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"Red Dead Redemption 2" ist so langsam, dass es wehtut – aber es lohnt

"Red Dead Redemption 2" verlangt seinen Spielern viel Geduld ab.
"Red Dead Redemption 2" verlangt seinen Spielern viel Geduld ab. (©Rockstar Games 2018)

Du suchst ein rasantes Cowboy-Abenteuer im Wilden Westen? Dann mach einen Bogen um "Red Dead Redemption 2"! Das neue Spiel von Rockstar Games zelebriert Langsamkeit bis an die Schmerzgrenze und macht die ersten Spielstunden zur Geduldsprobe. Dann aber fällt der Groschen.

Schon vor dem Release von "Red Dead Redemption 2" war klar, dass Rockstar Games ein außergewöhnliches Spiel mit außergewöhnlicher Grafik, einer außergewöhnlichen Spielwelt und einer außergewöhnlichen Dichte an irrsinnigen Details abliefern würde. Wer nun in das Open-World-Game einsteigt, stellt zuerst vor allem eines fest: "Red Dead Redemption 2" ist außergewöhnlich langsam – in vielerlei Hinsicht.

Alles andere als wild: Gemächlich durch den Westen

Das geht beim Bewegungstempo los: Hauptcharakter Arthur Morgan ist nicht nur in Dialogen ein bedächtiger Gesprächspartner, sondern hat es auch zu Fuß nicht eilig. Ich kann ihn zwar rennen lassen, aber das kostet Ausdauer und hält deshalb nie lange. Im Camp der Van-der-Linde-Gang und in manchen Missions-Abschnitten ist die Sprint-Funktion sogar deaktiviert.

Durch das Camp seiner Gang bewegt sich Arthur Morgan nur im Schneckentempo.
Durch das Camp seiner Gang bewegt sich Arthur Morgan nur im Schneckentempo.

Gut also, dass Arthur ein Pferd hat, das ihn schneller durch die Prärie bringt. Weil die aber gigantisch groß ist und es anfangs keine Schnellreise-Funktion gibt, verbringe ich für oft banale Aufgaben sehr viel Zeit im Sattel – etwa, wenn ich für mickrige Kröten ein paar schlechte Felle von meiner letzten Jagd beim Schlachter verhökern will und dazu erst einmal minutenlang in die Stadt reiten muss.

In "Red Dead Redemption 2" ist jeder Handgriff umständlich & mühsam

Auch über die Bewegung hinaus strapaziert "RDR2" den Geduldsfaden. Jeder kleine Handgriff ist komplett animiert und dauert entsprechend lange: Wenn Arthur einen toten Gegner ausraubt, bückt er sich und nimmt ihm die Taschenuhr persönlich aus dem Hemd. Wenn er eine Pflanze pflückt, zieht er sie aus dem Boden, entfernt die Wurzel und steckt sie in seinen Beutel. Oft sind mehrere Schritte nötig, um eine Handlung zu vollziehen – etwa, wenn sich Arthur am Feuer einen Kaffee kocht, ihn eingießt und dann zu jedem Schluck per Tastendruck aufgefordert werden muss.

Kochen und Craften am Feuer dauert.
Kochen und Craften am Feuer dauert. (© 2018 Rockstar Games/TURN ON)

Selbst auf der allerkleinsten Ebene des Gameplays ist "Red Dead Redempton 2" noch unerhört gemächlich: Die meisten Aktionen werden nicht durch Drücken eines Buttons, sondern durch Gedrückthalten von mehreren Sekunden ausgelöst. Selbst bei direkteren Eingaben setzt Arthur die gewünschte Handlung selten direkt in die Tat um: Stattdessen vergehen winzige, aber merkliche Sekundenbruchteile, bevor etwas passiert.

Acht Stunden Eingewöhnungszeit

Das alles macht den Einstieg in "Red Dead Redemption 2" ungemein gewöhnungsbedürftig. Wer – wie ich – direkt vom Töten-Looten-Weiterhechten-Rhythmus eines "Assassin's Creed Odyssey" in das nur in der Bezeichnung "Open-World-Actionspiel" ähnliche Rockstar-Game wechselt, muss mit dem gewaltigen Maß an Aufwand für jede Aktion noch einmal besonders warm werden. In meinem Fall hat es gut acht Stunden gedauert, bis die Gewöhnung vollends einsetzte. Dann jedoch wird die Langsamkeit vom Ärgernis zum atmosphärischen Feature.

Bei Kutschfahrten geht es noch langsamer als sonst voran. Ein Glück, dass oft Dialoge für Abwechslung sorgen.
Bei Kutschfahrten geht es noch langsamer als sonst voran. Ein Glück, dass oft Dialoge für Abwechslung sorgen. (© 2018 Rockstar Games/TURN ON)

"Red Dead Redemption 2" gönnt sich seine Gemächlichkeit nicht als schrulligen Luxus, den es sich als ewig erwarteter Top-Blockbuster nun einmal leisten kann. Es braucht sie und wäre ohne sie wahrscheinlich ein schlechteres, mindestens aber ein inkonsequenteres Spiel.

Die Spielwelt, für deren bislang ungekannte Realitätsnähe Rockstar gewaltigen Aufwand betrieben hat, verlangt nach realistischer Geschwindigkeit. Weil mich das Spiel zwingt, mir Zeit zu nehmen und jeden Meter akribisch gestaltete Flora selbst zu durchqueren, lerne ich diese Arbeit zu schätzen – und zugleich, das virtuelle Amerika als glaubwürdige parallele Realität zu akzeptieren.

Entschleunigung schafft Nähe – zum Helden & zu seinem Pferd

Dass ich die allermeiste Zeit des Spiels auf einem Pferderücken verbringe, hat ebenfalls psychologische Effekte: Pferde sind in "RDR2" ungemein wichtig und verschiedene Systeme sorgen dafür, dass Arthur eine Bindung zu seinem Reittier aufbaut. Diese Bindung überträgt das Game auf mich, indem es mich so viel Zeit mit meinem Ross verbringen lässt, bis ich am nervösen Wiehern schon den nächsten Feind erkenne. Gäbe es eine von Anfang an vorhandene Schnellreise, würde diese Wirkung wohl niemals eintreten.

Arthur nimmt ein Bad. Linker Arm und rechtes Bein bleiben aber wohl dreckig.
Arthur nimmt ein Bad. Linker Arm und rechtes Bein bleiben aber wohl dreckig. (© 2018 Rockstar Games/TURN ON)

Und dann ist da noch Arthur Morgan selbst, der so anders ist als die agilen Helden vergleichbarer Spiele. Der gegen jede verschlossene Tür feste gegendrückt, weil es keine "Tür verschlossen"-Einblendung gibt. Der in der Badewanne auf Knopfdruck jedes Körperteil einzeln wäscht. Der jedes Stückchen Fleisch am Lagerfeuer gewissenhaft durchbrät. Und den ich dadurch so gut kennenlerne, wie schon lange keinen Videospiel-Charakter mehr.

"Red Dead Redemption 2" setzt seine Entschleunigung mit sanftem Zwang durch – und wird erst dadurch seinem Setting und seinen Figuren voll gerecht.

Mehr dazu
Alles Wichtige zu "Red Dead Redemption 2" findest Du auf unserer Themenseite zum Spiel.

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