Wie Sony mit "Gran Turismo" die Rennspiel-Revolution anzettelte

In unserer Reihe zum Spielejahr 1998 besprechen wir jeweils eines der bahnbrechenden Spiele, die vor mittlerweile 20 Jahren die Welt des Gamings umkrempelten.
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Legendär: Hinter dem "Simulation Mode" verbirgt sich der revolutionäre Karrieremodus von "GT". (©YouTube/Paragleiber 2018)

"The Real Driving Simulator" nannte Sony das Game damals selbstbewusst – und sollte Recht behalten. Mit dem ersten "Gran Turismo" auf der original PlayStation setzten Publisher Sony und Entwickler Polyphony Digital zu einer Siegesfahrt mit bis heute fast 80 Millionen verkauften Exemplaren an, der bis heute der Sprit nicht ausgeht.

Auf den Grundstein für diese moderne Gaming-Erfolgsgeschichte, "Gran Turismo", blicken wir im Folgenden nostalgisch zurück.

Wahrscheinlich lag es daran, dass sich damals ein Paradigmenwechsel vollzog: Mit Sonys PlayStation kam eine Heimkonsole auf den Markt, die technisch in der Lage war, mehr als nur launiges Pixelschubsen zu ermöglichen. Das Zuhause wurde zur Spielhalle, es kamen Arcade-Umsetzungen ins Wohnzimmer und 3D-Rennspiele, wie wir sie heute kennen, wurden technisch erst möglich. Wo zuvor "Mario Kart" und der reine Partyspaß dominierten, hieß es nun: Realismus ist Trumpf.

Grafik: Kinnladen klapp(t)en herunter

Schaut man sich heute Polyphony Digitals Erstling an, schmunzelt man über die kantigen Knatterkisten, das nicht vorhandene Schadensmodell und karge Landschaften mit Klotzkulissen.

Gehen wir gedanklich aber zurück nach 1998: Verdammt, genau das sah damals richtig gut aus. Die Umgebung spiegelte sich sogar in den Karosserien – eine Revolution. Immerhin waren wir bis dahin eher die flache Mode-7-Grafik des Super Nintendo bei Rasereien wie "F-Zero" oder dem erwähnten "Super Mario Kart" gewohnt – quasi eine befahrbare Tapete ohne Höhenunterschiede. Namcos "Ridge Racer" von 1995 war schon krasser – aber ließ "Gran Turismo" ließ die Kinnladen herunterklappen.

Wechsel der Generationen

1998 war auch in der Hinsicht ein prägendes Jahr, weil sich der Generationswechsel der Konsolen hier endgültig und vollständig vollzogen hatte. Ich selbst switchte damals aber noch zwischen dem geliebten SNES und der immer noch gefühlt neuen PlayStation hin und her, konnte mich noch nicht von "Super Street Fighter II" und "Super Mario World 2: Yoshi’s Island" lösen. Den ersten PlayStation-Spielen merkte man eben einfach noch an, dass es eher um technische Muskelspiele ging, als um in sich geschlossene und faszinierende Spielwelten.

Doch mit der Zeit konnte mir das SNES nicht mehr das bieten, was ein "Final Fantasy VII", "Tekken 3" oder "Tomb Raider 2" schafften: moderne Spielwelten mit erwachsenen Geschichten in spannender 3D-Grafik. Immerhin war ich inzwischen 15 und lechzte längst nach "erwachsenen" Inhalten, ohne das schlüpfrig zu meinen; Knuddeloptik war einfach out, die Zeit reif für etwas Neues.

"Gran Turismo": Meine Story

Aber Spiele sind eben teuer und waren das auch damals, zumal die D-Mark den meisten Eltern seinerzeit nicht so locker in der Tasche saß. Da gab es vielleicht mit viel Glück bei dem einen oder anderen 50 DM (25 Euro!) alle paar Wochen. Monatlich einen neuen Blockbuster nach dem anderen zu spielen: eine Utopie. Gottlob hatte mein fünf Jahre älterer Bruder einen verschrobenen Kumpel in Technoklamotten und mit zu viel Kohle, der andauernd stapelweise neue PS1-Spiele mitschleppte und einfach gelangweilt bei uns liegen ließ. Was für ein Glück für uns!

