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Warum ich echte Probleme mit dem "Landwirtschafts-Simulator 19" habe

Crash im "Landwirtschafts-Simulator 19": Gut, dass die Ladung im Hänger bleibt.
Crash im "Landwirtschafts-Simulator 19": Gut, dass die Ladung im Hänger bleibt.

Ich spiele die erfolgreiche Reihe nicht regelmäßig, dennoch erschließt sich mir der Reiz des "Landwirtschafts-Simulator 19" sofort. Ich habe auch wirklich alles gegeben, aber: Das neue Spiel des Schweizer Entwicklers Giants Software wehrt sich mit Händen und Füßen dagegen, zugänglich zu sein.

Ohne Frage, allein der Umfang des "Landwirtschafts-Simulator 19" ist bombastisch. Zusätzlich zur Karriere, während der man den eigenen Bauernhof quasi aus dem Nichts zu einem Großbetrieb mit all seinen Facetten ausbauen kann, bietet der neueste Teil der Reihe wieder Multiplayer-Spiele – diesmal auch gegeneinander –, umfangreiche Mods sowie unzählige Fahrzeuge und Werkzeuge echter Hersteller.

Hier macht dem "Landwirtschafts-Simulator 19" so schnell keiner was vor. Wer sich für Mikromanagement und Aufbausimulation interessiert, kommt auf jeden Fall auf seine Kosten – so lange er sehr viel Zeit und Geduld mitbringt. Das eigentliche Gameplay beschränkt sich nämlich meist auf das Fahren von großen, langsamen Maschinen.

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König der Landstraße – sofern kein Gegenverkehr auftaucht.

Für mich im Grunde kein Problem – voller Vorfreude und Elan stürzte ich mich zunächst in die Tutorials und den Karrieremodus des Spiels. Auch den Vorgänger hatte ich bereits auf der Nintendo Switch angespielt und hielt mich deswegen für die kommenden Herausforderungen gewappnet. Allerdings merkte ich bald: Neue Spieler sollten im besten Fall noch etwas mitbringen – Fachwissen.

Wie ich eineinhalb Stunden lang versucht habe, einen Frontlader an meinen Traktor zu bekommen

Für meine neuen Hühner musste also erst einmal ein Bigbag voll mit Futter her, den ich – logisch – mit meinem Traktor zum Hof transportieren wollte. Also musste eine Palettengabel ans Fahrzeug – eine Art Gabelstapler-Aufsatz, mit dem ich die Ladung aufnehmen kann.

Schnell fiel mir auf, dass ich anfangs den falschen Traktor gekauft hatte – mein Modell konnte laut Ingame-Shop keine Front- oder Heck-Module aufnehmen. Kann passieren – ich kaufte mir von meinem Startbudget also direkt eine andere Zugmaschine, noch war genug Geld da.

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Inkompatibel: Die Palettengabel von Stoll passt nicht an diesen Fiat-Traktor.

Aber was ich auch ausprobierte, keine der verfügbaren Palettengabeln wollte an mein Fahrzeug passen. Bald hatte ich alle käuflichen Modelle und Traktoren miteinander ausprobiert (und mit Verlust wieder verkauft oder gemietet) und glaubte schon an einen Bug. Erst versteckt im Online-Forum des Entwicklers stieß ich auf einen Eintrag anderer Spieler, der mir verriet, dass man das separate Frontlader-Teil erst in der Werkstatt konfigurieren muss, bevor dann Palettengabeln und andere Aufsätze aufgenommen werden können. Interessant!

