Meinung

Spielejahr 1998: Wie "Star Wars: Rogue Squadron" Fanträume wahr machte

In unserer Reihe zum Spielejahr 1998 besprechen wir jeweils eines der bahnbrechenden Spiele, die vor mittlerweile 20 Jahren die Welt des Gamings umkrempelten.
Einmal sein wie Luke Skywalker! "Star Wars: Rogue Squadron" macht's möglich.
Einmal sein wie Luke Skywalker! "Star Wars: Rogue Squadron" macht's möglich. (©LucasArts/TURN ON 2018)

Mit "Star Wars: Rogue Squadron" gelang den Entwicklern von Factor 5 und LucasArts vor 20 Jahren ein genialer Spagat zwischen Fan-Service und grandiosem Gameplay. Warum der Klassiker auch heute noch Spaß bringt und welcher Missionstyp mich im X-Wing-Cockpit das Fürchten gelehrt hat, liest Du in diesem Rückblick.

Als im vergangenen Jahr "Star Wars: Battlefront 2" erschien, sprachen alle über Mikrotransaktionen und wie sie den Spielspaß des Shooters minderten. Dabei ging fast ein bisschen unter, dass ein Aspekt von EAs Lizenz-Shooter trotz aller Mängel schon höllisch Laune machte: die Flugeinlagen! Sich im Cockpit eines Rebellen-Jägers hinter einen Tie-Fighter zu klemmen und aus allen Rohren zu feuern, war rasant, aufregend – und rief Erinnerungen an ein fast 20 Jahre altes Spiel wieder wach, das den spielerischen Grundstein für die Hochglanz-Luftgefechte legte.

"Star Wars: Rogue Squadron", das in Europa im Dezember 1998 als "Rogue Squadron 3D" für den PC erschien und wenig später auch auf dem N64 abhob, war nicht das erste Spiel, in dem die Spieler sich als Piloten in den Kult-Raumschiffen aus einer weit, weit entfernten Galaxis verdingen durften. Diese Ehre gebührt dem 1993 erschienenen "Star Wars: X-Wing", das sich als dezidierter und entsprechend komplexer Raumkampf-Simulator verstand. Das vom deutschen Entwickler Factor 5 in Zusammenarbeit mit LucasArts entwickelte Game schaffte es 1998 aber, das berühmt-berüchtigte "Star Wars"-Abenteuerfeeling mit 3D-Landschaften und simplem Arcade-Gameplay besser als je zuvor einzufangen.

Mit Luke Skywalkers Fliegerstaffel in luftiger Mission

Dabei musste "Rogue Squadron" auf seine vermeintlich größte Stärke – die "Star Wars"-Filme und ihre ikonischen Momente – zunächst verzichten lernen: Weil LucasFilm die klassische Trilogie nicht als Szenario für ein Videospiel hergeben wollte, orientierte sich Factor 5 an einer weniger bekannten, zwischen "Episode 4: Eine neue Hoffnung" und "Episode 5: Das Imperium schlägt zurück" spielenden Comic-Reihe um eine von Luke Skywalker angeführte Fliegerstaffel. Im Nachhinein betrachtet ein Glücksgriff, nicht nur für "Rogue Squadron": Die besten "Star Wars"-Games erzählten schließlich auch später immer eigene Geschichten.

Im Grunde basierte die gesamte Spielidee von "Rogue Squadron" letztlich auf einem einzigen ikonischen Level aus dem 1996 erschienenen Third-Person-Shooter "Shadows of the Empire", in dem man im Snowspeeder die Schlacht um Hoth nachspielen konnte. Um sich vom Raumkampf-Setting der "X-Wing"-Games abzusetzen und die damals brandneue 3D-Landschafts-Engine von Factor 5 zum Glänzen zu bringen, führte "Rogue Squadron" die Spieler in der Rolle von Luke Skywalker auf verschiedene Planeten des "Star Wars"-Universums.

Luke Skywalkers Rogue-Staffel verfügt über ein breites Arsenal an Flugzeugen – darunter der als "Snowspeeder" bekannte Gleiter, ... fullscreen
Luke Skywalkers Rogue-Staffel verfügt über ein breites Arsenal an Flugzeugen – darunter der als "Snowspeeder" bekannte Gleiter, ... (©LucasArts/TURN ON 2018)
... und der klassische X-Wing. fullscreen
... und der klassische X-Wing. (©LucasArts/TURN ON 2018)

Auf realistische Flugeigenschaften verzichteten X-Wing, A-Wing, Y-Wing und Co. dabei: Intuitives Gameplay und eine Steuerung, dank der selbst ein damals Neunjähriger wie ich seinen Jäger jederzeit im Griff hatte, sind das Mittel der Wahl – und das sorgt für fantastische Momente.

Arcade-Luftkämpfe als gekonnter Fan-Service

Bei der Verfolgung eines Tie-Jägers haarscharf am Boden vorbeizuschrammen, mit einer waghalsigen Rolle aus dem Sperrfeuer seiner Kollegen zu tauchen und nebenbei einen AT-ST am Boden mit Blasterfeuer und einer Rakete zu zerlegen – natürlich akustisch unterstützt durch atmosphärischen "Pilotenfunk" und den klassisch-orchestralen "Star Wars"-Sound von Games-Komponist Chris Hülsbeck – fühlt sich selbst 20 Jahre später noch großartig an. Trotz der weniger vertrauten Comic-Vorbilder lässt "Rogue Squadron" dabei wenig Gelegenheiten aus, um Fans der Filme ihre kühnsten Piloten-Träume zu erfüllen: Von waghalsigen Zweikämpfen mit den Schergen des Imperiums über das Fesseln gigantischer AT-ATs mit Drahtseilen bis hin zu Sabotage-Aktionen in luftiger Höhe bleiben keine Wünsche offen.

