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"Anno 1800" im Test: In jeder Hinsicht eine Zeitmaschine

"Anno 1800": Ich bin dann mal weg – ein RTS-Game als Zeitmaschine.
"Anno 1800": Ich bin dann mal weg – ein RTS-Game als Zeitmaschine.

Mit "Anno 1800" soll die traditionsreiche Strategiespielreihe von Ubisoft an alte Erfolge anknüpfen. Tatsächlich verblüfft das Game durch seinen vielschichtigen Anspruch, der mich fordert, auch wenn ich am liebsten nur verträumt dem quirligen Leben meiner Inselbewohner zusehen würde. Ob sich der Ausflug ins Zeitalter der Industrialisierung lohnt, verrät Dir unser Test.

Die beliebte Strategiespielserie aus deutscher Entwicklung nimmt sich nun also das Zeitalter der Industrialisierung als thematischen Background vor. Tatsächlich ergibt das Setting Sinn, der Umbruch von bäuerlicher Agrarwirtschaft zur Ära der Fabrikschlote und Ausbeutung der Arbeiterklasse eignet sich hervorragend für ein Spiel wie "Anno 1800".

Zwar kann man bemängeln, dass die negativen Seiten des industriellen Zeitalters für Mensch und Natur im Spiel nur vage angerissen werden. Allerdings ist dies keine historisch akkurate Simulation – im typischen Modus Operandi von Ubisoft kokettiert auch "Anno 1800" nur mit politischen Themen, ohne diese wirklich aufarbeiten zu wollen. Hierfür muss sich das französische Unternehmen zurecht immer wieder Kritik anhören. Aber gut, in diesem Game stört mich die mangelnde historische Tiefe zugegeben nur wenig – wer richtige Politsatire im Strategiegenre sucht, findet sein Glück im (ebenfalls fabelhaften) "Tropico 6".

Ciao Realität! "Anno 1800" ist in jeder Hinsicht eine Zeitmaschine

"Anno 1800" bietet auch für Profi-Strategen das richtige Toolset, um im Handumdrehen eine perfekt durchgeplante Stadt mit effizient laufenden Produktionsketten am Reißbrett durchzuplanen. Aber als Chefstratege spiele ich das neue Ubisoft-Game nicht, sorry. Stattdessen mäandere ich beim Bauen meiner Inselsiedlung hin und her, zoome ständig hinein, wenn meine Bewohner mal wieder eine launige Parade abhalten, und freue mich bei jeder neu gebauten Brauerei darüber, die entsprechende Oktoberfest-Stimmung vor Ort beobachten zu dürfen.

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Karneval: Auf den Straßen in "Anno 1800" ist immer was los!

So oder so, "Anno 1800" ist kein Spiel für Leute mit wenig Freizeit – der Echtzeitstrategie-Blockbuster gehört eher zur Kategorie "Zeitmaschine": Selbst wenn ich nur noch mal kurz reinschauen wollte, waren nach einem gefühlten Augenzwinkern wieder Stunden an Spielzeit verstrichen. Die Verkettung der vielen Spielelemente führt immer wieder dazu, dass ich "nur noch mal eben kurz" ein paar Minuten dranhänge. So gesehen bekommt man für sein Geld eine ganze Menge "Anno" geboten, kann sich dafür aber schlimmstenfalls vom einen oder anderen Hobby verabschieden.

Vorgetäuschtes Chaos & liebevolle Mini-Stories

Der Grund dafür, dass ich immer wieder genüsslich im Spiel versinke: "Anno 1800" wirkt lebendig und täuscht dabei ein sympathisches Chaos vor, das sich immer gerade noch geordnet genug präsentiert, um mir nicht das Gefühl von Kontrollverlust zu geben. Das schafft das Strategiespiel mit kleinen Details wie den wiederkehrenden Wimmelbild-Quests, die es bereits in früheren "Anno"-Teilen gab: Die Bewohner meiner Stadt bitten mich um Hilfe, innerhalb eines vorgegebenen Zeitrahmens jemanden oder etwas zu finden – zum Beispiel einen Saufbold, Brandstifter oder einen streunenden Hund. Solche kurzen Suchaufgaben wirken wie in sich abgeschlossene Mikrostories, die "Anno 1800" zu mehr Tiefe verhelfen.

