Meinung

Spielejahr 1998: Wie "Metal Gear Solid" Stealth-Action neu definierte

In unserer Reihe zum Spielejahr 1998 besprechen wir jeweils eines der bahnbrechenden Spiele, die vor mittlerweile 20 Jahren die Welt des Gamings umkrempelten.
"Metal Gear Solid" für PlayStation revolutionierte das Action-Adventure-Genre.
"Metal Gear Solid" für PlayStation revolutionierte das Action-Adventure-Genre. (©Konami 2018)

Nimm alles, was Du über Taktik-, Action-, Adventure-Spiele, vielleicht sogar Games generell bis zu dem Punkt wusstest – und vergiss es. Konamis damaliger, kongenial verschrobener Designer Hideo Kojima brachte mit "Metal Gear Solid" den spielbaren Film auf ungeahnte Weise in den Gaming-Mainstream. So verwirrte und faszinierte er gleichermaßen die Massen.

Solid Snake, der Held aus "Metal Gear Solid", mutet mit seinem bulligen Aussehen, Tarnanzug und breitem Stirnband wie ein Undercover-Rambo-Klon an. Als sich Spieler aber im September 1998 in das Espionage-Adventure stürzten, erwartete sie etwas ganz anderes: ein von Taktik, Tarnung und manchmal groteskem Humor geprägter Action-Titel mit Hirn.

Eine Legende nimmt ihren Lauf

Die "Metal Gear Solid"-Handlung spielt im (damals futuristischen) Jahr 2005 auf einer verlassenen Insel in Alaska, Shadow Moses Island. Hier befindet sich eine Anlage (angeblich) zur Entsorgung von Nuklearwaffen, die von rebellierenden Mitgliedern der Spezialeinheit Foxhound eingenommen wird. Die genetisch modifizierten Soldaten unter der Leitung des charismatischen Liquid Snake fordern eine Milliarde Dollar und die Überreste des Kriegshelden Big Boss, auch bekannt als Naked Snake. Seine DNS benötigen sie, um übermächtige Genomsoldaten zu erschaffen.

Um ans Ziel zu kommen, schrecken die Rebellen auch nicht vor dem nuklearen Krieg zurück und drohen, den riesigen Mecha (Kampfroboter) Metal Gear Rex einzusetzen: Die Zerstörungsmaschine kann weltweit mit Atomwaffen zuschlagen. Um das zu verhindern, wird der ehemalige Elitesoldat Solid Snake aus dem Ruhestand geholt und nach Shadow Moses geschickt. Hier setzt das Spiel ein.

Wenn Dialoge noch wichtiger sind als Action

Solid Snake muss die Basis unbemerkt infiltrieren und Foxhound ausschalten. Dabei steht er in konstantem Funkkontakt mit diversen Teammitgliedern, die ihm bei der Mission helfen sollen: Snakes Ex-Vorgesetzter Colonel Roy Campbell, Medizinerin Naomi Hunter, Waffenexpertin Nastasha Romanenko und einigen weiteren Charakteren. Hier lag ein besonderes Novum der Spielereihe: In allen erdenklichen Situationen piepste das Intercom und Snake wurde in teilweise minutenlange Gespräche mit seinen Unterstützern verwickelt.

Damals war das Spieldesign der großen Blockbuster meist noch auf schnelles, kurzlebiges Entertainment ausgelegt. Diese ganz neue Gangart stieß manchen vor den Kopf, aber die Unterredungen waren so gekonnt geschrieben und eingesprochen, dass sie integraler Teil des Spielverlaufs wurden. Man hing förmlich an den fast unbeweglichen Lippen der schlichten Figurenzeichnungen. Deren Gespräche unterbrachen den Spielfluss zwar, sorgten aber für noch mehr Tiefe und emotionale Bindung an die Helden.

1987 startete Solid Snake seinen Feldzug in "Metal Gear" – damals auf dem MSX2-Computer. (© 2015 YouTube/DarkEvil87)

Die Detailverliebtheit machte "Metal Gear Solid"  zum Hit

Das knallharte Spionage-Action andeutende Design war also eigentlich nur ein roter Hering. Es ist aber nicht nur das auf Stealth-, also Tarntaktik ausgelegte Gameplay, das "Metal Gear Solid" so besonders machte. Immerhin gab es bereits zuvor Episoden für das NES und den MSX2-Computer, natürlich durch die technischen Begrenzungen in ganz anderem Gewand. "Metal Gear Solid" hingegen nutzte die erste PlayStation rund zwei Jahre nach ihrer Veröffentlichung in einem größeren Umfang, legte es also ganz auf kinoreife Inszenierung in 3D an.

