Wie Computerspiele uns schlauer machen

Prof. Dr. Linda Breitlauch gibt es auch als Game-Charakter, in unterschiedlichen Versionen illustriert von ihren Studenten. Hier ist sie als "Blue Minion" zu sehen.
Prof. Dr. Linda Breitlauch gibt es auch als Game-Charakter, in unterschiedlichen Versionen illustriert von ihren Studenten. Hier ist sie als "Blue Minion" zu sehen. (©shutterstock.com/angkrit 2018)

Prof. Dr. Linda Breitlauch ist davon überzeugt, dass wir zocken, weil wir herausgefordert werden wollen. Die Fähigkeiten, die wir dabei trainieren, können auch im echten Leben sehr hilfreich sein, beispielsweise auf Reisen.

TURN ON: Frau Breitlauch, unterwegs sind wir manchmal orientierungslos, müssen schnelle Entscheidungen treffen. Bei vielen Computerspielen ist das ähnlich. Können wir mit der Konsole die Fertigkeiten, die wir auf Reisen brauchen, trainieren?

Prof. Dr. Linda Breitlauch: "Man kann mit Spielen tatsächlich Dinge wie die Hand-Augen-Koordination, das räumliche und logische Vorstellungsvermögen schulen. Ich habe gerade 'Assassin's Creed' gespielt. Die Art und Weise, mit der man durch diese Welt navigiert – die zwar im Alten Ägypten spielt, heute sieht es dort nicht mehr so aus –, gleicht der, die wir brauchen, um uns in der echten Welt zurechtzufinden. Auf einer Meta-Ebene werden nützliche Orientierungsstrategien trainiert."

Computerspiele lehren uns immer etwas – die Frage ist, was

Der Lerneffekt ist also nicht direkt. Es gibt ja Leute, die behaupten, mit der Wii Tennisspielen gelernt zu haben ...

Prof. Dr. Linda Breitlauch: "Man lernt in Computerspielen immer etwas. Aber es ist nicht unbedingt das, was vorn draufsteht. Beim Shooter lerne ich nicht schießen, denn ich habe eine Tastatur und eine Maus und keine Waffe in der Hand. Bei 'Counter-Strike' lernt man in erster Linie Taktik und Teamplay. Das Räuber-und-Gendarm-Prinzip ist im Spiel eine Metapher für gute Hand-Augen-Koordination. Ich muss exakt sein und mich strategisch klug verhalten, um gewinnen zu können. Gleiches gilt für Jump-and-Run-Spiele, durch die man seine Sprungkraft ja auch nicht verbessert. Durch schnelle Actionspiele lernen wir, das haben viele Studien gezeigt, in Konfliktsituationen schnelle Entscheidungen zu treffen."

Wie muss ein Spiel beschaffen sein, das speziell mein Orientierungsvermögen schult?

Prof. Dr. Linda Breitlauch: "Zunächst mal sollte es in einem 3D-Raum stattfinden, denn das kommt unserer Welt am nächsten. Dann sollte es ein Spiel sein, bei dem ich richtig viel tun muss. Spiele wie 'Uncharted' oder 'Tomb Raider', die unterschiedliche Aktionen in hoher Geschwindigkeit herausfordern, sind da hilfreich."

uncharted-lost-legacy-scree
Games wie "Uncharted: The Lost Legacy" fordern unsere Aufmerksamkeit heraus.

Kann man spielend auch das Erinnerungsvermögen trainieren? Gemeinhin besteht ja das Vorurteil, dass allzu viel Zockerei unser Aufmerksamkeitslevel senkt.

Prof. Dr. Linda Breitlauch: "Das Gegenteil ist der Fall. Man weiß, dass Spielen die kognitiven Fähigkeiten erhöht. In einer Langzeitstudie der Charité in Berlin wurde nachgewiesen, dass Computerspiele tatsächlich intelligenter machen. Aber wir müssen nicht diskutieren, dass ich, wenn ich zwölf Stunden täglich 'World of Warcraft' zocke, andere Fähigkeiten vernachlässige."

Zur Person

Linda Breitlauch, 51, Medienwissenschaftlerin, wurde 2007 Europas erste Professorin für Game-Design, baute in Düsseldorf den entsprechenden Studiengang auf und lehrt seit April 2014 Intermedia Games an der Hochschule Trier. Publiziert hat sie unter anderem zu Computerspielen als Therapie und über deren Effekte auf unser Lernen. Ihr Credo: "Spielen macht schlau!"

Gerade Spiele wie "World of Warcraft" fördern soziales Miteinander

Zum Beispiel soziale Kompetenzen?

Prof. Dr. Linda Breitlauch: "Interessanterweise sind gerade die Spiele, denen die Tendenz zum Eskapismus attestiert wird, oft diejenigen, die gemeinsam gespielt werden. Bei einem Spiel wie 'World of Warcraft' habe ich Termine mit meiner Gilde, gehe soziale Verpflichtungen ein. Es findet ein soziales Miteinander statt, unter Umständen mit Leuten am anderen Ende des Planeten."

Wenn auch "normale" Unterhaltungsspiele große Lerneffekte haben können, warum wurden dann sogenannte Serious Games entwickelt?

Prof. Dr. Linda Breitlauch: "In der Tat kann man beispielsweise bei 'Age of Empires' lernen, wie Wirtschaftskreisläufe funktionieren. In erster Linie spiele ich aber, weil es mich herausfordert und mir Spaß macht. Serious Games werden mit dem Ziel entwickelt, bestimmte Inhalte zu vermitteln. Ob das funktioniert, muss dann wissenschaftlich evaluiert werden."

gamescom-htc-vive
"VR ist wahnsinnig faszinierend und immersiv. Ich setze die Brille auf und bin woanders. Aber zum Reisen gehört eben auch das Abenteuer, erst einmal hinkommen zu müssen, unter Umständen drei Tage unterwegs zu sein, um einen Ort zu erreichen."

