Meinung

Warum mir Lara Croft in "Shadow of the Tomb Raider" Angst macht

Lara Crofts Entwicklung in "Shadow of the Tomb Raider" ist beunruhigend.
Lara Crofts Entwicklung in "Shadow of the Tomb Raider" ist beunruhigend. (©Square Enix 2018)

Mit "Shadow of the Tomb Raider" kommt ein erstklassiges Action-Adventure auf uns zu. Seit einem Anspiel-Termin, bei dem ich das Game schon vorab in Augenschein nehmen durfte, mache ich mir um Lara Croft aber ein bisschen Sorgen. Warum das so ist und warum das neue Abenteuer der Heldin vor allem für Xbox-Spieler ein Must-Have ist, liest Du hier.

Noch ziemlich am Anfang meines Hands-on-Termins mit "Shadow of the Tomb Raider" in Hamburg fällt mir auf, dass mit Lara Croft irgendetwas nicht stimmt. Klar, es ist die neue Lara – der gelungene Reboot machte aus einer missverstandenen, hypersexualisierten Videospiel-Ikone schon 2013 einen menschlichen Charakter mit emotionaler Tiefe. Aber: Von dieser Tiefe scheint die Heldin im letzten Teil der neuen Trilogie etwas zu verlieren.

"Tomb Raider": Vom Hit zum Reboot

Seit 1996 ist Lara Croft als Heldin in den "Tomb Raider"-Games unterwegs. Damals entschloss sich das Entwicklerstudio Core Design den ursprünglich als Mann geplanten Protagonisten abzuwandeln, damit das Spiel nicht zu sehr an die "Indiana Jones"-Filme erinnerte. Vor allem dank Charakter-Designer Toby Gard erblickte Lara Croft so das Licht der Gaming-Welt.

Als die Heldin ab dem Sequel im Jahr 1997 vor allem über ihren Sex-Appeal vermarktet wurde, zog sich Gard enttäuscht von der Entwicklung zurück. Eigenen Aussagen zufolge forderte man ihn damals sogar dazu auf, einen Code einzubauen, mit dem sich Lara nackt spielen ließe. Aber auch ohne Gard entwickelte sich die Serie zu einem Mega-Erfolg und wechselte mehrfach das Entwicklerstudio.

Trotz guter Verkaufszahlen erntete das Franchise im Laufe der Jahre gemischte Kritiken. 2013 wollte das Studio Crystal Dynamics aus "Tomb Raider" ein tiefgründigeres, erwachseneres Adventure machen und verpasste Lara Croft eine Prequel-Story. Die ersten beiden Teile des Reboots (Teil zwei mit dem Titel "Rise of the Tomb Raider" erschien 2015), wurden von der Kritik gefeiert. "Shadow of the Tomb Raider" von Eidos Montreal und Crystal Dynamics soll die Prequel-Reihe nun abschließen.

Als Schatzjägerin auf Beute-Pirsch

Zu Beginn von "Shadow of the Tomb Raider" verfolgt Lara die Schergen der Organisation Trinity durch ein mexikanisches Dorf. Die Kulisse ist atemberaubend atmosphärisch gestaltet, die Bewohner – darunter viele Familien mit Kindern – feiern ein traditionelles Totenfest mit Kerzen und Musik. Ihre Nachforschungen haben die junge Archäologin zu einem geheimnisvollen Maya-Artefakt geführt, das sie kurz vor ihren Widersachern erreicht.

