menu
Highlight

Von "Among Us" bis "Rust": Warum ältere Games plötzlich zu Hits werden

rust-among-us-tarkov
Nicht neu, dennoch ganz oben: "Rust", "Among Us" und "Escape from Tarkov". Bild: © Facepunch / Innersloth / Battlestate Games 2021

Einige Games werden nach Jahren plötzlich Verkaufsschlager. Hunderttausende Spiele-Fans schauen Streamern beim Spielen von Titeln wie "Rust", "Escape from Tarkov" oder "Among Us" zu, dabei sind diese gar nicht neu. Woran liegt das?

In letzter Zeit lässt sich immer öfter ein interessantes Phänomen beobachten: Wie aus dem Nichts beherrscht ein bis dahin mäßig beliebtes Spiel die Gaming-Szene und führt Verkaufscharts an. Andere Titel feiern urplötzlich ein Überraschungs-Comeback und sind in aller Munde, obwohl sie eigentlich schon einige Jahre alt sind und es im Grunde kaum nennenswerte Neuigkeiten gibt.

Wie kommt es, dass einige Spiele ganz plötzlich Blockbuster auf die Plätze verweisen, die deutlich mehr Marketingpower aufrufen? Die Antwort darauf ist komplex, aber fast immer spielt Livestreaming eine Rolle.

"Rust": Aus dem Nichts auf den Hype-Gipfel

Survival-Spiele, in denen Ressourcen gesammelt werden müssen um zu überleben und Ausrüstung oder Gebäude zu bauen, gibt es einige. "Rust" ist bereits 2013 in den Early Access gestartet, 2018 erschien das Game offiziell. Spieler beginnen nackt und besitzen zu Anfang nur einen Stein und eine Fackel. Später können sie sogar Fluggeräte bauen und zusammen mit anderen Spielern komplexe Strukturen errichten. Das klingt spannend, ist aber nichts, was andere Games nicht ebenso bieten.

Trotzdem ist "Rust" Anfang 2021 in aller Munde. Das hat auch mit neuen Inhalten zu tun, die Entwickler haben das Game stetig verbessert und neue Features nachgereicht. Außerdem wurde ein sogenannter "Force Wipe" durchgeführt: Ein Update erforderte das Zurücksetzen sämtlicher Spielfortschritte auf allen Servern. Positiver Nebeneffekt: Jeder muss in "Rust" von vorn beginnen – ideale Voraussetzungen für Neueinsteiger also.

Der Hauptgrund für den kometenhaften Erfolg von "Rust" sind aber große Zuschauerzahlen bei der Livestreaming-Plattform Twitch: Einige Streamer mit teils sehr vielen Stammzuschauern starteten Ende 2020 einen gemeinsamen "Rust"-Privatserver. Twitch-Promis wie Shroud (knapp 9 Millionen Follower), xQc (über 7 Millionen Follower) oder Pokimane (etwa 7 Millionen Follower) sorgten dadurch für enorme Zuschauerzahlen. Später starteten auch große spanischsprachige Streamer einen Privatserver. Darunter: TheGrefg, der mit 2,4 Millionen gleichzeitigen Zuschauern den Publikumsrekord auf Twitch hält.

Immer mehr Streamer sprangen auf den Hype auf, um Zuschauer anzuziehen und ein "Stück vom Kuchen" abzubekommen. "Rust" wurde so zum meistgeschauten Spiel auf Twitch. Dadurch wird es auch ganz vorn auf der Spieleliste der Streamingplattform aufgeführt – die entsprechende Werbewirkung ist fast unbezahlbar. Auf der Downloadplattform Steam war "Rust" in Windeseile ebenfalls der absolute Topseller. Unglaublich für ein Spiel, das über acht Jahre alt ist und dessen angekündigter Release auf Konsolen 2021 noch aussteht.

"Escape from Tarkov": Der orchestrierte Erfolg

Die Erfolgsgeschichte dieses Shooters weist Ähnlichkeiten zu der von "Rust" auf. "Escape from Tarkov" ist allerdings noch nicht mal offiziell erschienen: Seit 2017 läuft ein geschlossener Beta-Test für PC. Wer das Spiel auf der Website des russischen Entwicklers Battlestate Games kauft, erhält Zugang.

"Escape from Tarkov" ist ein Shooter mit klarem Fokus auf Realismus. Die Spieler müssen als Team ein Gebiet infiltrieren, möglichst wertvolle Beute einsammeln und es dann lebend wieder von der Karte schaffen. Der Ausgang befindet sich jedoch in jeder Runde an einer anderen Stelle. Außerdem trachten andere Spieler den Teilnehmern nach dem Leben, um Ausrüstung und Beute zu stehlen. Möglichst realistische Verletzungen und ein Permadeath-System, durch das mit dem Tod der Spielfigur sämtliche Ausrüstung verloren geht, treiben die Spannung im Spiel auf die Spitze – auch für Zuschauer.

Bereits im Januar 2020 erlebte "Escape from Tarkov" ein Spieler-Hoch: Für kurze Zeit war der Shooter das meistgeschaute Spiel auf Twitch, weil eine Reihe großer Streamer den Hype ankurbelten. Dazu nutzte Battlestate Games auch die Funktion der sogenannten Twitch Drops: Zuschauer erhalten Bonusinhalte für das Spiel, wenn sie lange genug zusehen. Außerdem warben neue Inhalte und das Zurücksetzen von Spielfortschritt gleichzeitig um alte und neue Spieler.

