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"Albion Online" im Test: Die große Freiheit in der Sandkiste

Kämpfen, sammeln, craften: In "Albion Online" können Spieler ganz diesen drei Leidenschaften frönen.
Kämpfen, sammeln, craften: In "Albion Online" können Spieler ganz diesen drei Leidenschaften frönen.

Sei, wer Du sein willst. Tu, was Du tun willst. "Albion Online" möchte sich mit den ganz großen Versprechen des Rollenspiel-Genres seine Nische erkämpfen. Wir haben uns das Sandbox-MMORPG kurz nach dem Release für einen ersten Eindruck angeschaut.

Fünf Jahre hat das Berliner Studio Sandbox Interactive in die Entwicklung von "Albion Online" gesteckt. Nach einer langen Alpha- und Beta-Phase ist das Game seit dem 17. Juli endlich für alle Interessierten online und lädt passionierte Online-Rollenspieler in eine riesige Fantasywelt ein, in der jeder Spieler seinen eigenen Weg gehen und seine ganz eigene Geschichte schreiben soll – so zumindest die vollmundige Ankündigung zum Launch. Na dann: Schreiben wir los!

Gameplay: Alles muss man selber machen (lassen)

Sandbox Interactive trägt seinen Namen nicht zufällig: "Albion Online" – trotz seines Titels wiederum nicht mit dem 1995 erschienenen RPG "Albion" verwandt – ist ein sogenanntes Sandbox-Spiel geworden, in dem das Sammeln von Ressourcen und das Herstellen von Gegenständen die Grundpfeiler des Geschehens sind. Dabei ist das Game bemerkenswert radikal: Sämtliche Items, Waffen und Ausrüstungen müssen von den Spielern hergestellt werden. NPCs, die Schwerter, Tränke oder Reittiere verkaufen? Fehlanzeige. Eine Hintergrundstory oder Questreihen, die üppige Belohnungen versprechen, suchen wir genretypisch ebenfalls vergeblich. Wenn wir besseres Equipment haben wollen, müssen wir das also herstellen oder von anderen Spielern kaufen.

Am Anfang von "Albion Online" steht – wie bei vielen RPGs – ein Charaktereditor. fullscreen
Am Anfang von "Albion Online" steht – wie bei vielen RPGs – ein Charaktereditor.
Kurz nach dem Start craften wir bereits erste Werkzeuge... fullscreen
Kurz nach dem Start craften wir bereits erste Werkzeuge...
...und erledigen erste Gegner. fullscreen
...und erledigen erste Gegner.
Auf der großen Weltkrarte gibt es viel zu entdecken. fullscreen
Auf der großen Weltkrarte gibt es viel zu entdecken.
Am Anfang von "Albion Online" steht – wie bei vielen RPGs – ein Charaktereditor.
Kurz nach dem Start craften wir bereits erste Werkzeuge...
...und erledigen erste Gegner.
Auf der großen Weltkrarte gibt es viel zu entdecken.

Nachdem wir im Charakter-Editor zu Beginn des Spiels einen optisch recht rudimentären Avatar erstellt haben, spielen wir zunächst ein bisschen die eierlegende Wollmilchsau: sammeln hier ein bisschen, craften eine neue Waffe, kämpfen da gegen ein paar PvE-Gegner wie wilde Tiere, Dämonen oder Banditen. Schnell zeichnet sich aber ab, dass Spezialisierung in "Albion Online" irgendwann unumgänglich ist, wenn wir mächtige Waffen schwingen oder wertvolle Gegenstände herstellen wollen. "Besser" in jeder Hinsicht werden wir nämlich nicht durch Levelaufstiege und das Verteilen von Punkten, sondern gewissermaßen nebenbei: Wer etwa viele Bäume fällt, sammelt in dieser Kategorie sogenannte "Fame"-Punkte, die irgendwann etwa die Fähigkeit freischalten, hochwertigeres Holz abzubauen.

"Learning by doing" statt Levelaufstieg

Gleiches gilt für alle anderen Rohstoffe, von denen es insgesamt fünf verschiedene Arten in unterschiedlichen Wertigkeitsstufen gibt, und natürlich auch für die Kämpfe: Wer ein guter Schwertkämpfer werden will, muss eben viele Gegner mit dem Schwert erlegen. Solche passiven Fähigkeiten werden auf einem riesigen, "Destiny Board" genannten Skillbaum festgehalten. Dazu kommt, dass es keine Klassen wie Magier, Jäger oder Krieger gibt und somit auch keine erlernbaren Zauber oder Kampfskills. Fähigkeiten sind an Rüstungen und Waffen gebunden – ein bestimmter Bogen verleiht uns etwa die Kraft, einen kräftigen Schuss mit Gebietsschaden abzufeuern. Die Kampffertigkeiten steuern wir leicht mit wenigen Mausklicks oder Hotkeys, wobei die Kämpfe dank der Iso-Perspektive von schräg oben an Hack'n'Slash-Games wie "Diablo" erinnern.