 Lara Croft wie man sie kennt: in widrigen Umständen auf der Jagd nach Schätzen. fullscreen
Lara Croft wie man sie kennt: in widrigen Umständen auf der Jagd nach Schätzen. (©Square Enix 2018)

Aus Versehen: Lara Croft löst die Apokalypse aus

Dann passiert es: Die Schergen kommen näher und für einen kurzen Moment übernimmt die Abenteuerlust die Kontrolle über Lara. Sie reißt einen mystischen Dolch aus der Verankerung – und tritt damit ungewollt den von den Maya prophezeiten Weltuntergang los. Kurz darauf reißt ein Tsunami den Großteil der Dorfbevölkerung in den Tod. Auf ihrer Flucht muss Lara mit ansehen, wie ein Kind ums Leben kommt, das sie retten will, aber nicht mehr erreichen kann. Während einer beklemmenden Tauch-Sequenz durch das zerstörte Dorf schwimmt sie an vielen verunglückten Menschen vorbei, die die Katastrophe nicht überlebt haben.

 "Shadow of the Tomb Raider" spart nicht an Dramatik. fullscreen
"Shadow of the Tomb Raider" spart nicht an Dramatik. (©Square Enix 2018)

"Shadow of the Tomb Raider": Düster & brutal

Spätestens ab diesem Punkt wird klar, dass Eidos Montreal hier deutlich düsterere Töne anschlägt als viele Games, an die "Shadow of the Tomb Raider" auf den ersten und zweiten Blick erinnert. Wer hier etwa die Leichtigkeit sucht, mit der ein Nathan Drake in "Uncharted" zwischen waghalsigen Schießereien und frechen Sprüchen wechselt, wird nicht fündig. Im Gegensatz zu Naughty Dog wollten die Macher hinter "Tomb Raider" keine spaßige Hommage an Popcorn-Hollywood-Abenteuer der 1980er-Jahre erschaffen. Das lässt mich das Spiel deutlich spüren, etwa wenn Lara aufgrund meiner Unachtsamkeit mal wieder einen äußerst grausamen Tod stirbt.

Allerdings bin ich nicht sicher, ob das moralische Experiment gelingt – zumindest nicht, ohne das komplette Game gespielt zu haben. Lara reagiert nämlich eben gerade nicht mit Menschlichkeit und Mitgefühl, jedenfalls nicht unmittelbar. Anstatt von ihrer Schuld am unbeschreiblichen Drama aufgefressen zu werden, reagiert die Abenteurerin fast soziopathisch: Während ihr treuer Weggefährte Jonah unmittelbar das Leid der Menschen lindern und helfen will, drängt Lara darauf, die Jagd nach dem Schatz sofort weiterzuführen.

 Freund Jonah als Stimme der Vernunft: Scheitert Lara an ihrer eigenen Moral? fullscreen
Freund Jonah als Stimme der Vernunft: Scheitert Lara an ihrer eigenen Moral? (©Activision 2018)

Wie besessen: Hat Lara einen Psycho-Knacks?

Ihr geht es darum, die Welt zu retten, als auserwählte Heldin dem Bösen zu begegnen und das große Rätsel hinter allem zu lösen. Und auch im späteren Verlauf lässt sie nichts zwischen sich und ihre Ziele kommen und zögert keine Sekunde, dafür sogar aus dem Hinterhalt zu töten. Das alles könnte die Verwandlung zeigen, die Lara bis hin zu "Shadow of the Tomb Raider" durchgemacht hat. Es könnte sein, dass sie wie im Schock auf die Ereignisse reagiert und nun voranstürmt, um das Leid ungeschehen zu machen, das sie ausgelöst hat.

 In "Shadow of the Tomb Raider" ist Lara Croft knallhart. fullscreen
In "Shadow of the Tomb Raider" ist Lara Croft knallhart. (©Square Enix 2018)

Bei mir machte sich aber eher der Eindruck breit, dass Lara eine Art psychischen Knacks davongetragen hat. Dass sie wie getrieben den Mördern ihres Vaters hinterherjagt und ihr moralischer Kompass unter ihrer Besessenheit leidet. In gewissem Sinne kam mir die Heldin in der kurzen Zeit, die ich mit ihr verbracht habe, wie eine Psychopathin vor, die nichts außer ihren abenteuerlichen Zielen vor Augen hat.

Oder soll die Heldin etwa einfach nur cool sein?