Zum Jahreswechsel 2021 wurde dieses Erfolgsrezept wiederholt: Ein Update, Twitch Drops und ein "Force Wipe", dazu einige Top-Streamer, die "Escape from Tarkov" spielen – schon ist der Shooter wieder an der Spitze mit dabei. Und das, obwohl er nicht mal auf den großen Online-Plattformen zum Kauf verfügbar ist.

"Among Us": Erfolgsrezept Zufall

Es ist schwer möglich ganz genau herauszufinden, welche Twitch-Streamer das Phänomen "Among Us" ursprünglich starteten, aber das simple Game entwickelte sich 2020 innerhalb kürzester Zeit zum größten Spiel weltweit.

Es handelt sich dabei um ein soziales Deduktionsspiel à la "Werwolf" oder "Mafia". Bis zu zehn Spieler müssen in "Among Us" auf kleiner Fläche eine Reihe einfacher Aufgaben abschließen, aber einige Teilnehmer arbeiten verdeckt gegen das Team. Heimlich versuchen die "Imposter", also die Hochstapler, Aufgaben zu sabotieren oder Mitspieler zu isolieren und zu töten, ohne dabei entdeckt zu werden. Immer wieder wird das Spiel angehalten und die Teilnehmer diskutieren, wer von ihnen hinter den Meuchelmorden steckt. Dann stimmen sie darüber ab, welchen Verdächtigen sie vom Spiel ausschließen.

Die Faszination von "Among Us" liegt dabei im sozialen Miteinander: Die Betrüger lügen, was das Zeug hält, während der Rest des Teams gemeinsame Strategien zur Aufklärung entwickelt. Und das Publikum fiebert mit – das perfekte Rezept für einen Livestreaming-Blockbuster!

"Among Us" ist bereits 2018 ohne großes Tamtam für Smartphones und den PC erschienen. Bis etwa Mitte 2020 war das kleine Spiel mit zweckmäßiger 2D-Grafik völlig unbekannt. Das nur dreiköpfige Entwicklerstudio Innersloth hatte das Game ursprünglich nur für Mobilgeräte konzipiert, für Spieler, die sich gemeinsam in einem Raum befinden – Online-Multiplayer war laut einem Interview mit Kotaku nicht Teil des Plans.

Doch dann verbrachten die Menschen 2020 gezwungenermaßen mehr Zeit zu Hause, die Pandemie machte Interaktion über das Internet wichtiger. Zunächst fingen Streamer in Mexiko, Brasilien und Südkorea an, "Among Us"  zu spielen. Lange war das soziale Handyspiel in diesen Ländern deutlich erfolgreicher als etwa in den USA.

Die internationale Erfolgsgeschichte kam ins Rollen, als Twitch-Streamer Sodapoppin (fast 6 Millionen Follower) "Among Us" spielte. Programmierer Forest Willard von Innersloth über den Aufstieg des Games: "Ich habe gehört, dass Pluto, der bei Twitch arbeitet, Sodapoppin davon erzählte. Und ich glaube es war ungefähr so, dass Pluto es vom Steam-Sale her kannte. Der Steam-Sale kam wegen eines Angebots von uns zustande und so weiter. Dann hat Sodapoppin Streamer wie xQc, Andy Milonakis und ein paar andere angesteckt und alle haben es einfach gespielt."

Innerhalb der Livestreaming-Blase verbreitete sich "Among Us" weiter: "Es ist interessant zu beobachten, wie es sich durch bestimmte Communitys bewegt" sagt Designer Marcus Bromander im Kotaku-Interview. "Sodapoppin und xQc spielen es mit einem 'League of Legends'-Streamer und dann spielen es plötzlich haufenweise andere 'League of Legends'-Streamer. Und dann spielen 'Hearthstone'-Streamer mit und ein Haufen 'Hearthstone'-Spieler fängt auch damit an."

Tatsächlich wurde "Among Us" schlagartig so erfolgreich, dass seine Macher eine erst 2020 angekündigte Fortsetzung wieder absagten. Innersloth will sich stattdessen weiter auf die Arbeit an dem Spiel konzentrieren. Ironischerweise gab Willard an, "Among Us" zum ursprünglichen Release einigen Streamern angeboten zu haben, aber er stieß damals kaum auf Interesse.

Live is life: Streamer bestimmen den Trend

Auch wenn gezieltes Marketing bei den ersten Beispielen eine wichtige Rolle spielte, ist es doch beruhigend, dass einige Erfolge auch durch Zufall entstehen können. Noch wichtiger ist allerdings die Erkenntnis, wie stark Livestreaming-Plattformen wie Twitch mittlerweile den Erfolg von Videospielen beeinflussen und welche mächtige Rolle Streamer dabei spielen. Dominiert ein Titel die Streams, steigt er auch in den Verkaufscharts auf. So werden auch Spieler darauf aufmerksam, die sich nicht für Livestreams interessieren.

Ein Game kann technisch beeindruckend sein und in Sachen Grafik neue Maßstäbe setzen – macht es live keinen Spaß, wird es vielleicht von einem kreativen Handyspiel überholt.

Kommentar schreiben
Relevante Themen:

Neueste Artikel zum Thema Online-Spiele

close
Bitte Suchbegriff eingeben