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Im Herzen jeder Stadt: Das Brauereihaus.

Die Kampagne als Beiwerk: Kürzer wäre auch okay

Ubisoft BlueByte hat "Anno 1800" auf drei große Gameplay-Säulen gestellt: Die Kampagne, die sich vor allem an Einsteiger richtet, das Endlosspiel und den Multiplayer, in dem man sowohl mit- als auch gegeneinander spielen kann. Die Entwickler aus Mainz waren sich laut eigener Aussage von vornherein darüber im Klaren, dass ein Großteil der Spieler sich direkt in den Sandbox-Modus im freien Spiel stürzen würden. Entsprechend eindimensional fühlt sich die Kampagne für mich an – bereits nach etwa zwei Dritteln der Story empfinde ich die Handlung beim Spielen eher wie eine störende Ablenkung. Da die Story auch nicht besonders viel Tragweite vermittelt, hätte mir stattdessen vielleicht auch ein kürzeres Tutorial gereicht.

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Die Kampagne von "Anno 1800" fühlt sich etwas an wie ein zu langes Tutorial.

Der Kern der Sache: Vielschichtiges Multitasking ist gefragt

So richtig ans Eingemachte geht es bei "Anno 1800" aber definitiv erst im freien Spiel, allein oder im Multiplayer-Modus. Erwartungsgemäß müssen unterschiedliche Produktionsstrecken ausgebaut werden, um das eigene Reich erfolgreich zu erweitern. Ein zentrales Gameplay-Element ist dabei vor allem, die Arbeitskräfte effizient zu verteilen, die in fünf verschiedenen Stufen verfügbar sind. Einfache Bauern können zu Arbeitern, Handwerkern, Ingenieuren und zuletzt Investoren auf- und wieder abgelevelt werden. Jede Stufe hat unterschiedliche Bedürfnisse, die befriedigt werden müssen, kann dafür aber auch verschiedene Produkte und Dienstleistungen erzeugen.

So liegt die eigentliche Schwierigkeit von "Anno 1800" darin, als Spieler gleichzeitig mit Vorgängen auf unterschiedlichen Ebenen zu jonglieren. Nicht alle Rohstoffe lassen sich auf der eigenen Hauptinsel finden oder anbauen. Ganz "Anno"-typisch muss ich also bald ein weiteres Eiland besiedeln und es entsteht eine weitere Stadt, deren Wirtschaft ich in Gang bringe, während die ursprüngliche Siedlung simultan am Laufen gehalten werden muss. Parallel komme ich nicht umhin, Handel und Diplomatie mit anderen Nationen aufzunehmen oder Schiffe auf Expeditionen zu schicken, deren Verlauf ich durch eine Art Multiple-Choice-Minigame beeinflusse.

Noch nicht genug? Die Neue Welt ist auch noch da

Mit der Neuen Welt eröffnet sich mir schließlich eine zweite Map mit völlig anderen Ressourcen, Produktionsstätten und Luxusgütern, die von meinen Flotten in die Alte Welt exportiert werden wollen. Ehe ich mich versehe, muss ich also auf zwei Weltkarten gleichzeitig die Bedürfnisse mehrerer Siedlungen in Balance halten und Ressourcen hin und her schieben. Komplexität ist in "Anno 1800" also durchaus gegeben. Nur gut, dass ich als eher gemütlicher Spieler im Freien Spiel vor dem Start die Bedingungen ausgiebig anpassen kann.

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Die Neue Welt: Zuckerrohr und Bananen statt Kartoffeln und Getreide.

