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Warum "Pokémon Go" kein gutes Spiel ist – aber eine gute App

"Pokémon Go" ist kein gutes Spiel - aber trotzdem irgendwie gut
"Pokémon Go" ist kein gutes Spiel - aber trotzdem irgendwie gut (©YouTube/The Official Pokémon Channel 2016)

"Pokémon Go" ist in aller Munde. Dabei ist die App beileibe kein gutes Spiel. Warum das so ist und warum die Pokémon-Jagd mit dem Smartphone dennoch funktioniert.

Meinung von Patrick Schulze

Seit rund einer Woche ist die Welt im kollektiven "Pokémon Go"-Fieber und sucht allerorten nach den kleinen Taschenmonstern. Ich selbst erlebe das derzeit vor allem auf dem Weg zur Arbeit in S-Bahn oder Bus und an den Haltestellen. Dabei sind es vor allem die Jüngeren, bei denen die App auf dem Smartphone läuft und die sich auch untereinander über die Fundorte von Pokémon austauschen.

Auch wir bei TURN ON haben die App natürlich schon ausprobiert und sind dabei zu sehr unterschiedlichen Beurteilungen gekommen. Einige Kollegen sind durchaus der Meinung, dass es sich bei "Pokémon Go" um ein tolles Spiel für Smartphones handelt. Ich kann diese Ansicht allerdings nicht teilen. Warum, werde ich hier kurz versuchen zu erklären.

"Pokémon Go" hat nicht viel mit einem Spiel zu tun

"Pokémon Go" ist meines Erachtens kein gutes Spiel, weil sich die App nur mit Abstrichen überhaupt als Spiel bezeichnen lässt. Zumindest erfordert es keinerlei Skills irgendeiner Art, um die App erfolgreich zu "spielen". Das Grundprinzip basiert schließlich darauf, in der Gegend umherzulaufen und nach neuen Pokémon oder Pokéstops zu suchen oder Eier auszubrüten. Das ist zwar nicht schlecht, weil man so zumindest etwas Bewegung bekommt, aber es erfordert eben auch keinerlei Talent, es gibt keine Lernkurve und auch sonst nicht viel zu tun, was irgendwie an ein echtes Spiel erinnert. Lediglich beim richtigen Werfen der Pokébälle müssen sich User ein wenig anstrengen. Eine Herausforderung stellt das Einfangen der virtuellen Tierchen dennoch nicht dar.

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"Pokémon Go" wird überall gespielt – aber ist es überhaupt ein Spiel? (©TURN ON 2016)

Talent und Kreativität werden klein geschrieben

Kurz gesagt: "Pokémon Go" erfordert vom "Spieler" vor allem Zeit, um erfolgreich zu sein. Wer mehr Zeit investieren kann, um durch die Gegend zu laufen und Pokémon zu fangen und auszubrüten, wird automatisch besser sein als jemand, der diese Zeit nicht hat. Die einzige Möglichkeit, dies zu umgehen, ist das Kaufen von Items mit echtem Geld. Talent, Skills, Kreativität und Lernfähigkeit – all diese Dinge werden hingegen nicht benötigt und durch die App auch nicht gefördert – oder wie es ein TURN ON-Kollege neulich formuliert hat: "Selbst für 'Snake' auf alten Nokia-Handys brauchte man mehr Skills". Das sogenannte "Spiel" ist im Falle von "Pokémon Go" eine reine Fleißaufgabe.

Aber: "Pokèmon Go" hat auch positive Effekte

Klar gibt es auch positive Effekte, wie eben die Tatsache, dass man als "Spieler" auch mal rausgeht und seine Umgebung neu entdeckt. Allerdings finde ich es durchaus etwas fragwürdig, wenn jemand seine Umgebung nur deshalb wahrnimmt, weil die Person sie durch das Display ihres Smartphones sieht. Eine echte Beschäftigung mit der Realität stelle ich mir anders vor. Immerhin: Ich erkenne an, dass "Pokèmon Go" seinen Nutzern auf diese Weise vielleicht doch das ein oder andere in der echten Welt zeigen kann.

Was ich "Pokémon Go" ebenfalls lassen muss, ist die Tatsache, dass die App Menschen zusammenbringt, zum Austausch animiert und ihnen generell etwas Bewegung verschafft. Zumindest die ersten beiden Punkte schaffen Videospiele aber schon immer – sei es auf LAN-Parties, bei Online-Matches oder beim Splitscreen-Zocken an einer Konsole. Für mich ist "Pokémon Go" deshalb zwar noch längst kein gutes Spiel, aber durchaus eine gute App – ein netter Zeitvertreib, der die Leute dazu anspornt, den Hintern hochzubekommen und ein bisschen Energie in eine Sache zu investieren. Es liefert zwar nicht immer die besten Gründe, das zu tun, aber beileibe auch nicht die schlechtesten.

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Die App animiert Nutzer, auch mal raus zu gehen. (©Youtube / VeniVidiVegan 2016)

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