Meinung

Spielejahr 1998: "Starcraft" – meine erste große Liebe

In unserer Reihe zum Spielejahr 1998 besprechen wir jeweils eines der bahnbrechenden Spiele, die vor mittlerweile 20 Jahren die Welt des Gamings umkrempelten.
Seit 1998 liefern sich Terraner, Zerg und Protoss in "Starcraft" unerbittliche Schlachten.
Seit 1998 liefern sich Terraner, Zerg und Protoss in "Starcraft" unerbittliche Schlachten. (©Screenshot TURN ON 2018)

Blizzards Hit "Starcraft" sorgte 1998 dafür, dass Echtzeit-Strategiespiele massentauglich wurden. Nach dem Motto "Easy to learn, hard to master" begeistert das Spiel bis heute Millionen Spieler. Hier erfährst du, wie dieses Meisterwerk zuerst beinahe an mir vorbeiging und wie ich online so richtig verhauen wurde.

Es war das Jahr 2000 und Blizzards Marketing-Kampagne für "Diablo 2" lief auf Hochtouren. Ich hatte es endlich geschafft, genug Taschengeld anzusparen, um mir das Hack-and-Slay-Game beim einzigen Spielehändler meiner Kleinstadt zu kaufen. Angekommen bei dem Ladengeschäft kam die große Enttäuschung: Alle Exemplare waren ausverkauft und eine neue Bestellung würde ewig dauern. Aber ich wollte nicht mit leeren Händen gehen und schnappte mir daher einfach das nächst beste: Die "Bestseller-Box" von Blizzard.

Da war neben "Starcraft", "Starcraft: Broodwar" und "Warcraft 2", von denen ich bisher nichts gehört hatte, wenigstens "Diablo 1" drin. Damit habe ich mich dann schnell aufs Rad geschwungen, bin nach Hause gehetzt, habe die CD ins Laufwerk geschmissen – und wurde mächtig enttäuscht: Das Spiel war vollständig auf Englisch. Heute spiele ich meine Spiele fast ausschließlich im Original, aber als 13-Jähriger war mein englischer Wortschatz einfach noch zu begrenzt.

Frustriert nahm ich die CD wieder aus dem Laufwerk und entschied mich dafür, dem Spiel mit dem auf der Hülle abgebildeten Alien eine Chance zu geben. Wie sich herausstellen sollte eine gute Wahl, die einen großen Einfluss auf meine Jugend haben sollte.

Blizzard-Cinematics – einfach unglaublich

Erstmal musste ich mich thematisch auf einen Wechsel von Fantasy auf Science-Fiction umstellen. Beim Starten von "Starcraft", das damals bereits zwei Jahre auf dem Buckel hatte, erwartete mich aber eine für damalige Verhältnisse bombastische Intro-Sequenz, die mich sofort auf das Weltraum-Setting heiß machte.

Ich war total begeistert. Es war das erste Mal, dass ich eine so gut animierte Videosequenz gesehen hatte. Auch die späteren Videos der Kampagnen haben mich damals echt umgehauen, und Blizzard ist sich bei diesen Cinematics bis heute treu geblieben. Egal, ob "Starcraft", "Warcraft", "Diablo" oder auch "Overwatch": Die Animations-Sequenzen von Blizzard setzen Maßstäbe und sind für mich jedes Mal aufs Neue beeindruckend.

Das Grundprinzip der Echtzeitstrategie verpackt in interessante Missionen

Während der damals üblicherweise langwierigen Installation hatte ich ein wenig Zeit, mir die Bilder auf der CD-Hülle anzusehen und die Anleitung zu studieren. Auf den Bildern sah das Game ziemlich wuselig aus. "Starcraft" war ein waschechtes Strategiespiel, bei dem ich nicht nur einen Charakter steuern sollte, sondern gleich mehrere. Damit hatte ich bisher noch gar keine Erfahrung.

Beim ersten Spielen der Kampagne muss chronologisch gespielt werden: Erst Terraner, dann Zerg und schließlich Protoss. fullscreen
Beim ersten Spielen der Kampagne muss chronologisch gespielt werden: Erst Terraner, dann Zerg und schließlich Protoss. (©TURN ON/Screenshot 2018)
Statt einem Charakter in "Diablo 2" durfte ich gleich mehrere Dutzend Einheiten steuern fullscreen
Statt einem Charakter in "Diablo 2" durfte ich gleich mehrere Dutzend Einheiten steuern (©YouTube/Falcon Paladin 2018)

Im Menü der Kampagne begrüßten mich dann die drei ikonischen Völker: Terraner, Zerg und Protoss. Nach dem Tutorial bekam ich ein erstes Briefing und durfte endlich meine erste eigene Mission starten. Die Geschichte in "Starcraft" wird über die Briefings, Dialoge während der Missionen und Videosequenzen erzählt. In meiner ersten Mission triftt man auch auf einen Charakter, der sogar noch in "Starcraft 2" lange im Mittelpunkt steht: Jim Raynor. Raynor ist kein gewöhnlicher Marine, sondern fährt ein Hoverbike das Minen legen kann. Auf insgesamt zehn Missionen begleitete mich Raynor bei den Schlachten gegen die Zerg.

