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Virtual Reality auf der Nintendo Switch ist erstaunlich okay

Labo bringt VR auf die Nintendo Switch.
Labo bringt VR auf die Nintendo Switch.

Die Nintendo Switch bekommt ein VR-Headset – dank Nintendo Labo. Aber funktioniert das Papp-Portal in die virtuelle Realität mit der schwachbrüstigen Konsole und ihrem niedrig auflösenden Handheld-Bildschirm überhaupt? Ich habe nichts erwartet und wurde positiv überrascht.

Meine Skepsis gegenüber dem Labo-VR-Kit lässt sich in Zahlen ausdrücken: 1280 mal 720. Das ist die Pixelzahl, die der Handheld-Bildschirm der Switch maximal zustande bringt – und zwar über den gesamten Bildschirm. Zum Vergleich: Sonys PlayStation VR bringt 960 mal 1080 Pixel pro Auge (!) mit (also insgesamt 1920 mal 1080) und ist nicht mal damit für besondere Bildschärfe bekannt.

Jetzt soll eine Papp-Brille plötzlich funktionierendes VR auf die Nintendo Switch holen? Ich lasse mich von Nintendos bekloppten Ideen ja gerne einwickeln, aber das schien dann doch unwahrscheinlich.

Nintendo will VR familienfreundlich machen

Der erste Blick in die virtuellen Labo-Weiten ist dann aber tatsächlich – okay. Nicht umwerfend. Nicht faszinierend immersiv. Schon gar nicht gestochen scharf. Aber ausreichend und vor allem ausreichend funktional.

Mehr will dieses Set auch gar nicht leisten, denn Labo VR ist Virtual Reality für Kinder – daran lässt Nintendo im Marketing keinen Zweifel. Mit kleinen Minispielen soll die virtuelle Realität hier einem Publikum zugänglich gemacht werden, das bislang nicht viele Berührungspunkte damit hat. Dazu passt natürlich, dass die VR-Komponenten nur die zweite Hälfte dieses neuen Labo-Erlebnisses ist.

Labo VR richtet sich explizit an Kinder. fullscreen
Labo VR richtet sich explizit an Kinder.

Wie immer bei Labo: Basteln ist (mindestens) der halbe Spaß

Am Anfang steht, wie bei den anderen Papp-Bausätzen für die Switch auch, das Aufbauen und Zusammenbasteln der "Toy-Con" genannten Spielzeuge. Herzstück des VR-Kits ist eine VR-Brille aus Pappe, die an Google Cardboard in etwas robuster erinnert und genauso funktioniert: Der Bildschirm der Switch wird in die Halterung geschoben, anschließend werden die VR-Inhalte durch eingebaute Vergrößerungslinsen angesehen. Der Aufbau geht fix und ohne Kleben, die Anleitung ist charmant, kindgerecht und läuft in anpassbarem Tempo direkt auf der Konsole.

Gut festhalten: VR-Brille ohne Gurt

Mit der Brille sind nach dem Aufbauen dann eine Reihe von Minigames spielbar. In einem steuere ich einen kleinen Roboter über eine Wiese, wobei ich mich frei umsehen kann. In einem Basketball-Game werfe ich Körbe. In einer Küche voller Utensilien stifte ich Chaos. Es gibt ziemlich viele dieser Spielchen, in denen ich allerdings jeweils nur ein paar Minuten verbringen möchte – sonderlich komplex sind sie nämlich nicht.

Gesteuert werden sie mit nur einem Joy-Con-Controller, die andere Hand hält die Brille vor die Augen. Einen Gurt zum Aufsetzen gibt es nämlich nicht, was vermutlich mit der kindgerechten Machart zusammenhängt: Zum einen wäre die vor dem Gesicht hängende Switch für einen Kindernacken wohl doch etwas schwer. Zum anderen ist die virtuelle Realität so jederzeit schnell "abschaltbar" – denn ein bisschen beängstigend ist das Abtauchen ja vielleicht schon.

Auflösung: Sichtbar niedrig, aber machbar

VR-Veteranen werden diese Zugeständnisse eher als störend empfinden, aber in Sachen Immersion muss man hier eh Abstriche machen: Die niedrige Pixelzahl ist deutlich merkbar, im Grunde habe ich den Eindruck, alles durch ein feines Fliegengitter zu betrachten. Mit der Zeit gewöhnt sich das Auge ein wenig daran, der Effekt verschwindet aber nie ganz.

Das Spielerlebnis, das ja eh nicht sonderlich umfangreich ist, wurde für mich trotzdem nicht getrübt: Für das, was Nintendo hier liefern will, ist diese technisch sparsame "VR light"-Variante völlig – ich sagte es bereits – okay. Meine ersten Worte nach dem ersten Aufsetzen würde ich daher auch über das Fazit dieses Artikels schreiben: "Das ist gar nicht so schlecht."