Die schnellen Tie-Jäger verfolge ich am besten im flinken A-Wing. fullscreen
Die schnellen Tie-Jäger verfolge ich am besten im flinken A-Wing. (©LucasArts/TURN ON 2018)
Die Tie-Bomber richten großen Schaden an Gebäuden und Transport-Fahrzeugen an. fullscreen
Die Tie-Bomber richten großen Schaden an Gebäuden und Transport-Fahrzeugen an. (©LucasArts/TURN ON 2018)

Für den Medaillenspiegel durch harte Eskort-Missionen

Zum arcadigen Gameplay passt das Medaillen-System von "Rogue Squadron", das Missionszeit, Trefferquote und andere Faktoren in Belohnungen umrechnet, perfekt. Mit mir heute unbegreiflicher Geduld spielte ich damals Einsätze wieder und wieder, um die letzten paar Sekunden rauszukitzeln oder einen Verbündeten mehr zu retten und eine begehrte Medaille in Bronze, Silber oder gar Gold einzusacken. Die Plaketten schalten neue Schiffe frei – darunter den Millenium Falcon – und sind als kleine Motivationsspritze ein Segen, der den einen großen Frustfaktor des Games auffängt: die Eskorte- und Beschützer-Missionen.

Trophäensammler kommen in "Star Wars: Rogue Squadron" voll auf ihre Kosten. Hier wardie Silbermedaille zum Greifen nah – also gleich nochmal spielen! fullscreen
Trophäensammler kommen in "Star Wars: Rogue Squadron" voll auf ihre Kosten. Hier wardie Silbermedaille zum Greifen nah – also gleich nochmal spielen! (©LucasArts/TURN ON 2018)
Gegen die Zeit: Wer die Stadt nicht schnell genug vor den Bombern schützt, verliert. fullscreen
Gegen die Zeit: Wer die Stadt nicht schnell genug vor den Bombern schützt, verliert. (©LucasArts/TURN ON 2018)
Im freispielbaren Millenium Falcon fällt die Eskorte eines Konvois etwas leichter. fullscreen
Im freispielbaren Millenium Falcon fällt die Eskorte eines Konvois etwas leichter. (©LucasArts/TURN ON 2018)

In "Rogue Squadron" muss ständig irgendein Konvoi begleitet oder irgendeine Stadt beschützt werden – und weil die KI-Kollegen mitunter nicht die hellsten sind, scheitern diese Einsätze gern wieder und wieder, bis endlich einmal jeder Abschuss und jedes Wendemanöver sitzen. Noch heute lösen Beschützer-Missionen in Games Stressreaktionen bei mir aus. Ich bin mir sicher, dass "Rogue Squadron" daran mindestens eine Teilschuld trägt.

Schummeln erwünscht: Das ist kein Cheat, das ist ein Feature!

Aber zur Not konnte man immer noch Gebrauch von der Gaming-Superwaffe der Neunziger schlechthin machen: dem Cheatcode! Eine Eingabemaske im Optionsmenü deutet recht offensichtlich an, dass es Abkürzungen und Geheimnisse zu entdecken gibt – doch wie die Codes lauten und was sich dahinter verbirgt, musste man sich damals erst einmal zusammensuchen. Dass die Schummeleien von den Entwicklern ganz offensichtlich als Teil der Spielerfahrung begriffen wurden, macht sie nur noch reizvoller: Warum sonst baut jemand wohl einen freischummelbaren Raumjäger aus dem neuesten "Star Wars"-Film (die viel gescholtene "Episode 1", die ich damals super fand – trotz Jar-Jar Binks) ins Game ein oder ergänzt einen Flugsimulator um einen spielbaren AT-ST-Walker?

Bodenständig: Mit dem richtigen Cheat stapfe ich als AT-ST durch die Wüste. Der Code ist übrigens "CHICKEN".
Bodenständig: Mit dem richtigen Cheat stapfe ich als AT-ST durch die Wüste. Der Code ist übrigens "CHICKEN". (© 2018 LucasArts/TURN ON)

"Rogue Squadron": Ein fast perfekter Arcade-Flugsimulator – nicht nur für Fans

Ich weiß heute nicht mehr, welche Teile von "Star Wars: Rogue Squadron" ich mir vor 20 Jahren nun wirklich selbst erspielt habe, was ich mir durch Cheats erschummelt habe und welche Abschnitte ich nur mithilfe von an der Tastatur begabteren Freunden freischalten konnte. Ich weiß nur, dass mir beim Wiederspielen jede einzelne Mission, jeder Dialog und jedes Schiff in irgendeiner Weise nicht nur bekannt, sondern geradezu vertraut vorkamen. Ein Game, das derart nachhaltige Erinnerungen schaffen kann, muss irgendetwas ziemlich richtig machen – und im Falle von "Star Wars: Rogue Squadron" ist das eine ganze Menge.

Unser Gaming-Topjahr 1998
Alle Rückblicke aus unserer Reihe auf einen Blick findest Du in unserer Übersicht.

Artikel-Themen
close
Bitte Suchbegriff eingeben