Radical Heights & Co.: Braucht die Welt noch mehr Battle-Royale-Games?

"Radical Heights": Ist der Kampf um den Battle-Royale-Thron bereits entschieden?
"Radical Heights": Ist der Kampf um den Battle-Royale-Thron bereits entschieden? (©Boss Key Productions 2018)
David Albus Überbrückt Ladepausen in PC-Games an der Nintendo Switch – und umgekehrt.

Battle-Royale-Shooter wie "PUBG" und "Fortnite" feiern gerade riesige Erfolge und ziehen immer mehr Nachahmer an. Ein Blick auf vergangene Gaming-Trends zeigt aber: Der Markt könnte bereits gesättigt sein. Haben aufstrebende Konkurrenten überhaupt noch eine Chance?

Erst vor wenigen Tagen ist mit "Radical Heights" der neueste Battle-Royale-Konkurrent bei Steam in den sehr unfertigen, aber spielbaren "X-TREME Early Access" gestartet. Mit schriller Achtziger-Ästhetik und einem überdrehten Gameshow-Setting setzt sich das Game optisch von "Playerunknown's Battlegrounds" und "Fortnite: Battle Royale" ab, trotzdem ist unverkennbar, auf welchen Trend die Entwickler hier aufspringen wollen. Bislang genießt das Spiel laut Steamcharts relativ gute Spielerzahlen, doch wie lange das anhält, ist schwer zu sagen – und wann der nächste Last-Man-Standing-Shooter um die Ecke kommt, auch.

"PUBG" & "Fortnite" dominieren den Markt

Ein Szenario wie dieses könnte sich in den nächsten Monaten noch viele Male wiederholen. Kompetitive Online-Spiele sind gerade in einem regelrechten Battle-Royale-Rausch und es ist leicht nachvollziehbar, dass alle etwas vom großen Kuchen abhaben wollen. Die Frage ist nur: Lassen die beiden "Großen" am Tisch mehr als Krümel für den Rest übrig? Wer einigermaßen aufmerksam das Online-Gaming der letzten Jahre verfolgt hat, dem muss diese Situation äußerst bekannt vorkommen. Insbesondere zwei immer noch sehr populäre, aber ordentlich ausgedünnte Games-Genres machten nämlich ähnliche Entwicklungen durch.

2000er-Jahre: Auf den MOBA-Boom folgte das MOBA-Sterben

Da sind zum einen die MOBAs (Multiplayer Online Battle Arena), die im Fahrwasser des "Warcraft 3"-Mods "Dota" ab Mitte der 2000er-Jahre wie Pilze aus dem Boden sprossen. Was ist übrig vom Hype? Nun, "League of Legends" ist bis heute eines der meistgespielten Online-Games überhaupt und ein wichtiger eSports-Titel. "Dota 2" kämpft zwar mit sinkenden Spielerzahlen, behauptet sich aber bislang tapfer. Blizzards "Heroes of the Storm" und das Third-Person-MOBA "Smite" sind auch noch einigermaßen lebendig, aber weit von echter Konkurrenz für die Platzhirsche entfernt.

Nach "League of Legends" kommt im MOBA-Bereich heute lange nichts.
Nach "League of Legends" kommt im MOBA-Bereich heute lange nichts.

Den Überlebenden steht eine Schar von gescheiterten MOBAs gegenüber, die alle im Arena-Zirkus mitmischen wollten, sich aber nicht durchsetzen konnten. Erinnert sich noch jemand an "Avalon Heroes" oder "Dawngate"? Zuletzt kündigte das 3D-MOBA "Paragon" den Supportstopp an – ironischerweise, weil Entwickler Epic Games den Fokus auf "Fortnite: Battle Royale" legen will.

2010er-Jahre: Hero-Shooter scheitern an "Overwatch

Ein anderes Beispiel sind die sogenannten Hero Shooter, die teamorientiertes Gameplay und Charaktere mit Spezialfähigkeiten kombinieren. "Team Fortress 2" gilt gemeinhin als großes Vorbild für das Genre, die größte Bekanntheit erlangte aber "Overwatch". Gegen Blizzards knallig-bunte Interpretation des Spielprinzips hatte die Konkurrenz quasi keine Chance: Mitbewerber wie "Battleborn" kamen nie recht aus den Startlöchern, "Paladins" füllt immerhin die Lücke der einigermaßen profitablen Gratis-Alternative, "Gigantic" macht bald dicht.

Mit charismatischen Helden und zugänglichem Gameplay sicherte sich Blizzards "Overwatch" die Spitzenposition bei den Hero Shootern.
Mit charismatischen Helden und zugänglichem Gameplay sicherte sich Blizzards "Overwatch" die Spitzenposition bei den Hero Shootern.

Erst kürzlich scheiterte "Lawbreakers" spektakulär mit dem Versuch, dem von Comic-Shootern dominierten Genre ein "erwachseneres" Grafik-Gewand und eine höhere Skill-Hürde entgegenzusetzen: Vom Release im Jahr 2017 an zog das Game viel zu wenige Spieler an, bis Entwickler Boss Key vor wenigen Wochen die Reißleine zog und den Support einstellte – um sich dann mit dem eingangs erwähnten "Radical Heights" dem blühenden Battle-Royale-Genre zuzuwenden.

Droht 2018 der Battle-Royale-Overkill?