Oberflächliche Tutorials und kaum Hilfen für Neueinsteiger

Im Spiel selbst fand ich hierzu keinerlei Hilfe. Auch die sechs Tutorials, in denen Grundlegendes zum Spiel erklärt wird, geben über solche Details keine Auskunft. Hilfreich wäre hier sicherlich eine optionale Einsteiger-Kampagne, die Spielern wie mir, die keine Ahnung von der Bauweise eines Traktors haben, zumindest Hinweise gibt. Ich habe nämlich nicht mal einen Schimmer, wozu die unzähligen Werkzeuge im Ingame-Shop benötigt werden oder wo die Unterschiede zwischen dem halben Dutzend der angebotenen Tiefenlockerer für Traktoren bestehen – und vom Spiel darf ich mir da keine Hilfe erwarten.

Fast alle aktuellen Spiele mit einigermaßen komplexen Gameplay-Elementen machen es genauso oder bieten zumindest irgendeine Hilfe zum Nachlesen – außer vielleicht "Super Smash Bros. Ultimate" oder die "Dark Souls"-Reihe. Der "Landwirtschafts-Simulator 19" verzichtet jedoch auf detaillierte Ingame-Tutorials und gibt mir dadurch persönlich das Gefühl, dass ich nicht zur Zielgruppe gehöre. Das ist zwar okay, aber neue Spieler wird Giants so erst einmal nicht so einfach erreichen. Man will anscheinend lieber unter sich bleiben.

Realismus – oder doch nicht: Bescheuerte Physik-Engine und fliegende Bigbags

Im Vorfeld wurde für den "Landwirtschafts-Simulator 19" mit einer völlig neuen Spiel-Engine geworben. Viele Fans erhofften sich dadurch einen Sprung auf ein neues Level an Realismus. Kosmetisch ist das eindeutig gelungen, vor allem die Maschinen sehen prächtig aus, abgenutzte Reifen machen einen ranzig echten Eindruck. Über die Kosmetik gehen die Neuerungen allerdings kaum heraus.

Als ich es beispielsweise endlich geschafft hatte, meinen Bigbag mit Hühnerfutter aufzuladen und schließlich zufrieden mit dem Trecker über die Landstraße tuckerte, passierte es: In einem unachtsamen Moment (wahrscheinlich fummelte ich gerade am Autoradio herum) stieß ich mit einem entgegenkommenden Fahrzeug zusammen. Zwar blieb mein Traktor unbeschädigt, aber die Palette mit Hühnerfutter flog wie ein angestochener Luftballon senkrecht in den Himmel, trotzte dabei komplett der Schwerkraft und ward nie wieder gesehen.

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Premium Chicken Feed: Die Bigbag-Paletten im "Landwirtschafts-Simulator 19" haben beeindruckende Flugeigenschaften.

Auch nach minutenlanger Suche zu Fuß fand ich später nirgendwo eine Spur von meinem Bigbag-Flummi, wahrscheinlich war er bis ans andere Ende der Map gesegelt. Schließlich musste ich mit dem Traktor umkehren und erneut zum Shop, wo ich für 1500 Euro Ingame-Währung eine neue Palette Hühner-Weizen abholen durfte.

Die fiel mir beim Aufladen übrigens von der Gabel und stürzte auf die Seite – kurz darauf stellte sie sich aber wie von Geisterhand wieder auf – so ein Glück! Allerdings: Als ich später mit meinem Fahrzeug von einem Zug erfasst wurde und Trecker samt Anhänger nach kurzem Flug auf dem Dach landeten, hatte ich keine Chance, das Fahrzeug wieder auf die Räder zu bekommen.

Wann ich mich beamen darf und wann nicht

Wobei sich schon die wiederholte Fahrt zum Shop irgendwie seltsam anfühlt. Ohne Trecker kann ich nämlich problemlos zwischen den verschiedenen Locations auf der Map, wie dem Shop und meiner Farm, hin und her springen. Genauso, wie ich mich auch von Fahrzeug zu Fahrzeug durch meinen ausladenden Fuhrpark beamen kann. Möchte ich jedoch mit dem Traktor Ware aus dem Shop abholen, geht das nicht.