Das Grundprinzip der Einsätze lautet meistens: Basis aufbauen, Einheiten herstellen, weitere Ressourcen erschließen und den Gegner am Ende hoffentlich besiegen. Gelegentlich sind aber auch Missionen dabei, in denen ich keine Basis besitze und somit keine Einheiten nachbauen kann. Der Verlust einer einzigen Einheit kann hier über Sieg und Niederlage entscheiden. Die "Starcraft"-Profis sprechen hier von Micromanagement oder Micro. Weiterhin gibt es Verteidigungsmissionen, bei denen ich eine gewisse Zeit überleben muss, bevor ich vom Gegner überrannt werde oder Zweifrontenkriege, bei denen ich gleichzeitig zwei Seiten verteidigen muss. Die Kampagne ist also äußerst vielfältig.

Strategie-Klassiker "Starcraft": Vielseitigkeit & Balancing waren beispiellos

Eine Verteidigungsmission: Kann ich noch der Zerg-Invasion noch 90 Sekunden standhalten? (© 2018 TURN ON Screenshot)

Die zusätzlichen Zerg- und Protoss-Kampagnen sind von der Missionsgetaltung ähnlich, spielen sich aber aufgrund der unterschiedlichen Eigenschaften der Alien-Rassen komplett anders. Vor allem das finde ich bis heute beeindruckend. Obwohl die Rassen so unterschiedlich sind, scheinen sie trotzdem relativ gut ausbalanciert zu sein.

Natürlich dominieren einige Rassen im Spielverlauf immer Mal wieder, aber "Starcraft" und "Starcraft 2" gehören für viele Gamer nicht umsonst zu den am besten ausbalancierten Spielen überhaupt. In "Starcraft" habe ich damals online fast ausschließlich mit Terranern gespielt, da diese meiner Meinung nach sehr eingängige Mechaniken aufweisen. In "Starcraft 2" bin ich dann schließlich zu den Protoss umgeschwenkt. Auch an mein erstes Online-Match kann ich mich noch ganz genau erinnern...

Ist die Leitung frei? Vorbereitung auf mein erstes Online-Match

Nachdem ich mich über mehrere Wochen mit den Rassen und ihren Einheiten vertraut gemacht und etliche Partien gegen die KI gespielt hatte, glaubte ich schließlich, bereit für meine erste Online-Partie zu sein. Damals steckten Internet und Online-Gaming noch in den Kinderschuhen – allein die Möglichkeit, dass ich gegen jemanden spielen konnte, der nicht im gleichen Raum saß wie ich, war für mich unglaublich.

Aber ein Online-Match wollte gut geplant sein: Zuerst musste beispielsweise sichergestellt werden, dass niemand einen wichtigen Anruf erwartete: Mit unserem 56k-Modem konnten wir damals zuhause nämlich entweder nur telefonieren oder nur im Internet surfen.

Auch die übrigen Vorbereitungen für ein einziges Spiel dauerten ewig: Die Funktionen der Multiplayer-Plattform Battle.net waren damals noch rudimentär und es war gar nicht leicht ein Match zu finden. Nach ein paar Versuchen befand ich mich aber schließlich in einer Spiel-Lobby. Ich entschied mich natürlich für die Rasse der Terraner und mein Gegner wählte die Zerg.

Niederlage im Zeitraffer: Ein Zergling kommt selten allein

Das Match begann: Ich konzentrierte mich auf den Basenbau, wollte später expandieren und den Zerg mit meiner Lieblingseinheit, den Belagerungspanzern, überrollen. Mein Versorgungsdepot stand, der Abbau der Mineralien lief gut und mein erster Marine verließ die Kaserne. Dann die böse Überraschung:

Sechs Zerglinge rauschten in meine Basis, mein Marine versuchte noch verzweifelt sich zu wehren und schaffte es sogar fast einen der Feinde mit in den Tod zu reißen – aber vergebens. Der zweite Marine kam zu spät aus der Kaserne und ihn ereilte das gleiche Schicksal. Danach durfte ich dabei zusehen, wie die Viecher nach und nach mein Versorgungsdepot zerstörten. Meine Einheitenproduktion wurde lahmgelegt. Meine Basis brannte. Kurz darauf konnte ich lesen: Sie haben verloren.