Simulationen erleichtern es dem Gehirn sich Prozesse zu merken

Nur weil "ernsthaft" draufsteht, muss es nicht lehrreicher sein?

Prof. Dr. Linda Breitlauch: "Wir wissen, dass 'Probehandeln' sehr lehrreich ist: etwas spielerisch in einem geschützten Raum ausprobieren zu können. Deshalb funktionieren zu Schulungszwecken eingesetzte Simulationen so gut. Wenn ich eine VR-Brille auf dem Kopf habe und für die Führerscheinprüfung übe, kombiniert mit einer spielerischen Herausforderung, etwa der Möglichkeit, Punkte für korrekte Fahrweise zu bekommen, hat das Gehirn durch die bildliche Darstellung einen viel größeren Bezug zum Geschehen und kann sich die erprobten Prozesse viel einfacher merken."

Warum werden diese Effekte so selten in Schulen genutzt?

Prof. Dr. Linda Breitlauch: "In Österreich wurde tatsächlich ein Lernspiel namens 'Ludwig' entwickelt, in dem ein kleiner Roboter mit seinem Raumschiff auf einem fremden Planeten abgestürzt ist. Um sein Schiff reparieren zu können, muss er alle möglichen Dinge tun, die im Schulunterricht der zehnten Klasse tatsächlich vorkommen: Rechnungen anstellen, Schaltkreise reparieren und so weiter. Dieses Spiel wird in Österreich seit drei Jahren mit großem Erfolg eingesetzt."

Das Handyspiel "Sea Hero Quest" hilft auf spielerische Art, Nutzerdaten zur räumlichen Orientierung für die Demenzforschung zu sammeln. Was halten Sie davon?

Prof. Dr. Linda Breitlauch: "Im Bereich Games for Health werden Daten auf sehr intelligente Art gesammelt und nutzbar gemacht. Beim Spiel 'Foldit', mitentwickelt von der University of Washington, werden Proteine gefaltet, um möglichst naturnahe Modelle zu entdecken. Es wurde vor ein paar Jahren online gestellt. Alle Nutzer waren eingeladen, sich an der Suche nach einem Protein zu beteiligen, das für Aids verantwortlich ist. Man hat die weltweite Community an Spielern, ihre Kreativität und Lust am Wettbewerb genutzt, um das Protein zu entschlüsseln – was nach zehn Tagen tatsächlich gelang."

Virtual Reality wird nie mit der Realität mithalten können

Wenn es zukünftig die Möglichkeit gibt, in einem VR-Game durch die Sixtinische Kapelle oder den Grand Canyon zu wandern, wird dann der Impuls abnehmen, diese Attraktionen real zu bereisen?

Prof. Dr. Linda Breitlauch: "Ich habe mir immer gewünscht, in VR den Mount Everest zu besteigen. Das werde ich sonst in meinem Leben nicht schaffen, weder meine Kondition noch mein Geldbeutel geben das her. Wenn ich aber generell eine Welt in VR sehe, wird meine Lust nicht abnehmen, sie real zu erleben, eher im Gegenteil. In der virtuellen Welt kann ich nichts riechen, bewege mich nicht wirklich, auch das Hörerlebnis ist nicht vergleichbar. Es bleibt ein Phänomen, das mit der echten Welt nicht mithalten kann. Dennoch ist VR wahnsinnig faszinierend und immersiv. Ich setze die Brille auf und bin woanders. Aber zum Reisen gehört eben auch das Abenteuer, erst einmal hinkommen zu müssen, unter Umständen drei Tage unterwegs zu sein, um einen Ort zu erreichen."

fold-it-screenshot
Ganz schön faltig: Proteine gehören zu den Grundbaustoffen des Lebens – und die Erforschung ihrer gefalteten Strukturen ist für die Bekämpfung von Krankheiten wichtig. Spieler von „Foldit“ (www.fold.it) können dabei helfen.

Im Spiel können wir uns auch nicht wirklich verletzen ...

Prof. Dr. Linda Breitlauch: "Es ist eben eine künstliche Welt, und das wissen wir. Aber auch dort können wir überrascht werden. In einem Rollenspiel wie 'EVE Online' bestimmen die User, was passiert. Dabei wurden von Spielern Weltraumschlachten erschaffen, die so etwas wie Weltruhm erlangt haben. Eine dieser Raumschlachten hat es sogar in das Buch 'Ready Player One' geschafft, das bereits verfilmt wurde. Und es können prozessuale Welten erschaffen werden, die unüberschaubar sind. 'No Man's Sky' ist ein Spiel, dessen Welt so groß ist, dass man sie niemals durchschreiten kann. Die Planeten in diesem Spielekosmos werden algorithmisch erzeugt, sodass selbst die Hersteller sie nicht alle kennen. Diese Welt ist immer noch künstlich, aber nicht mehr in allen Punkten vorhersehbar. Das macht sie so spannend."

Info
Diese und weitere Geschichten findest Du auch in der aktuellen Ausgabe des TURN ON Magazins 02/18, das in allen SATURN Märkten kostenlos ausliegt.

Kommentar schreiben
Relevante Themen:

Beliebteste Artikel bei Play

  • Letzte 7 Tage
  • Letzte 30 Tage
  • Alle
close
Bitte Suchbegriff eingeben