"Anno 1800" hat ein mitreißendes Eigenleben

Nicht zuletzt sorgt auch die wirklich schöne Grafik für das wohlig gemütliche Feeling in "Anno 1800". Viele verschiedene Charaktere in zeitgemäßem Look verleihen der Spielwelt Flair. Auch wenn die Menge der unterschiedlichen Figuren-Konterfeis begrenzt ist: In einer der Kampagnen-Missionen etwa sollte ich einen bestimmten Häftling auf einer Gefängnisinsel ausfindig machen. Jede der Figuren, die ich per Mausklick anwählte, wurde zwar mit unterschiedlicher Stimme, aber mit dem immer gleichen Gesicht dargestellt. Kein Drama, aber im Kontext der sonst so schönen Grafik fällt so etwas eben auf.

Und klar, selbst mich – den verträumten "Anno"-Touristen im Sightseeing-Modus – nerven die sich wiederholenden Sprachausgabe-Schnipsel der Inselbewohner mittlerweile: "Mama, dürfen wir auf dem Acker spielen?" oder "Wir müssen Mäuse haben, in der Scheune sind Eulen" tönt es immer wieder aus den Wohngebieten meiner Stadt. Trotzdem stärkt auch der Klangteppich von "Anno 1800" insgesamt das Gefühl, dass meine liebevoll gestaltete Insel über ein Eigenleben verfügt. Selbst die Tatsache, dass Perks für Gebäude oder Schiffe oft in Form von menschlichen Figuren ins Spiel kommen, trägt dazu bei, der Welt ein Gesicht zu geben.

Anno 1800 in Ego-Perspektive

Auf die Spitze werden der Charme und das liebevoll gestaltete Ambiente von "Anno 1800" übrigens von einem tollen Easter Egg getrieben: Per Tastenkombination Steuerung + Shift + R darf ich meine Siedlungen in der Ego-Perspektive erkunden, komplett mit funktionierender WASD-Steuerung. Das wimmelige Treiben auf den Straßen wird selbst durch die pixelige Nahansicht kaum getrübt. So lässt sich das Spiel tatsächlich am gemütlichsten genießen.

In der Ego-Perspektive lässt sich "Anno 1800" gemütlich entdecken. fullscreen
In der Ego-Perspektive lässt sich "Anno 1800" gemütlich entdecken.
So kommen tolle Details wie die Kampf-Arena in der Neuen Welt zur Geltung. fullscreen
So kommen tolle Details wie die Kampf-Arena in der Neuen Welt zur Geltung.
Die Bewohner der Inseln gehen täglichen Aufgaben nach. fullscreen
Die Bewohner der Inseln gehen täglichen Aufgaben nach.
In der Ego-Perspektive lässt sich "Anno 1800" gemütlich entdecken.
So kommen tolle Details wie die Kampf-Arena in der Neuen Welt zur Geltung.
Die Bewohner der Inseln gehen täglichen Aufgaben nach.

Fazit: Lebendige Spielwelt für Gelegenheits- und Hardcore-Strategen

Zu "Anno 1800" bei SATURN

Insgesamt verschmelzen die vielen liebevollen Details von "Anno 1800" zu einer lebendigen Spielwelt, für die ich das Game einfach gern haben muss. Echte Strategen werden in dem Ubisoft-Spiel Vielschichtigkeit sowie großen Umfang vorfinden, nicht umsonst wurde "Anno 1800" in engem Austausch mit den Hardcore-Fans entwickelt. So ist der neue Teil auch für Spieler der früheren Strategie-Klassiker aus der "Anno"-Reihe empfehlenswert. Einsteiger finden ein vorzügliches RTS-Game vor, sollten sich aber der im späteren Spielverlauf anspruchsvollen Herausforderung bewusst sein.

Das hat mir gut gefallen Das hat mir weniger gut gefallen
+ Vielschichtig und komplex - Kampagne wirkt etwas fade
+ Voller liebevoller Details

 

Anno 1800
Anno 1800
  • Datenblatt
  • Genre
    Echtzeitstrategie
  • Plattform
    PC
  • Release-Datum
    16. April 2019
  • Entwickler (Publisher)
    BlueByte (Ubisoft)
TURN ON Score:
4,7von 5
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