Ich bin mir aber nicht sicher, ob das Verhalten der Abenteurerin im späteren Verlauf tatsächlich mit solch einem psychologisch tiefgehenden, doppelten Boden erklärt werden wird. Es könnte ebenso sein, dass die Entwickler der Story einfach eine größere Tragweite geben wollten – Lara löst die Apokalypse aus, viele Menschen sterben, aber sie sieht als Heldin "das große Ganze".

 Eins mit dem Dschungel: Durch Schlamm oder Gestrüpp kann die Heldin mit der Umwelt verschmelzen. fullscreen
Eins mit dem Dschungel: Durch Schlamm oder Gestrüpp kann die Heldin mit der Umwelt verschmelzen. (©Square Enix 2018)

Vielleicht soll Lara im Laufe der Trilogie ja einfach ein krasser und eiskalter "Badass" geworden sein – das wiederum fände ich als Erklärung aber eher schwach. Macht man nämlich solch ein emotionales "Fass" auf, sollte sich das Storytelling meiner Meinung nach auch eindeutig der einhergehenden Tragweite stellen.

Stattdessen wird die große Tragik trotz des düsteren Untertons aber eher schnell beiseite gewischt – zumindest in den ersten Stunden, die ich von "Shadow of the Tomb Raider" spielen durfte. Möglich, dass die großen Storytelling-Kniffe erst sehr viel später ausgepackt werden. Basierend auf dem ersten Eindruck überzeugt mich die unentschlossen wirkende Charakterisierung von Lara Croft aber noch nicht.

Action-Adventure der Extraklasse

Abseits dieser Dissonanz bot das Spiel während der Preview aber kaum Anlass zum Meckern. "Shadow of the Tomb Raider" kombiniert das cinematische, packende Gameplay von "Uncharted" oder "God of War" mit dem dynamischen Crafting aus "Horizon Zero Dawn" und schmeißt auch noch Zutaten aus "Metal Gear Solid 3: Snake Eater" oder "Assassin's Creed: Origins" mit in den Topf – etwa, indem es eine Art Sightseeing-Modus in einer Maya-Metropole integriert.

Zur billigen Kopie oder zum Patchwork-Game verkommt es dabei aber nie – und schließlich haben sich so gut wie alle hervorragenden Games evolutionär von anderen Videospielen inspirieren lassen. Viele aktuelle Blockbuster-Titel würde es wiederum ohne die "Tomb Raider"-Reihe vielleicht gar nicht geben. Tatsächlich funktioniert die Kombination der spielerischen Elemente äußerst gut, etwa wenn Lara im Dschungel nach Ressourcen sucht, per Crafting ihre Ausrüstung verstärkt oder den umfangreichen Skill-Tree ausbaut, während sie Stealth-Kills ausführt und interessante Rätsel löst.

Nicht nur für Genre-Fans ein Muss

Darum ist "Shadow of the Tomb Raider" vor allem für Xbox-One-Besitzer, die bisher nicht in den Genuss der genannten PS4-Exklusivspiele "Uncharted", "God of War" oder "Horizon Zero Dawn" gekommen sind, ein absolutes Muss. Die Lücke, die das neue Abenteuer von Lara Croft auf der Xbox füllt, ist so groß, dass es mich regelrecht wundert, warum Microsoft sich einen Exklusiv-Deal diesmal hat entgehen lassen – beim Vorgänger "Rise of the Tomb Raider" gab es ihn noch.

 Mit Haken und Seil klettert Lara fast genau wie Nathan Drake in "Uncharted". fullscreen
Mit Haken und Seil klettert Lara fast genau wie Nathan Drake in "Uncharted". (©Square Enix 2018)

Damals, zum Release im Jahr 2015, war das Lara-Croft-Abenteuer für etwa ein Jahr ein Xbox-Exklusivtitel, bevor es dann auch für die PS4 erhältlich wurde. Vielleicht hat Publisher Square Enix das Angebot beim neuen Spiel aber auch ganz einfach ausgeschlagen – nach dem Release von "Uncharted 4" im Frühjahr 2016 schwand das Interesse der großen PS4-Käuferschaft an Lara Croft nämlich sicherlich merkbar.