Sonst hätte ich wohl nicht unbedingt zu einer Rennsimulation gegriffen, ganz sicher sogar nicht. Bis heute ziehe ich Arcade-Raser wie "Burnout Paradise" oder die besseren der "Need For Speed"-Teile vor, bei denen es deftig und rabiat zur Sache geht. Aber "Gran Turismo" fesselte mich, kitzelte die Motivation in mir hervor, immer bessere Streckenzeiten und Rekorde hinzulegen. "Gran Turismo" bot damals zwar auch einen Arcade-Modus, aber das fühlte sich an wie Cheaten. Wenn, dann richtig. Zum Bleifußen hatte ich ja "Ridge Racer".

Simulation ist Trumpf

In "Gran Turismo" mussten Spieler erst durch Prüfungen Lizenzen erwerben, um auf alle Strecken und an allen Meisterschaften teilnehmen zu dürfen. Hier ging es um ideale Kurvenlagen, um perfektes Brems-Timing, um die beste Etappe zur Beschleunigung. Falsch gedrückt, landet der mit Spielgeld teuer gekaufte Wagen schnell im Grün beziehungsweise Sand und ist von dort nicht mehr so einfach wegzubekommen.

Heute, 20 Jahre später, schmunzeln "Project Cars 2"-Spieler über diese frühzeitlichen Mechaniken. Aber damals schaute Mama schon mal verwundert ins Kinderzimmer, wenn kein Geballer heraustönte und der Sprössling mit ernstem Blick voll konzentriert auf Polygone starrte.

Präsentation auf höchstem Niveau

Dabei war "Gran Turismo" aber alles andere als eine biedere Angelegenheit, die Präsentation war dennoch stimmig. Der Soundtrack etwa versammelte einige Namen, die damals wie auch teilweise heute noch für großartige Musik stehen: Garbage, Feeder, Ash – sogar gerade erst bei der Recherche bemerkte ich, dass der Titelsong ein Chemicals-Brothers-Remix der walisischen Rockband Manic Street Preachers ist, die im Sommer 1998 zu einer meiner damaligen absoluten Lieblingsbands wurden.

Das Sony-Entwicklerteam, aus dem im April 1998 das Studio Polyphony Digital hervorgehen sollte, passte die Musikauswahl extra an westliche Geschmäcker an. Nicht immer eine gute Idee – in diesem Fall aber schon. Im November 1998 kam sogar ein separater Soundtrack zum Spiel heraus, "The Sound of Gran Turismo", auf dem sich dann weitere große Namen wie David Bowie, Placebo und Blur versammelten. Wohl nur der futuristische Raser "WipEout" schaffte eine so stimmige Verschmelzung von Sound und Geschwindigkeitsgefühl.

Eine Legende nimmt Fahrt auf

"Gran Turismo" machte einfach unglaublich vieles richtig und zum ersten Mal. 140 realistische Autos echter Hersteller, essenzielles Tuning, elf Rennstrecken inklusive gespiegelter Versionen, Motivation durch gewonnenes Renngeld und eine stilvolle Präsentation; wohl niemals wieder wurde ein Rennspiel so relevant, heißbegehrt und weltweit gefeiert. Bis heute gilt "Gran Turismo" mit knapp elf Millionen Exemplaren als meistverkauftes Spiel der ersten PlayStation-Generation. Der Metacritic-Score liegt bei sensationellen 96 Prozent.

Fünf Jahre dauerte die Entwicklung laut dem Serienvater und heutigen Vizepräsident von Sony Computer Entertainment, Kazunori Yamauchi. Eine aufreibende Zeit, in der er laut eigener Aussage vielleicht vier Tage Urlaub pro Jahr hatte. Aber es hat sich gelohnt, denn von der Qualität und dem Ruhm und Ruf des Erstlings zehrt die Serie wohl bis heute.

Quick-Facts: "Gran Turismo"
Plattform PlayStation 1
Entwickler Polys Entertainment (später Polyphony Digital), Zuarbeit von Cyberhead
Publisher Sony Computer Entertainment
Release (Deutschland) 8. Mai 1998
Verkaufte Einheiten (weltweit) 10,95 Millionen
Verkaufsrang Plattform (PS1) 1
Zeitgenössische Testergebnisse (Auswahl) 94% (Video Games 6/98)
95% (Next Level 7/98)
10/10 (Fun Generation 3/98, 6/98)

 

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