"... es sieht halt nur echt seltsam aus." fullscreen
"... es sieht halt nur echt seltsam aus."

Probleme mit der niedrigen Bildwiederholrate, die zu Übelkeit führen können, habe ich bei den Minispielen zunächst nicht bemerkt. Das änderte sich aber, als ich eines der mitgelieferten anderen Toy-Cons – den Blaster –aufgebaut und die mitgelieferten Games ausprobiert habe.

Nintendos Papp-Ingenieure leisten ganze Arbeit

Die orange verkleidete Wumme ist zunächst einmal ein technisches Wunderwerk aus Pappe, das Aufbauen dauert deutlich länger als bei der Brille. Gut zweieinhalb Stunden lang hören meine Kollegen von mir nicht viel mehr als das Rrrrratsch herausgelöster Stanz-Teile und gelegentliche entzückte Freudenrufe über besonders niedliche Beschreibungen in der Anleitung oder clevere Bautechniken. Am Ende halte ich ein Schieß-"eisen", das mit einer Hand wie eine Pumpgun durchgeladen und mit der anderen abgefeuert wird, während ich in die am "Kolben" befestigte VR-Brille schaue.

Der Blaster ist, wie die meisten Toy-Cons, ein ziemlich schlaues Konstrukt. fullscreen
Der Blaster ist, wie die meisten Toy-Cons, ein ziemlich schlaues Konstrukt.

Die zwei mitgelieferten Spiele sind elaborierter als die Einstiegs-Games für die Brille, aber trotzdem wenig mehr als bunte Tech-Demos. Das erste ist ein Rail-Shooter, in dem ich außerirdische Quallen und Krabben-Roboter abschieße. Im zweiten Game lade ich meine Kanone mit virtuellen Äpfeln, Weintrauben und Melonen und füttere damit die Bewohner eines Nilpferd-Beckens. Dieses Game ist zu zweit spielbar, wobei der Blaster nach jedem Schuss weitergegeben wird: Wer die meisten Hippos durch gezielte Luftfütterung "überzeugt" und in seinen farbig markierten Beckenbereich bringt, gewinnt.

Langsame Bildrate sorgt teils für Übelkeit

Da vor allem der Alien-Shooter schnelles Umschauen und Reagieren erfordert, fällt hier schon ein leichtes "Nachziehen" des Bildes auf, das bei zügigen Bewegungen zudem verschwommen wirkt. Der Effekt: Mir wird leicht schummrig und ich bin froh, dass ein Level – wohl völlig absichtlich – nur gut zwei Minuten dauert. Noch deutlicher als bei der pixeligen Auflösung zeigen sich hier die engen Grenzen von Labo VR. Das Set ist eben nicht auf langes Spielen und nicht auf komplette Immersion ausgelegt, sondern auf Virtual Reality in kurzen, bunten Häppchen.

Die Alienjagd in VR ist nur was für kurze Spielrunden. fullscreen
Die Alienjagd in VR ist nur was für kurze Spielrunden.

Labo VR auf der Switch: "Gar nicht so schlecht"

Das Labo-VR-Komplettpaket mit Brille, Blaster sowie vier weiteren Toy-Cons (darunter ein Elefant und eine Kamera) plus Spielen kostet rund 80 Euro. Die Frage, ob man diese gute Stange Geld für ein "okayes" VR-Erlebnis hinlegen will, stellt sich durchaus. Wer Kinder, eine Switch und Bock auf Basteln hat, gehört hier wohl noch am ehesten zur Zielgruppe. Wer nur neugierig ist, wie Nintendo aus der technisch nicht gerade für VR prädestinierten Switch doch noch ein einigermaßen launiges Erlebnis rausgekitzelt hat, kann sich auch nur Brille und Blaster für rund 40 Euro holen und die anderen Pappmodelle auf Wunsch dazukaufen.

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Die Brille ist das eigentliche Herzstück von Labo VR.

Für Selbermacher
Neben den Toy-Cons und passenden Minispielen enthält das Labo-VR-Set auch einen Kreativ-Modus, in dem Du Deine eigenen VR-Spiele erstellen kannst.

Ich werde am Wochenende auf jeden Fall noch ein paar Toy-Cons aufbauen und damit vermutlich mehr Zeit verbringen als mit den zugehörigen Minispielen. Ansonsten bin ich gespannt auf den VR-Modus von "Zelda: Breath of the Wild", der Ende April per Update erscheint. Die Idee, in VR nach Hyrule zu reisen, finde ich nämlich schon reizvoll – selbst, wenn das Ergebnis am Ende nur "okay" sein sollte.

Das sagt David:
Labo VR ist für mich vor allem als "proof of concept" interessant. Meine Hoffnung: Die Erkenntnis, dass die Switch eine funktionierende virtuelle Realität hinbekommt, bereitet den Boden für interessante Indie-Entwicklungen.
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