Wer sich in "Albion Online als Jäger... fullscreen
Wer sich in "Albion Online als Jäger...
...oder Sammler verdingt... fullscreen
...oder Sammler verdingt...
...stellt mit der Zeit immer bessere Ausrüstung her. fullscreen
...stellt mit der Zeit immer bessere Ausrüstung her.
Auf dem "Destiny Board" wird unser Fortschritt in unterschiedlichen Disziplinen festgehalten. fullscreen
Auf dem "Destiny Board" wird unser Fortschritt in unterschiedlichen Disziplinen festgehalten.
Wer sich in "Albion Online als Jäger...
...oder Sammler verdingt...
...stellt mit der Zeit immer bessere Ausrüstung her.
Auf dem "Destiny Board" wird unser Fortschritt in unterschiedlichen Disziplinen festgehalten.

Schon nach wenigen Spielstunden zeigt sich, wie akribisch die einzelnen Aspekte von "Albion Online" ineinandergreifen und welche Möglichkeiten das Spiel dadurch eröffnet. Es gibt zum Beispiel gar keinen Zwang zu kämpfen – wir können auch einfach nur Werkstoffe sammeln, craften und unsere Errungenschaften auf lokalen Marktplätzen an andere Spieler verkaufen. Von dem Geld kaufen wir uns vielleicht eine Insel, auf der wir Karotten anpflanzen und direkt aus dem eigenen Shop heraus verkaufen. Oder wir eröffnen eine Schmiede, in der wir anderen Spielern gegen etwas Silber neue Waffen bauen.

"Albion Online" erinnert durch diese Offenheit an ein etwas einsteigerfreundlicheres "Eve Online" in einer Mittelalter-Fantasywelt, wo tatsächlich jeder nach seiner Fasson glücklich werden kann und auf wirtschaftliche oder militärische Weise einen Beitrag zu einer virtuellen Parallelwelt mit geschlossenem Wirtschaftssystem leistet. Apropos Wirtschaft: Weil Schnellreisefunktionen nur in sehr eingeschränkter Form existieren, ist selbst das Dasein als fahrender Händler möglich. Wer zum Beispiel in einer Stadt mit vielen Eisenminen günstig Eisen einkauft und es zum Verkauf über die halbe Karte in eine andere Stadt karrt, kann ordentlich Gewinn machen.

Plattformübergreifend sammeln, craften und kämpfen

Das alles läuft aber natürlich nur rund, wenn genügend Spieler mitmachen. Zum Launch kann sich "Albion Online" über fehlende Beteiligung dabei nicht beklagen; die Server sind zu Hochzeiten sogar manchmal ein wenig zu voll. Um eine dauerhaft hohe Spielerzahl zu garantieren setzt Sandbox Interactive auf ein plattformübergreifendes Konzept: "Albion Online" ist nämlich nicht nur für Windows und OSX verfügbar, sondern auch für Linux und sogar Android- und iOS-Tablets, wobei alle Plattformen auf demselben Server spielen – wohl ein Novum im MMORPG-Genre. Zusätzlich zur PC-Version haben wir das Spiel auch auf einem Android-Tablet getestet, wo es aber ständig abstürzte. Hier bessert der Entwickler hoffentlich noch nach. Potenzielle Spiel- und Handelspartner sind aber dennoch in Massen vorhanden und das Potenzial sollte man nutzen: Im Zusammenspiel entfaltet "Albion Online" nämlich erst seinen ganzen Reiz.

Ein Fest für Teamplayer ...

Zwar können auch Solo-Spieler in "Albion Online" auf ihre Kosten kommen. Wer es ernst meint mit dem Game, sollte sich aber schnell eine gut funktionierende Gilde suchen, denn dort kann dann wirklich jeder auf seine Weise zum Ganzen beitragen: Die einen kämpfen, die anderen schmieden Ausrüstung für die Krieger, wieder andere schaffen Ressourcen heran. In dezidierten PvP-Gebieten finden wahre Kriegszüge gegen andere Gilden statt und die Spieler-Zusammenschlüsse können sich in mächtigen Burgen niederlassen, die dann wiederum erobert werden können. Für die richtige Würze im PvP sorgt ein zurückgekehrtes Feature aus MMO-Urgesteinen wie "Ultima Online": Getötete Charaktere können von anderen Gamern komplett ihrer Ausrüstung entledigt werden. Gerade später im Spiel dürfte das sehr schmerzhaft sein, es gibt dem Ingame-Tod aber ein bisschen Relevanz zurück – und ermöglicht es Spielern zum Beispiel, auch als Strauchdieb tätig zu werden und fahrende Händler mit dem Schwert um ihre Ware zu bringen.

