Meinung

Spielejahr 1998: Warum ich "Frankreich '98" bis heute im Ohr habe

In unserer Reihe zum Spielejahr 1998 besprechen wir jeweils eines der bahnbrechenden Spiele, die vor mittlerweile 20 Jahren die Welt des Gamings umkrempelten.
Das waren noch Zeiten: "Frankreich '98" war ein ganz besonderes Sportspiel.
Das waren noch Zeiten: "Frankreich '98" war ein ganz besonderes Sportspiel. (©TURN ON 2018)

Mit "Frankreich '98" erschien im WM-Jahr 1998 ein Spezial-Ableger des regulären "FIFA"-Fußballsimulators. Erstmals ließ sich eine Weltmeisterschaft mit offiziell lizenzierten Fußballern nachspielen – in 3D! Für mich war das Spiel damals eine Demonstration der Power von Sonys PlayStation – vor allem wegen eines ganz bestimmten Details.

Was ein Titelsong für den Wiedererkennungswert eines Videospiels tun kann, demonstrierte "Frankreich '98 – Die Fußball-Weltmeisterschaft" anhand eines zerstörerischen Ohrwurms, der bei jedem Spielstart und in den Menüs unüberspringbar abgespielt wurde: "I get knocked down, but I get up again..." schrammelte die britische Punkband Chumbawamba mir mit dem Titelsong "Tubthumping" immer wieder blechern aus den Lautsprechern meines Röhrenfernsehers entgegen.

"Frankreich '98" zeigte auf der PS1, wo es hingehen würde

Gleichzeitig zeigte das Intro mir damals die klare Leistungs-Differenz zwischen der PlayStation und der ebenfalls weit verbreiteten N64-Version auf: Da die PS1 über ein CD-Laufwerk verfügte, konnten zur Musik "echte" Videosequenzen eingeblendet werden – im Vorspann verwandelten sich so menschliche Figuren in kantige Polygon-Fußballer, die aber tatsächlich Original-Trikots trugen. Angeberisch wurde in der PS1-Version aus dem hässlichen Kuchenmenü zur Spielauswahl sogar eine glänzende CD.

"Frankreich '98" auf PS1: Ein Traum in 4:3. (© 2018 Youtube / DannyDaddel)

EA hatte im Jahr vor der Fußball-WM die entsprechende FIFA-Lizenz erworben. Auch wenn man damals technisch noch weit davon entfernt war, Figuren zu erschaffen, die sich optisch wirklich voneinander unterscheiden ließen, sahen immerhin die Trikots nun aus wie in echt (wenn man diese mit viel zu viel Stärke in die Waschmaschine gepackt hätte). Noch dazu war es damals noch ein Novum für ein WM-Game, dass sämtliche Spieler Original-Namen trugen: Von Klinsmann über Bierhoff, Möller, Hamann und Sammer, bis hin zu Andy Köpke – alle waren sie dabei.

Die Steuerung: Seit damals fast gleich geblieben

Meine Begeisterung für Fußball im Allgemeinen hielt sich 1998 noch stark in Grenzen, aber immerhin startete Deutschland damals als amtierender Europameister ins Turnier. So erkläre ich mir im Nachhinein die Tatsache, dass ich "Frankreich '98" damals bis zum Umfallen gezockt habe und sich das Grundverständnis für die "FIFA"-Steuerung seitdem – trotz fehlender Analog-Sticks – tief in mein Muskelgedächtnis eingebrannt hat.

Geschichte

  • Seit 1993 veröffentlicht EA Canada die Videospielreihe "FIFA". Der erste Titel der Reihe hieß "FIFA International Soccer" und erschien als Exklusivspiel für Sega Mega Drive. Erst später wurde der Titel auf den PC und andere Plattformen portiert.
  • Seither ist in jedem Jahr ein Titel der Hauptreihe erschienen. Zusätzlich wurden zu Europa- und Weltmeisterschaften passende Spiele veröffentlicht.
  • Zur Weltmeisterschaft 2018 verzichtete EA erstmals darauf, ein eigenständiges Spiel zum Turnier herauszubringen. Stattdessen wurde ein kostenloses Update zum Thema veröffentlicht.
  • Unabhängig von der Hauptreihe sind mit "FIFA Street", "Bundesliga Stars" und Free-to-play-Titeln wie "FIFA Online" oder "FIFA World" unterschiedlich thematisierte Ableger bei EA erschienen.

Wie schon "FIFA '97" und "FIFA '98", das man keinesfalls mit diesem Titel verwechseln sollte, wartete "Frankreich '98" mit einer 3D-Engine auf und hatte einige Spieler-Animationen auf Lager, die sich ständig wiederholten, egal welche Mannschaft oder welche Spieler gerade zu sehen waren – im Nachhinein ist das zum Schießen lustig anzusehen. Damals kam mir das ungeheuer realistisch vor. Ebenso revolutionär fühlte es sich an, dass man in diesem Game tatsächlich während einem Spiel die Mannschaftstaktik verändern konnte. Heute ist das völliger Standard.

Klassische Spiele im Sepia-Look: Kult, den keiner wollte

Für "echte" Fußball-Fans waren wahrscheinlich auch die Bonus-Modi reizvoll, in denen man, teils in stimmungsvoller Monochrom-Optik, klassische WM-Spiele wie das legendäre "Wunder von Bern"-Finale von 1954 nachspielen konnte. Je nach Ära wurden sogar die Outfits der Spielfiguren leicht angepasst – etwa mit kurzen und engen Sporthosen in den 1970-er Jahren. Für mich war dieser Modus damals völlig uninteressant, wie offenbar für viele andere auch: Spätere "FIFA WM"-Games ließen dieses Feature wieder vermissen.

Der Sound von '98: Hansch, Poschmann & Punkrock

Ganz und gar nicht uninteressant, sondern mindestens ebenso einprägsam wie die Titelmusik von "Frankreich '98" war das traumhafte Kommentatoren-Duo: Wolf-Dieter Poschmann und Werner Hansch, in meinen Ohren der Märchenonkel der Fußball-Übertragungen, wiederholten sich zwar ständig, waren aber dennoch auf sympathische Weise unaufdringlich. Manchen Fußball-Games gelingt das bis heute nicht immer.

Damals entschied Frankreich die WM im eigenen Land für sich, das hat seitdem keine andere Fußballnation mehr geschafft. Und auch kein "FIFA"-Spiel konnte – allen Innovationen zum Trotz – bei mir persönlich wieder einen so starken Eindruck hinterlassen wie es damals "Frankreich '98" schaffte – auch wenn es seitdem natürlich weitaus bessere Teile gab.

Oder lag es vielleicht doch am Song...?

Unser Gaming-Topjahr 1998

Alle Rückblicke aus unserer Reihe auf einen Blick findest Du in unserer Übersicht.

Artikel-Themen
close
Bitte Suchbegriff eingeben