Online-Multiplayer: Kurzes Vergnügen dank "5pool"-Strategie

Das war also mein erstes Multiplayer-Spiel in "Starcraft". Online und Offline waren offensichtlich ein Unterschied wie Tag und Nacht. Ich musste daraufhin noch viele Niederlagen einstecken, bevor ich mein erstes Match gewinnen konnte. Damals wusste ich nicht einmal genau, warum ich verloren hatte, heute kann ich das ganz trocken analysieren – mein Gegner nutzte die klassische "5pool"-Strategie:

Der Zerg hatte mit nur 5 Nahrungseinheiten direkt einen Brutschleim-Pool gebaut, der ihm die Produktion von Zerglingen ermöglichte. Zerglinge benötigen kaum Nahrung und lassen sich schnell produzieren. Er stürmte dann umgehend mit ihnen in meine Basis, schaltete meine einzige Verteidigung aus, zerstörte mein Depot, sodass ich aufgrund fehlender Nahrung keine weiteren Einheiten produzieren konnte ("Supply Block") und gewann so das Spiel.

Könnte knapp werden: Im Kampf gegen die Hydralisken haben hat meine Armeen ganz schön gelitten. (© 2018 TURN On Screenshhot)

Das Meistern von "Starcraft" und "Starcraft 2" kann mittlerweile durchaus als  Wissenschaft bezeichnet werden: Es gibt feste Baureihenfolgen ("Buildorders"), Standard-Strategien, Timings für den Einsatz spezieller Taktiken und so weiter. Diese Mechaniken sind zwar leicht zu lernen, aber sie zu meistern benötigt viel Zeit. Eine gefühlte Ewigkeit habe mittlerweile auch ich in das Game gesteckt, um einigermaßen gut zu spielen – trotzdem agiere ich noch meilenweit entfernt von den Fähigkeiten professioneller Spieler.

"Starcraft 2": Auch der Nachfolger fesselte mich wieder

Das originale "Starcraft" aus dem Jahr 1998 hat mich in meiner Jugend unzählige Stunden gefesselt und wurde später von "Warcraft 3" abgelöst. "Starcraft" war mir ein guter Lehrer und so fiel es mir recht leicht, auch in dem Fantasy-Strategiespiel schnell auf relativ hohem Niveau zu spielen. 2010 bin ich dann wieder direkt zum Release in "Starcraft 2" eingestiegen.

Blizzard hatte mit der Fortsetzung mal wieder gute Arbeit geleistet, ich fühlte mich durch "Starcraft 2" wieder in meine Jugend zurückversetzt. Im Storytelling hatten die Entwickler aber einiges dazugelernt und die Kampagne der Terraner riss mich erneut in ihren Bann.

Online habe ich sogar noch einige Zeit ganz gut bis zur Platin-Liga mitspielen können – Ambitionen in höhere Bereiche zu gelangen, hatte ich dann aber nicht mehr. Das Micromanagement und die taktische Tiefe waren mir einfach zu aufwändig.

Ohne Blizzard gäbe es kaum Esport für Strategen

"Starcraft 2" ist im Bereich Esports ein echtes Zugpferd. Der große Erfolg ist dem Vorgänger zu verdanken. (© 2018 Blizzard)

Und wo wir gerade beim Thema sind: Neben beiden "Starcraft"-Teilen und "Warcraft 3" fallen mir auch keine nennenswerten Esport-Titel im Bereich Echtzeitstrategie ein. Ohne die Pionierarbeit durch diese Titel (und "Counter-Strike" bei den Ego-Shootern) wäre der Esport wohl nicht da, wo er jetzt ist.

Ach "Starcraft", wir hatten damals eine echt schöne Zeit miteinander und mit "Starcraft 2" hatten wir auch noch unseren zweiten Frühling. Gerne denke ich an die unzähligen Stunden mit dir zurück und gelegentlich juckt es mich noch immer in den Fingern, mal wieder eine kleine Partie zu starten.

'Starcraft' spielen

Mittlerweile kann man das ursprüngliche "Starcraft" kostenlos spielen, "Starcraft Remastered" dagegen wurde mit verbesserter Grafik veröffentlicht. Auch "Starcraft 2" ist seit 2017 im Free-to-play-Modell spielbar.

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