Von "Rot & Blau" bis "Let's Go": Wie der "Pokémon"-Wahnsinn begann

Ash Ketchum und Pikachu prägten Kindheiten – mit der "Pokémon"-Anime-Serie, vor allem aber mit den dazugehörigen Spielen.
Ash Ketchum und Pikachu prägten Kindheiten – mit der "Pokémon"-Anime-Serie, vor allem aber mit den dazugehörigen Spielen. (©picture alliance/United Archive 2018)
David Albus Überbrückt Ladepausen in PC-Games an der Nintendo Switch – und umgekehrt.

Mit "Pokémon Let's Go!" kommen Nintendos Monster-Rollenspiele bald auf die Switch – und das Internet dreht durch. Höchste Zeit, sich noch einmal die Anfänge des Monster-Hypes anzuschauen! Als "Pokémon Rot & Blau" vor fast 20 Jahren auf deutschen Schulhöfen die "Pokémanie" entfachten, war ich mittendrin. Hier liest Du meinen sehr persönlichen Rückblick.

Meine allererste Begegnung mit "Pokémon" kann ich noch heute ziemlich genau beziffern: Es muss um das Jahr 1998 herum gewesen sein, als ich in einem Werbemagazin blätterte, das Nintendo damals herausgab und in seinen Stores verteilte. Die bunten Figuren aus Japan zogen mich damals unwiderstehlich in ihren Bann, weshalb ich – natürlich – die mehrseitige Reportage über die neuen "Pokémon"-Spiele und -Serien verschlang, die in Japan gerade durch die Decke gingen und bald auch nach Europa kommen sollten.

"Wie soll man das Warten auf dieses Hammer-Spiel bloß aushalten?", fragte das Nintendo-Magazin völlig schamlos – und mein neunjähriges, schon leicht hibbeliges Ich wusste darauf auch keine wirkliche Antwort.

Sammelwut & Game-Boy-Grüppchen

Einige Monate später hatte das Warten dann doch ein Ende und die "Pokémanie" erreichte im Herbst 1999 Deutschland. Sammelkarten und Stickeralben fluteten den Markt, die Anime-Serie lief an und vor allem bildeten sich auf dem Schulhof Grüppchen um Game-Boy-Besitzer, die die rote oder blaue "Pokémon"-Edition zockten. Lange vor meiner ersten Fahrstunde lernte ich hier eine etwas andere Bedeutung des Wortes "Schulterblick" – und Hartnäckigkeit. Denn wer lang genug als Zuschauer dabeistand und etwas Glück hatte, durfte manchmal auch mal kurz spielen.

Als blinder Passagier in Kanto

Wie groß meine eigene Begeisterung für die kleinen Monster war, lässt sich vielleicht am besten an der Art und Weise verdeutlichen, wie ich erstmals selber aktiv zuhause "Pokémon" spielte: Aus mir heute unerklärlichen Gründen hatte ich nämlich nur Zugriff auf eine japanische Version von "Pokémon Blau" und einen Uralt-Gameboy – was mich aber nicht abhielt.

Es geht auch anders, doch so geht es auch: "Pokémon" spielte ich zuerst auf japanisch und ohne ein Wort zu verstehen.
Es geht auch anders, doch so geht es auch: "Pokémon" spielte ich zuerst auf japanisch und ohne ein Wort zu verstehen.

Für mich bestand die "Pokémon"-Welt desalb nicht nur aus den pixeligen Monstern, sondern vor allem aus mir völlig fremden Schriftzeichen. Kämpfe, Dialoge und selbst das Erlernen neuer Attacken bestritt ich daher nach dem Trial-and-Error-Prinzip: Macht die Attacke Schaden, bleibt sie. Macht sie keinen, wird sie verlernt. Noch heute bin ich als kompetitiver "Pokémon"-Spieler wohl völlig ungeeignet, denn ich habe inhärente Vorurteile gegen Angriffstechniken, deren Effekt nicht sofort am Lebensbalken des Gegners ablesbar ist.

Wandelnde Pokédexe auf dem Schulhof

Durchgespielt habe ich "Pokémon" so natürlich nie, aber darauf kam es auch nicht an. Viel wichtiger war, über die Geschichten und Mechaniken Bescheid zu wissen, die im Spiel zum Erfolg führten. Auf welchem Level entwickelt sich ein Schillock zum Turtok? Wann lernt Bisaflor endlich Hyperstrahl? Welches Element ist stark gegen Geist-Pokémon?

Die Anime-Serie lieferte dazu wertvolles Hintergrundwissen, sodass sich auf meinem Schulhof teils wandelnde Pokédexe in Sachen Pokémon tummelten. Irgendwo könnte es noch immer die Kassette mit dem Audiobeweis geben, dass ich tatsächlich alle 151 Monster der ersten Generation auswendig in der richtigen Reihenfolge aufsagen konnte. Damals war das wichtig.

Ein Abenteuer, größer als die Spiele

Der Austausch von solchem "Fachwissen" und das gemeinsame Entdecken der Spielwelt Kanto machte die "Pokémon"-Abenteuer zu unglaublich sozialen Erlebnissen – selbst wenn man nicht per Link-Kabel im Multiplayer gegeneinander spielte. Für die frühe Phase des "Pokémon"-Hypes war es wohl ein Segen, dass das Internet zumindest bei Grundschülern noch nicht allzu weit verbreitet war.