Für diese ist nun aber die perfekte Gelegenheit gekommen, das Spiel nachzuholen, um dann ab dem 14. September 2018 "Shadow of the Tomb Raider" in vollen Zügen zu genießen – auch, wenn die Vorkenntnisse in Sachen Story beim neuen Teil nicht wirklich notwendig sind.

Ich für meinen Teil will auf jeden Fall sehen, ob Eidos Montreal aus einem spannenden Story-Ansatz am Ende eine großartige Geschichte spinnt. Und vielleicht nimmt mir das fertige Spiel ja auch meine Sorgen um Lara Crofts Geisteszustand.

"Shadow of the Tomb Raider"-Anspielbericht: Mein Fazit

Das hat mir gut gefallen Das hat mir weniger gut gefallen
Klettern: Gerade das Klettern und Abseilen erinnert stark an die "Uncharted"-Reihe. Dort scheiterte man mit Nathan Drake aber selten, während entsprechende Sequenzen in "Shadow of the Tomb Raider" deutlich gefährlicher wirken. Kampfsteuerung: Besonders in unübersichtlichen Gefechten wirkte die Controller-Steuerung etwas ungenau. Hier darf sich bis zum Release gern noch einiges tun.
Charaktermodelle: Besonders Laras Gesichtszüge sahen auf der bereitgestellten (stärkeren) Entwickler- Xbox unglaublich realistisch aus. Auf Wunsch lässt die Heldin sich aber sogar im Polygon-Look der ersten Games spielen.. NPCs: Die verschiedenen Typen gegnerischer Fußsoldaten ließen sich in der Beta an einer Hand abzählen. Etwas mehr unterschiedliche Kleidung könnte hier aber schon Wunder wirken.
Einstellungen: Vor allem die Schwierigkeit lässt sich nach Belieben modifizieren, denn Kampf-, Rätsel- und Geländeschwierigkeit können unabhängig voneinander eingestellt werden. Die Grafikoptionen bieten auf der Xbox One X die Wahl zwischen Performance und Auflösung. Laras Charakter: Trotz tollem Gameplay wünsche ich mir, dass das Storytelling noch etwas präzisiert wird. Schließlich sollte Lara Croft, als zentrales Element des Spiels, auch herausragend geschrieben sein.

Screenshot-Galerie zu "Shadow of the Tomb Raider"

"Shadow of the Tomb Raider"-Screenshot fullscreen
"Shadow of the Tomb Raider"-Screenshot (©Square Enix 2018)
"Shadow of the Tomb Raider"-Screenshot fullscreen
"Shadow of the Tomb Raider"-Screenshot (©Square Enix 2018)
"Shadow of the Tomb Raider"-Screenshot fullscreen
"Shadow of the Tomb Raider"-Screenshot (©Square Enix 2018)
"Shadow of the Tomb Raider"-Screenshot fullscreen
"Shadow of the Tomb Raider"-Screenshot (©Square Enix 2018)
"Shadow of the Tomb Raider"-Screenshot fullscreen
"Shadow of the Tomb Raider"-Screenshot (©Square Enix 2018)
"Shadow of the Tomb Raider"-Screenshot fullscreen
"Shadow of the Tomb Raider"-Screenshot (©Square Enix 2018)
"Shadow of the Tomb Raider"-Screenshot fullscreen
"Shadow of the Tomb Raider"-Screenshot (©Square Enix 2018)
"Shadow of the Tomb Raider"-Screenshot fullscreen
"Shadow of the Tomb Raider"-Screenshot (©Square Enix 2018)

Artikel-Themen
close
Bitte Suchbegriff eingeben