Ob das eine gute Idee ist, ist angesichts der Geschichte von MOBAs und Hero-Shootern fraglich. Die Geschichte beider Genres hat schließlich eines deutlich gezeigt: Wenn in kurzer Zeit ein Überangebot an sehr ähnlichen Spielen entsteht, bleiben am Ende oft diejenigen übrig, die schon zu Beginn des Hypes die meisten Spieler anziehen konnten. Und dass es noch in diesem Jahr zum Überangebot kommen könnte, ist abzusehen – auch, wenn sich die Mitbewerber durchaus Mühe geben, der simplen Grundidee (jeder gegen jeden, Permadeath, gleicher Start für alle) einen eigenen Twist abzuringen:

"Radical Heights" versucht es wie gesagt mit schriller Retro-Optik und bringt außerdem ein Geldsystem mit, das Fortschritt und käufliche Vorteile über eine Spielrunde hinaus erlaubt.  "H1Z1", einst ein Vorläufer im Geiste von "PUBG", will mit Fahrzeugkämpfen aufholen. Basierend auf "Paladins" soll bald eine Kombination aus Hero Shooter und Battle Royale starten. Und das für 2018 angekündigte "Egress" will mit Soulslike-Nahkampf, RPG-Elementen und Steampunk-Design punkten.

"Egress" will das "Dark Souls" des Battle Royale werden – aber besteht da eigentlich Bedarf?
"Egress" will das "Dark Souls" des Battle Royale werden – aber besteht da eigentlich Bedarf?

Entwickler haben aus früheren Trends gelernt

So verzweifelt sich diese Versuche, dem Genre irgendwie etwas Eigenes abzugewinnen, auch lesen: Sie zeigen, dass die Entwickler aus dem Schicksal von MOBAs und Hero Shootern gelernt haben. Zum Beispiel: Wer Spielern zu wenig neue Gameplay-Anreize gibt, wird scheitern – so wie etwa "Lawbreakers" mit seiner "Hero-Shooter für Erwachsene"-Idee. Auch grafische Updates sind weniger wichtig, als man denken sollte: Zwar wird immer gern auf die altbackene Technik von "PUBG" geschimpft, aber eine Hochglanz-Version ohne große Neuerungen dürfte es dennoch schwer haben – schließlich müsste das neue Game erst einmal vom Nullpunkt an eine entsprechende Spielerzahl aufbauen. Selbst ein potenzieller Battle-Royale-Modus in einem kommenden "Call of Duty" dürfte deshalb kaum neue Spieler außerhalb der Fangemeinde der Shooter-Serie rekrutieren.

"Overwatch" in schick und brutal – das reichte im Fall von "Lawbreakers" nicht für den Erfolg.
"Overwatch" in schick und brutal – das reichte im Fall von "Lawbreakers" nicht für den Erfolg.

Nur wer ein gutes Alleinstellungsmerkmal hat, bleibt im Rennen

Fehlgeschlagene Experimente wie das DC-Superhelden-MOBA "Infinite Crisis" könnten dazu ein Grund sein, warum uns ein Battle Royale mit großem Franchise im Rücken bislang erspart geblieben ist: Eine bekannte Lizenz macht eben noch kein gutes, innovatives Gameplay. Und das ist wichtig: Wenn Epic Games im Falle von "Fortnite" auch lange vorgeworfen wurde, sich mit fremden Federn zu schmücken, darf man doch nicht vergessen, dass der Baumodus eine radikale spielerische Neuerung gegenüber "Playerunknown's Battlegrounds" bedeutete. Damit platzierte sich das Game gekonnt als erster großer Mitbewerber, spielte zudem den Free-to-Play-Status und die größere Verfügbarkeit auf allen Plattformen als Boni aus und hat das Vorbild mittlerweile in Sachen Spielerbasis sogar überholt.

Wie viel Innovation braucht es für die eigene Nische?

Das müssen andere Games erst einmal schaffen – und es wird schwerer, je mehr Spieler bereits bei einem der großen Genrevertreter untergekommen sind. Online-Service-Spiele sind eben immer ein Stück weit ein Nullsummenspiel, in dem sich Gamer für einen Kandidaten entscheiden und nicht zwei Spiele der gleichen Art parallel zocken. 2018 könnte nun das Jahr werden, in dem ausgehandelt wird, wie viel Innovation es im Battle Royale für die eigene Nische braucht. Reicht eine neue Ästhetik wie im Falle von "Radical Heights"? Oder braucht es doch einen eigenständigeren Twist, wie ihn etwa "Hunt: Showdown" mit seinem Mix aus Spielerkämpfen und Monsterjagd versucht, der nur entfernt an Battle Royale erinnert, aber vom Hype definitiv profitiert?

Zombies, Monster, Permadeath und konkurrierende Jäger-Teams: "Hunt: Showdown" ist kein reines Battle Royale, aber baut auf sehr ähnliche Mechaniken auf.
Zombies, Monster, Permadeath und konkurrierende Jäger-Teams: "Hunt: Showdown" ist kein reines Battle Royale, aber baut auf sehr ähnliche Mechaniken auf.

Battle-Royale-Hype: Ein Fest für Trend-Beobachter

Als Spieler kann man an dieser Stelle mit den Achseln zucken und darauf warten, bis die sprichwörtliche nächste Sau durchs Dorf getrieben wird – was unweigerlich passieren wird. Man kann aber auch gespannt beobachten, welche Konzepte zünden und welche nicht und sich darüber freuen, dass viel Konkurrenz eben auch viel Kreativität hervorbringt. Vielleicht schafft es ja doch noch ein dritter Bewerber in die luftigen Höhen, in denen "PUBG" und "Fortnite" derzeit den Kampf um den Battle-Royale-Thron allein austragen.

So gut wie sicher ist jedenfalls: Von den vielen neuen Battle-Royale-Games, die in den kommenden Monaten erscheinen, werden am Ende nur wenige übrig bleiben. Hoffen wir, dass es die spannendsten und innovativsten sind.

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