Gerüchte um versteckte Items und seltene Pokémon verbreiteten sich per Mundpropaganda, wurden spielerisch geprüft und dann verworfen oder weitergeflüstert. Manche davon – etwa den Missingno-Glitch oder die (leider falsche) Vermutung, dass unter dem Lastwagen in der Nähe des Kreuzfahrtschiffs MS Anne ein Mew versteckt ist – kennt heute jeder, der auch nur am Rande mit der roten und blauen "Pokémon"-Edition zu tun hatte.

Trotz ihrer aus heutiger Sicht sehr rudimentären Grafik und im Vergleich mit späteren Spielen der Reihe extrem simplen Spielweise beschworen die Games einen regelrechten Abenteuer- und Entdeckergeist herauf, der sich aus der Storyebene hinaus auf mich und meine Altersgenossen übertrug. Eine mit der "Pokémanie" vergleichbare Form der Begeisterung für ein Videospiel ist mir bis heute nicht wieder begegnet. (Dass das am Alter liegt, will ich aber nicht ausschließen – "Fortnite"-Lageberichte von heutigen Schulhöfen gerne an mich!)

Diagnose: "Pokémanie"

Mit der Begeisterung der Zielgruppe kamen aber auch die Bedenken von Eltern und Jugendschützern. Regelmäßig machten Horror-Storys die Runde: von heftigen Schulhof-Prügeleien um seltene Sammelkarten; von Diebstählen in Spielzeugläden; von Kindern, die die Brieftasche der Eltern klauten und damit "Pokémon"-Sticker kauften.

Auch die Spiele selbst gerieten natürlich ins Kreuzfeuer: Hier wurden tierähnliche Kreaturen zum Kämpfen abgerichtet und vom Nachwuchs aufeinander losgelassen – wirkte das nicht verrohend? Machte die Sammelwut, die mit dem Werbespruch "Schnapp' sie Dir alle!" ganz offen geschürt wurde, abhängig? In streng religiösen Kreisen hatte man noch ganz andere Probleme mit den "dämonischen" Monstern.

Doch auch der pädagogische Nutzen der "Pokémon Mania" wurde diskutiert. Das strategische Spielprinzip, bei dem man sich ein auf alle Situationen vorbereitetes Monster-Team zusammenstellen musste, schule abstraktes Denken, hieß es. Dass es bei "Pokémon" im Kern immer auch irgendwie um positive Werte wie Freundschaft, Teamgeist und Zusammenhalt ging, blieb manchen Beobachtern ebenfalls nicht verborgen.

Dass man sich vor den Erwachsenen für die eigene "Pokémon"-Begeisterung rechtfertigen musste, ist mir trotzdem sehr präsent in Erinnerung geblieben – zum Beispiel, als mir mein Stiefvater weismachen wollte, das ganze Thema habe sich in zwei bis drei Jahren sicher eh erledigt. Mit der ganzen Inbrunst eines Neunjährigen hielt ich dagegen und war damit definitiv näher an der Wahrheit als er.

Acht Generationen und kein Ende in Sicht

"Pokémon" überlebte alle Erwachsenen-Skepsis und alle pädagogischen Bedenken. Noch heute, gut 20 Jahre nach der Veröffentlichung von "Pokémon Rot & Blau", ist Nintendos Geniestreich in Sachen Crossover-Marketing ein Renner und ein milliardenschweres Franchise.

Sieben Generationen von Handheld-Rollenspielen (und unzählige Spin-offs) sind mittlerweile auf dem Markt, die achte soll für die Nintendo Switch erscheinen und ist schon jetzt einer der meisterwarteten Titel für die Hybrid-Konsole – zusammen mit dem "Pokémon Gelb"-Remake "Pokémon Let's Go!", das eine Brücke zum ebenfalls irre erfolgreichen Mobile-Titel "Pokémon Go" schlägt.

"Pokémon Go" schaffte 2016 das Unmögliche und bescherte dem Smartphone-Zeitalter seine ganz eigene "Pokémanie".
"Pokémon Go" schaffte 2016 das Unmögliche und bescherte dem Smartphone-Zeitalter seine ganz eigene "Pokémanie".

"Pokémon Rot & Blau": Die Minimonster-Ursuppe

Ich selbst bin in Sachen "Pokémon" mittlerweile mehr aufmerksamer Beobachter als begeisterter Spieler und Sammler. Bis etwa zur vierten Generation habe ich die Spiele und den stetig wachsenden Monster-Cast noch aktiv mitverfolgt, auswendig konnte ich aber maximal noch die zweite Generation. Mittlerweile würde die gesamte Riege wohl nicht einmal mehr auf eine Kassettenseite passen.

Das simple Sammeln, Trainieren und Kämpfen der Anfangstage ist dazu einem deutlich komplexeren Gameplay mit unzähligen Attributen und Werten, Mega-Evolutionen, Massenkämpfen, individuellen Gestaltungsmöglichkeiten für Monster und Spielfigur und vielem mehr gewichen. Das kann man übertrieben finden und bedauern, dass die Reduziertheit von "Rot" und "Blau" über die Jahre ein Stück weit verloren gegangen ist.

Andererseits muss auch "Pokémon" mit der Zeit gehen – und dass sich mit der unverwechselbaren DNA der Reihe immer neue Generationen von Fans begeistern lassen, wird Nintendo in Zukunft mit Sicherheit noch viele Male unter Beweis stellen.

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