Rangnick (heute Sportdirektor bei RB Leipzig) den Fußball der Zukunft erfinden. Jetzt kommt Hopp der Sache wieder einen Schritt näher.

 Digitales Grün: Auf iPads kommt das Spiel "Ball Hunt" zum Einsatz. fullscreen
Digitales Grün: Auf iPads kommt das Spiel "Ball Hunt" zum Einsatz. (©Deniz Saylan 2017)

Auf dem Trainingsgelände im beschaulichen Zuzenhausen steht in einem kleinen Funktionsraum die "Helix", ein um 180 Grad gebogener Bildschirm, acht Meter lang und zweieinhalb Meter hoch. Es wirkt ein bisschen wie ein selbst gebasteltes und halbfertiges IMAX-Kino für die eigenen vier Wände. Sechs HD-Beamer projizieren einen grünen Rasen samt Stadion auf die Leinwand. Nationalspieler Sebastian Rudy steht davor und sieht, wie die Spieler zweier Teams vor seinen Augen auftauchen. Jogi Löw würde aufstöhnen, wenn er das Durcheinander sähe, und zur "högschdn Disziplin" aufrufen. Doch gerade darin besteht die Aufgabe: Rudy soll sich mehrere Spieler merken, im Blick behalten und nach ein paar Sekunden wieder identifizieren. So soll sein peripheres Sehen geschult werden, damit er in einer echten Spielsituation den Überblick behält. Dabei hat der 27-Jährige noch nicht mal einen Ball am Fuß, sondern kann sich voll und ganz auf die Leinwand und das Gewusel konzentrieren. Messungen zeigen, dass der moderne Fußball immer schneller wird und damit auch die kognitiven Ansprüche an die Spieler steigen: In einem Bundesliga-Match hat Sebastian Rudy zwischen Ballannahme und Passen wenig Zeit – durchschnittlich nur eine Sekunde.

 Hoffenheims Teampsychologe Jan Meyer zeigt den Nachwuchskickern, wie sich Konzentration am iPad trainieren lässt. fullscreen
Hoffenheims Teampsychologe Jan Meyer zeigt den Nachwuchskickern, wie sich Konzentration am iPad trainieren lässt. (©Deniz Saylan 2017)

Hoffenheims Teampsychologe Jan Mayer: "Die Videospiele können durchaus schneller im Kopf machen. Wir nennen das 'Gamification'." Es geht darum, die sogenannten Exekutivfunktionen zu trainieren, also Konzentration, Antizipation, Entscheidung. Jeder Fußballfan weiß: Missglückter Rückpass, Eigentor oder verschlafene Manndeckung entscheiden oft über Sieg und Niederlage. Bei der TSG 1899 Hoffenheim will man das Fehlerpotenzial auf ein Minimum heruntertrainieren. Und die digitalen Trainingsmethoden scheinen sich auszuzahlen: In der Hinrunde der aktuellen Saison blieb "Hoffe" als einziges Bundesligateam ungeschlagen, der Klub überwinterte auf Platz fünf. Eventuelle Champions-League Ambitionen will man hier nicht ausschließen.

Jan Mayer bittet die Spieler aber nicht nur vor die "Helix", sondern versorgt sie auch mit iPads, auf denen sie sich täglich mit Geschicklichkeitsspielen beschäftigen sollen. Das hat nichts mit höherer Mathematik zu tun, "sondern hält die Synapsen auf Trab, Gehirnjogging für Profikicker. Nicht nur Hoffenheims Elitekicker, sondern auch 320 Nachwuchsspieler werden mit iPads geschult. Die sehen darin eine willkommene Trainingseinheit. Ab 12 Jahren wird parallel zum Platz auch vor dem Tablet geschwitzt. Mit der "Helix" hat man derweil noch größere Pläne: Die Softwareexperten von Dietmar Hopps SAP tüfteln fieberhaft daran, "FIFA 17" so zu optimieren, dass das Kultspiel auch auf der riesigen Leinwand performt. Das IMAX-Feeling soll dann Wirklichkeit werden, samt Stadion-Rundumblick und realistischen Live-Bedingungen. Lionel Messi und Mats Hummels hätten garantiert ihren Spaß daran. Oder die selbst ernannte Fußballlegende Zlatan Ibrahimovic, der in seiner
Biografie schreibt: "Auf der Konsole habe ich früher Lösungen für Spielsituationen entdeckt, die ich später auf dem Platz umgesetzt habe."

Diese und weitere Geschichten findest Du auch in der aktuellen Ausgabe des TURN ON Magazins 02/17, das in allen SATURN Märkten kostenlos ausliegt.

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