Rein ins Getümmel! Die "Albion Online"-Server sind aktuell gut besucht. fullscreen
Rein ins Getümmel! Die "Albion Online"-Server sind aktuell gut besucht.
In Städten und Gildenfestungen bauen andere Spieler ihre Shops auf und verkaufen Gegenstände und Dienstleistungen. fullscreen
In Städten und Gildenfestungen bauen andere Spieler ihre Shops auf und verkaufen Gegenstände und Dienstleistungen.
Wer es beschaulich mag, kauft sich eine Insel samt Haus. fullscreen
Wer es beschaulich mag, kauft sich eine Insel samt Haus.
Dort lässt sich auch ein Garten anlegen. fullscreen
Dort lässt sich auch ein Garten anlegen.
Die Ernte unserer Möhrenfelder... fullscreen
Die Ernte unserer Möhrenfelder...
...verkaufen wir anschließend im Auktionshaus. fullscreen
...verkaufen wir anschließend im Auktionshaus.
Rein ins Getümmel! Die "Albion Online"-Server sind aktuell gut besucht.
In Städten und Gildenfestungen bauen andere Spieler ihre Shops auf und verkaufen Gegenstände und Dienstleistungen.
Wer es beschaulich mag, kauft sich eine Insel samt Haus.
Dort lässt sich auch ein Garten anlegen.
Die Ernte unserer Möhrenfelder...
...verkaufen wir anschließend im Auktionshaus.

... aber eher nichts für Zwischendurch

Die Vielzahl der möglichen Karrieren in "Albion Online" deutet schon an: Für Gelegenheitsspieler ist das Game nur bedingt geeignet. Wer aus den mannigfaltigen Mechaniken den vollen Nutzen ziehen will, muss ordentlich Zeit investieren. Je nach gewähltem Beruf kann das ewige Rumlaufen, Sammeln und Craften gerade für Solospieler dabei gelegentlich in monotone Arbeit ausarten, zumal "Albion Online" wie gesagt kaum Story und wenig Schauwerte bietet: Die Grafik ist hübsch bunt, aber auch recht detailarm und eckig – wohl ein Kompromiss für die Tablet-Tauglichkeit. Leidenschaft fürs Sammeln ist also Pflicht, genau wie eine gewisse Lust am Zusammenspiel: Auf Dauer ist der Kontakt zu anderen Spielern unausweichlich, Sprachchat-Programme wie TeamSpeak oder Discord zur Absprache sind zudem bei fast allen Gilden Aufnahmevoraussetzung. Wer eher schüchtern ist oder lieber sein eigenes Süppchen kocht, könnte sich damit möglicherweise schwer tun.

Fazit: Ein potenziell großartiges MMORPG

Ja, "Albion Online" hat sich viel vorgenommen und verspricht viel. Ideen wie eine komplett spielergenerierte Wirtschaft, klassenloses Rollenspiel und dutzende Entwicklungsmöglichkeiten für die Charaktere sind ambitioniert und ultimativ davon abhängig, ob sich dafür langfristig genügend Spieler begeistern können und ob die soziale und wirtschaftliche Dynamik funktionieren. Zum Launch sind die Server voll, wie das in ein paar Monaten aussieht, bleibt abzuwarten. Wer auf Story, feste Abläufe und grafischen Bombast verzichten kann und vor allem auf der Suche nach einer Rollenspiel-Welt mit vielen Freiheiten ist, sollte "Albion Online" eine Chance geben – am besten mit ein paar Freunden zusammen. Dann fallen nämlich auch die gelegentlich etwas monotonen Aspekte des Spiels nicht mehr so sehr ins Gewicht.

Finanziert wird "Albion Online" übrigens über ein Pay-to-Play-Modell, das heißt: Es wird nur einmal ein Kaufpreis fällig, gespielt wird ab da umsonst – im Unterschied zu Abo-Modellen wie zum Beispiel bei "World of Warcraft". Da Spiel ist dabei in drei unterschiedlich teuren Versionen erhältlich, die von 30 bis rund 100 Euro reichen und unterschiedliche Ingame-Items für einen Startvorteil mitbringen. Ein von vielen Konkurrenten gepflegtes Pay-to-Win-Modell, bei dem sich Spieler gegen Echtgeld immer wieder Vorteile erkaufen können, will "Albion Online" den Entwicklern zufolge gezielt vermeiden.

Albion Online
Albion Online
  • Datenblatt
  • Release-Datum
    17. Juli 2017
  • Genre
    Sandbox-MMORPG
  • Plattform
    PC (Windows, Linux), Mac, Android/iOS (mobil)
  • Publisher
    Sandbox Interactive
  • Entwickler
    Sandbox Interactive
  • USK
    -
Turn-On Score:
4,0
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