Das ist zwar verständlich, da der Dreh- und Angelpunkt des Gameplays im "Landwirtschafts-Simulator 19" die Arbeit mit den Landmaschinen ist. Aber es reißt mich aus der viel beschworenen Immersion und fühlt sich einfach unlogisch an, wenn das Springen nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen erlaubt ist.

Später benötigte ich noch eine Ewigkeit, um Baumstämme auf einen Hänger zu laden, weil diese sich wie Hartgummi verhalten, und die Steuerung des Krans offenbar besonders "realistisch" rüberkommen soll. Hier wurde aber mittlerweile per Update nachgebessert. Dennoch zieht sich der Realismus alles andere als konsequent durchs Spiel (Jahreszeiten gibt es zum Beispiel noch immer nicht), sondern beschränkt sich fast ausschließlich auf den obszön großen Landmaschinen-Fuhrpark.

"Landwirtschafts-Simulator 19" muss sich mit Blockbustern messen lassen

Andere Spiele, wie etwa "The Legend of Zelda: Breath of the Wild", machen die Physik der Spielwelt zum zentralen Gameplay-Element, hier scheint sie eher im Weg zu sein. Und seien wir ehrlich: Der "Landwirtschafts-Simulator 19" ist eine große Produktion und kein kleines Indie-Spiel mehr, die Reihe verkauft sich millionenfach. Auch wenn "Zelda" sicher eine andere Hausnummer ist, der "LS19" muss sich mittlerweile mit anderen Blockbustern messen lassen.

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Da war noch alles im Plan: Die Ernte kommt auf den Hänger.

Was mich an solchen Episoden am meisten nervt, ist die Schere zwischen dem angeblichem Realismus eines wirklich anspruchsvollen Simulators und teils halbgarem, teils nicht mehr zeitgemäßem Spieldesign. Nach der Lektüre der aktuellen Spielerbewertungen des "Landwirtschafts-Simulator 19" bei Steam habe ich den Eindruck, dass auch viele langjährige Fans einen Sprung aufs nächste Level der erfolgreichen Reihe vermissen.

Die neue Integration von Pferden – die ich seit "Red Dead Redemption 2" leider nicht mehr neutral beurteilen kann (sorry) – verschafft da wenig Abhilfe. Ich vermute, dass die wenigsten Fans von Traktoren und Erntemaschinen-Boliden wirklich Lust haben, ihre Pferde regelmäßig zu striegeln und auszureiten, damit deren Haltung auch profitabel ist. Als angenehme Abwechslung zum Landwirtschafts-Alltag – wie etwa das Angeln in "Stardew Valley" – ist die Nutztierhaltung im Game allerdings auch nicht angelegt.

Wer lange spielt, wird endlich gut: Hoffen auf die Community

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Die Anzahl der verfügbaren Landmaschinen im Spiel ist fast schon obszön.

Das Spiel richtet sich also eindeutig an eine enge Zielgruppe von Hardcore-Fans, die sich lange und viel mit dem "Landwirtschafts-Simulator 19" beschäftigen will. Und für die ist das Spiel eindeutig sehr gut geeignet – wahrscheinlich werden sich diese Profi-Farmer über meine Problemchen eher amüsieren. Ich dagegen hoffe darauf, dass vor allem die Ungereimtheiten in Sachen Spielphysik noch nachträglich behoben werden können. Außerdem hat die Reihe traditionell eine sehr lebhafte Modder-Community, sicher kann die dem bockigen "LS 19" noch den ein oder anderen Fehler austreiben.

Aber es ist schade, dass mir, trotz Interesse und Aufgeschlossenheit, der Zutritt zum Country-Club verwährt bleibt. Bei aller Freude darüber, dass der "Landwirtschafts-Simulator 19" aus einer eher kleinen europäischen Software-Schmiede stammt, wünschte ich, das Spiel wäre ein Stück näher an den Standards aktuellen Gamedesigns dran. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf – vielleicht finde ich ja auf den Multiplayer-Servern ein paar hilfsbereite Profi-Bauern.

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