Letztlich war es Hideo Kojimas Detailverliebtheit, die den Kult um das Spiel befeuerte. So liefen etwa bei Solid Snakes ersten Schritten auf dem Bildschirm immer noch Entwickler-Credits über den Bildschirm. Eine simple Idee, die aber zeigte: Du hast es hier nicht mit einem einfachen Taktikabenteuer in Schlauchlevels zu tun. Die Wachen reagierten außerdem nicht nur auf Sichtkontakt, sondern auch auf Geräusche oder etwa in Wasser oder Schnee hinterlassene Fußspuren. Damals revolutionär – solche Mechaniken nutzt heute fast jedes Action-Adventure, von "Uncharted" bis "Horizon: Zero Dawn".

Die vermummten Fußsoldaten waren zwar nicht die hellsten Kerzen der Spielgeschichte, zeigten aber auch eigene, sehr menschliche Züge, mussten niesen, unterhielten sich, wurden müde. "Metal Gear Solid" erschuf mit solchen Nuancen ein in weiten Teilen glaubwürdiges, in sich schlüssiges Universum, so wie es eben ein guter Kino-Blockbuster schafft. Als größte Inspiration nannte Hideo Kojima den 1963er-Film "Gesprengte Ketten" über einen Massenausbruch aus einem Kriegsgefangenenlager während des Zweiten Weltkriegs. In einem Interview mit IGN sagte er: "Das Kriechen durch Tunnel, die nervenaufreibende Flucht vor den Suchscheinwerfern – das wollte ich in ein Spiel packen."

Niemand hat so geniale Bosse in petto wie "Metal Gear Solid"

Was "Metal Gear Solids" Status als Blockbuster zementierte, waren die Bossgegner. Die exzentrischen und übermenschlich begabten Foxhound-Rebellen hatten alle einen ganz eigenen Charakter und individuelle Techniken im Repertoire. Keine Konfrontation glich der anderen. Ob das Schussgefecht mit Revolver Ocelot, die Auseinandersetzung mit dem mysteriösen Ninja Grey Fox oder das emotionale Scharfschützenduell mit Sniper Wolf – die Bosse sind das unbestrittene Highlight des Spiels.

Besonders beim Duell mit dem schmalen Gasmaskenträger Psycho Mantis zogen die Entwickler alle Register. Der Bösewicht scannt die Speicherkarte auf andere Konami-Spielstände und lässt entsprechende Sprüche los. Mit dem Rumble-Feature der DualShock-Controller lässt er sie über den Boden poltern und kann am Ende nur besiegt werden, wenn der Spieler an seiner PlayStation den Controller vom ersten in den zweiten Port umsteckt. Zack, sind Psycho Mantis' Gedankenleserfähigkeiten dahin und der Kampf schnell gewonnen. Einer der kreativsten Bosskämpfe der Videospielgeschichte.

Ein Stück unsterbliche Videospielgeschichte

Am Ende ging "Metal Gear Solid" in unzählige Bestenlisten von Spielezeitschriften des Jahres ein und wird bis heute von Gamern im Herzen getragen. Mehr als sechs Millionen Exemplare wurden verkauft und "MGS" prägte auch die Popkultur. Der schrille Alarmton, gepaart mit dem roten Ausrufungszeichen beim Entdecktwerden durch Söldner, ist in unzähligen Memes verewigt. Ebenso der Pappkarton, in dem sich verzweifelte Spieler in aussichtslosen Momenten (fast immer erfolglos) verstecken konnten. Der schräge Humor und das Durchbrechen der Fourth Wall, also das direkte Ansprechen des Spielers durch die virtuellen Figuren, machten "Metal Gear Solid" in Kombination für die damalige Zeit einfach einzigartig.

2001 setzte Hideo Kojima mit "Metal Gear Solid 2: Sons of Liberty" noch einen drauf und schoss bei der philosophischen Ausrichtung und überkomplizierten Geschichte für viele übers Ziel hinaus. Umso schöner, geradliniger und visionärer wirkt "Metal Gear Solid" heute. Die Untertöne aus Kritik an Wissenschaft, Gentechnik und automatisierter Kriegsführung sind heute so aktuell wie vor 20 Jahren. Welches Spiel kann das schon behaupten?

Fakten zu "Metal Gear Solid"

  • "Metal Gear Solid" wurde insgesamt über sechs Millionen mal verkauft
  • Ende 2000 erschien das Game auch für Windows-PC
  • Im Jahr 2004 wurde eine erweiterte Version für den Nintendo Game Cube veröffentlicht
  • Sprecher David Hayter, die Stimme von Snake, schrieb unter anderem das Drehbuch für den Kinofilm "X-Men" (2000)
  • Im Herbst 2012 wurde verkündet, dass es einen "Metal Gear Solid"-Live-Action-Kinofilm geben solle. "Kong: Skull Island"-Regisseur Jordan Vogt-Roberts arbeitet zurzeit an dem Projekt

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